Collector Stories

Martin Lenikus

Vienna, Austria

„Kunst sammeln ist gelebte Innovation“

Martin Lenikus gehört ohne Zweifel zu den prägenden Figuren der Wiener Kunstszene. Mit der Sammlung Lenikus, aber auch als Initiator eines wegweisenden Residency-Programms unterstützt er gezielt die Entwicklung junger Kunstpositionen aus Österreich. Wir sprachen mit dem vielseitig aktiven Unternehmer und Angela Akbari, der Leiterin der Sammlung Lenikus, über die Entwicklung der Sammlung, Räume für Kunst und ihre neue Sammlungspublikation.

Wenn man die Website der Lenikus-Gruppe besucht, springt einem als erstes das Motto „Nichts ist riskanter, als nichts zu riskieren“ ins Auge. Ist die Beschäftigung mit Kunst für Sie eines dieser notwendigen, lohnenden Risiken?
AA: Jedes Unternehmen kann von künstlerischen Praktiken lernen, sich den stetig verändernden Herausforderungen der Zeit auszusetzen, im Sinne eines Sich-Einlassens auf Zufälligkeiten, die neue Erkenntnisse, Herangehensweisen und, darauf beruhend, Handlungsanweisungen hervorrufen. Das ist in unserem Verständnis gelebte „Innovation“. In der Kunst haben wir es, und ich argumentiere hier mit Dieter Mersch, möglicherweise – zumindest ist das eine legitime, fruchtbare These – mit einem sehr kalkulierten und reflexiven Vermögen zu tun. Künstler und Künstlerinnen setzen sich mit den Grenzen der Rationalisierbarkeit auseinander, also auch mit dem, was kaum ausdrückbar ist und sich immer am Rande befindet. Denn vor allem dort, wo Ränder sind, wo man gleichsam am Rande des Absturzes geht, kann Schöpferisches sich ereignen. Künstlerisches Schaffen hat damit zu tun, sich auszusetzen: der Welt, dem Material, und sich damit der Kunst hinzugeben. Zufälle spielen dabei eine besondere Rolle. In diesem Sinne ist die Unternehmensgruppe Lenikus stets bereit, Risiken zu erkennen und, wenn nötig, mit Blick auf die sinnvolle Evolution ihrer Möglichkeiten bewusst einzugehen.

Neben Risikobereitschaft ist Individualität ein weiteres Ihrer Leitbilder. Haben Sie eine ganz persönliche Geschichte, die Sie an die Kunst und das Sammeln von Kunst herangeführt hat?
ML: Mein „Aha-Erlebnis“ mit Kunst waren die frühen Helnwein-Arbeiten, die mich als junger Student sehr stark berührt haben, die ich mir aber damals nicht leisten konnte. Trotzdem war der Kontakt zur Kunst, die Anziehungskraft, die sie auf mich ausübt, damit hergestellt. Es ist ein großes Glück, sehen zu können und wenn man im Laufe des Lebens lernt, durch Sehen auch zu erkennen. Individualität verstehen wir so, dass wir jeden Fall als Einzelfall wahrnehmen. In einem bestimmten Weingarten zum Beispiel mit speziellen Voraussetzungen – Lage, Licht, Luft, Boden und vieles mehr – machen nur bestimmte Rebsorten Sinn. Die Gegebenheiten zu erkennen und mit der eigenen Vision zu verbinden, also individuelle Lösungen zu finden, das ist die immer spannende Aufgabe, die sich uns stellt. Diese Herausforderung anzunehmen, die eigenen Vorstellungen mit dem Gegebenen in einen Dialog zu bringen – so komme ich persönlich weiter und so können unsere Projekte ihren jeweils einmaligen, individuellen Ausdruck finde.

Lenikus Web 21
Lenikus Web 01

Sie haben mit Namen wie Muehl, Damisch oder Rainer begonnen, sich aber dann zunehmend für ganz junge Positionen interessiert. Was war der Auslöser für diese Entwicklung?
ML: Mangels Budgets waren bereits meine frühen Ankäufe Werke von jungen Künstlerinnen und Künstlern. Mit dem ersten Geld konnte ich dann ab und zu auch arrivierte Positionen erwerben. Emanuel Layr, damals noch ganz junger Galerist, machte mich auf das Fehlen von günstigem Arbeitsraum gerade für sehr junge Künstler aufmerksam. Und wie es der Zufall wollte, konnte ich hier aushelfen. Viele Jahre arbeiteten etliche in der Zwischenzeit etablierte Künstler und Künstlerinnen in den von der Lenikus-Gruppe kostenlos bereitgestellten Häusern am Bauernmarkt 1 und 9. Zum Beispiel Svenja Deininger, Carsten Fock, Isabella Kohlhuber, Nick Oberthaler, Sarah Pichlkostner, Jannis Varelas, Anna Vasof, um nur einige wenige zu nennen. Ab und zu besuchte ich die Ateliers. Mir gefiel vieles – nicht alles –, und so kaufte ich immer wieder Werke der dort arbeitenden Künstler an. Es ist also, im besten Sinne, einfach passiert.

Sie bauten Ihre Sammlung gemeinsam mit den Beiräten Jasper Sharp und Francesco Stocchi auf. Angela Akbari arbeitet als Sammlungsleiterin für Sie. Wie ist es, mit so angesehenen Experten zu arbeiten? Wie sieht die Arbeitsteilung aus?
ML: Der Vollständigkeit halber muss ich noch die weiteren Beiratsmitglieder ergänzen: Christian Fink, Emanuel Layr, Cosima Rainer und Eva Maria Stadler. Sie alle waren zu jeweils  unterschiedlichen Zeiten der Sammlung sehr wichtige Impulsgeber, und ich schätze sie alle sehr für ihre Expertise. Ihre Unterstützung war essenziell für meine Entwicklung in Sachen Kunst und Aktivitäten der Sammlung. Die Kunsthistorikerin Angela Akbari hat dabei die nicht immer einfache Rolle innegehabt, die unterschiedlichen Standpunkte zu fokussieren und dann die notwendigen Schritte zur Umsetzung durchzuführen. Im Laufe der Zeit wurde es sogar noch vielfältiger: Die Kooperationen mit der Universität für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste in Wien waren ja so gelagert, dass die dortigen Professorinnen und Professoren eine Vorauswahl trafen und ihre Favoriten für das nationale Lenikus Artist in Residence Programm nominierten. Man kann daher sagen, dass die Sammlung eine Vielstimmigkeit künstlerischer Positionen erlaubt und gerade das ihren Charme für mich ausmacht. Derzeit sind wir dabei, ein neues Konzept für die Sammlung zu überlegen und so die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder der Unternehmensgruppe noch stärker miteinzubeziehen. Daher können auch unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Sinne der Kunst in Zukunft noch mehr aktiviert werden.

Und wie stellen Sie sicher, dass die Sammlung bei aller Professionalisierung einen persönlichen Charakter behält?
AA: So wie eine Persönlichkeit viele Facetten haben kann und gerade das eine interessante Person ausmacht, so darf auch die Kunstsammlung der Lenikus-Gruppe ihre unterschiedlichen Formen, Ausprägungen und Gesichter mit den einmaligen Zufällen, die ihr auf dem Weg begegnen, entwickeln. Der Text „Gelenkter Zufall. Entstehung und Schwerpunkte der Sammlung Lenikus“ von Nina Schedlmayer nimmt in der demnächst erscheinenden Publikation über die Sammlung Lenikus auf dieses Prinzip sehr schön Bezug.

Lenikus Web 26

Haben Sie bestimmte Lieblingsstücke in Ihrer Sammlung? Mit welchen Kunstwerken leben Sie Tag für Tag?
ML: Ich mag Künstler, die mir mit ihrer Beharrlichkeit und Kompromisslosigkeit in ihrer Arbeit jeden Tag neue Inspiration schenken, aber natürlich muss ich mich auch mit den Sujets und der Umsetzung verbunden fühlen. Generell möchte ich solche „Lieblingsstücke“ aber nicht benennen, da das auch ein in ständiger Wandlung befindlicher Prozess ist. Wenn Sie unser Buch durchblättern, werden Sie allerdings einige Favoriten finden …

Es gibt aber mit Sicherheit auch noch Dinge, auf die Sie ein begehrliches Auge geworfen haben und die Sie noch gerne in Ihrer Sammlung hätten. Welche Ankäufe stehen denn an? Und welches Kunstwerk würden Sie gerne besitzen, wenn Sie sich alles wünschen könnten?
ML: Für unsere Immobilien- und Hotelprojekte suche ich noch nach Künstlerinnen und Künstlern beziehungsweise Designern und Designerinnen, die in dem komplexen Feld der Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse, künstlerischer Praktiken und gesellschaftlich relevanter Ausdrucksformen arbeiten. Aber das muss dann richtig passen, und ich muss es mir halt auch leisten können und wollen. Wenn Sie mir eine Freude machen wollten, so geht das ganz einfach: Kardinal und Nonne sowie Die Eremiten von Egon Schiele und ein Totem von Keith Haring. Ich wäre aber auch schon mit Zeichnungen dieser Jahrtausendkünstler sehr glücklich.

Sie haben das Buch „Ephemeral Space: The Lenikus Collection“, das Ihre Sammlung gerade mit dem Verlag für moderne Kunst herausgebracht hat, bereits erwähnt. Was war der Auslöser, ein solches Buchprojekt zu starten?
ML: Die Idee für ein klassisches Sammlungsbuch mit Werken der Sammlung und einer Veranschaulichung der Artist-in-Residence-Programme gab es schon länger. Angela Akbari hat nach der Rückkehr von ihren Forschungsreisen rund um die Welt die Konzeption des Buches erweitert. Ganz besonderes Merkmal der Sammlung ist – um es musikalisch zu sagen – Polyphonie. Ein Beispiel unter vielen: die Einladung der Bar du Bois durch Cosima Rainer an Künstlerinnen und Künstler vom Bauernmarkt 9, die dann fast zwei Jahre lang dort tolles Programm gemacht haben. Um zeitlich zurückzugehen: Space Invasion von Elsy Lahner, COCO von Severin Dünser und Christian Kobald. Und es wären noch viele andere zu nennen. Alle diese Projekte haben zwar nicht unbedingt immer Einfluss auf die Ankäufe von Kunstwerken in die Sammlung gehabt, hinterließen aber ihren ganz besonderen Eindruck auf das Kulturleben der Stadt und auch auf meine Sicht der Kunst. So ist das Buch als Hommage und Dank an alle Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffenden zu sehen, welche die ihnen gegebenen Möglichkeiten voll ausschöpften und damit Einmaliges realisierten.

Lenikus Web 12
Martin Lenikus Web 03
Lenikus Web 22
Lenikus Web 13

Das Buch wirft einen Blick zurück auf Ihre jahrelange Sammlungs- und Fördertätigkeit. Auf welche Highlights, die Sie in „Ephemeral Space“ dokumentieren konnten, sind Sie besonders stolz?
ML: Besonders stolz macht mich die Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten, die sich ergeben hat. Von dieser können sich alle Interessierten in der von Ihnen genannten Publikation, gestaltet vom wirklich großartigen Grafiker Christian Schienerl, ab Herbst diesen Jahres selbst ein Bild machen.

Ein zentraler Aspekt des neuen Buches ist Raum – der Raum, den Künstlerinnen und Künstler zum Arbeiten brauchen. Wie sehen Sie als Kunstsammler und als Immobilienentwickler die Umsetzung von Zwischennutzungskonzepten? Was sind die Voraussetzungen für das Gelingen solcher Ansätze?
ML: Wir waren in Wien damit absoluter Vorreiter! Dessen ungeachtet: Zwischennutzungsprojekte sind schöne Gelegenheiten, Künstlerinnen und Künstler durch das Bereitstellen von Raum die Möglichkeit zum fokussierten Arbeiten und zur Präsentation zu geben und zugleich Leerstand zu vermeiden. Dies muss allerdings gut überlegt sein, um zu gelingen. Einerseits ist eine inhaltliche Vision wichtig, andererseits sollten auch die Vertragsbedingungen zwischen den Parteien klar definiert sein. Die Idee dahinter ist, das Kulturleben in Wien in Bewegung zu halten und Kunstschaffenden durch Zwischennutzung Unterstützung im Aufbau ihrer Karrieren zu geben.
Meines Erachtens ist es ganz wichtig, leer stehenden Raum zu aktivieren. Jeder Mensch, jedes Unternehmen kann ganz eigene Ideen dafür entwickeln. Bei uns ist es eben die bildende Kunst, die relevant ist. Andererseits erweitern auch wir unseren Fokus in Richtung Design und unterstützen bereits andere Initiativen mit Räumlichkeiten.

AA: Eine der Grundintentionen der Publikation der Sammlung Lenikus ist, ein sehr anschauliches und hoffentlich ansprechendes Beispiel dafür zu geben, wie viel Unerwartetes, Überraschendes und Qualitätvolles aus dem „einfachen“ Bereitstellen von Räumlichkeiten entstehen kann. Ich hoffe, dass dadurch auch andere Anregung finden, ihre eigenen Möglichkeiten zu evaluieren, und selbst solche Maßnahmen ergreifen werden. Für die Kunst, für die Kultur, für die Unterstützung junger Unternehmen – was genau dann geschieht, ist ja ganz frei und individuell und selten vorhersehbar – im positiven Sinne! Es ist schön, dass die Unternehmensgruppe Lenikus bereits so früh damit begonnen hat, und ich hoffe, es wird dahingehend noch viele weitere Initiativen von privater und staatlicher Seite geben.

Ihr Portfolio umfasst nicht nur Kunst und Immobilien, Sie sind auch als Winzer und Hotelier aktiv. Gibt es Fähigkeiten, Inspirationen, Wissen oder Weisheiten, die Ihnen in allen diesen Bereichen hilfreich sind?
ML: Finde deinen eigenen Weg. Tu’, was dich beseelt und anderen auch nützt. Und glaube niemals, dass du angekommen oder weise bist!

Zum Abschluss: Haben Sie Empfehlungen, welche Künstlerinnen und Künstler man auf jeden Fall im Auge behalten sollte in den nächsten Jahren?
ML: Schauen Sie in unser Buch, da sind ganz viele der zukünftigen Stars versammelt!

Interview: Gabriel Roland
Fotos: Christoph Liebentritt

Links: Webseite von Martin Lenikus
Verlag für moderne Kunst
Sammlung Lenikus

#loveart, #martinlenikus, #angelaakbari

Connect with us
Als Subscriber erfahren Sie als erstes von neuen Stories und Editionen, und erhalten unser wöchentliches Culture Briefing.