Collector Stories

Timo Miettinen

Helsinki, Finnland

»Mit Blick auf finnische Kunst kann man noch die eine oder andere Überraschung erleben.«

Die nordeuropäische Szene für zeitgenössische Kunst entwickelt neue Dynamiken und wird zunehmend von internationalen Sammlern beobachtet. Mit den Nordic Notes lenken wir regelmäßig den Blick auf die nordische Kunst- und Kulturszene und stellen ihre wichtigsten Akteure vor.

Wir befinden uns in der Ludviginkatu in Helsinki, einem wunderschönen Haus aus der Gründerzeit.
Das Haus hat eine sehr interessante Geschichte. Es gehört mittlerweile unserer Familie. Im Obergeschoss befindet sich die Wohnung von meiner Frau und mir. Auch einige andere Familienmitglieder bewohnen das Haus. Und natürlich befindet sich hier auch das Family Office unseres Unternehmens, der Em Group Oy, das mein Vater in den 1950er Jahren gegründet hat und immer noch in Familienhand ist. Meine drei Schwestern und ich sind die Eigentümer.

Sie zeigen hier einen Teil Ihrer Kunstsammlung, die auch besichtigt werden kann. Wie begann es mit dem Sammeln?
Ich denke, ich war immer ein Sammler. Ich habe Briefmarken gesammelt und Münzen. Meine Mutter hatte großes Interesse an finnischer Landschaftsmalerei, und so haben wir beide begonnen diese zu sammeln und sind gemeinsam viel in Galerien und zu Versteigerungen gegangen. Als Fünfzehnjähriger fand ich das alles sehr spannend. Wir sammelten Landschaftsmalerei vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts und waren nur auf finnische Kunst fokussiert. Wir Finnen lieben ja unsere Landschaft so sehr. Deshalb war es für uns naheliegend, dass wir Landschaftsmalerei sammelten. Uns kam gar nicht in den Sinn, uns für internationale Kunst zu interessieren. Zur heutigen Sammlung war es ein weiter Weg. Ich war schon immer sehr an den „schönen Dingen“ interessiert. Selbst wenn ich Diplomingenieur geworden bin, ich sehe das Sammeln irgendwie als Ausgleich.

Hier in Ihrem Büro haben Sie auch einiges an finnischem Design.
Design hat mich ebenfalls schon immer sehr interessiert. Finnisches Möbeldesign, vieles davon von Alvar Aalto, gehört hier in Finnland zum Alltag. Wir haben sehr viele Möbel und Lampen von Artek, der Firma, die Alvar Aalto und seine Frau Aino gegründet haben. Hier im Büro in Helsinki habe ich aber nicht mehr viel davon. Die anfängliche Konzentration auf Landschaftsmalerei – das waren oft imposante Gemälde in Goldrahmen – verstanden wir auch als Gegenpol zu den Möbeln von Alvar Aalto und deren Funktionalismus. Viele der Möbel und Lampen sind irgendwo im Lager. Es ist aber etliches an Finnischem in unserem »Salon Dahlmann« in Berlin zu sehen.

Sie sprechen den »Salon Dahlmann« gerade an. Das ist sozusagen Ihre Dependance in Berlin. Was können wir darunter verstehen?
Mitten in Charlottenburg in Berlin, in einer Seitenstraße des Kudamms haben wir ein Haus, in dem wir wechselnde Ausstellungen zeigen, die unter anderem aus Werken unserer Sammlung bestehen. Benannt haben wir den »Salon Dahlmann« nach der früheren Hausbesitzerin. Mir ist es ganz wichtig, dort finnische Kunst zu zeigen, denn ich denke, dass man in Berlin diesbezüglich noch die eine oder andere Überraschung erleben kann. Ich habe lange in Deutschland gelebt und gearbeitet, daher spreche ich die Sprache auch so gut und fühle mich Deutschland tief verbunden. Berlin war schon immer eine Metropole und ist es in den letzten Jahren noch sehr viel mehr geworden. 

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Spielt sich die Kunst- und Galerieszene denn nicht vor allem in Berlin-Mitte ab?
Als ich nach Charlottenburg, also nach West-Berlin kam, war es so, wie ich mir Deutschland immer vorgestellt hatte. So bin ich im Westen geblieben, obwohl viele, vor allem Jüngere, nach Mitte oder in den Osten gezogen sind. Ich habe übrigens mehr und mehr den Eindruck, dass der Westen im Begriff ist, auch bei Künstlern und Galerien wieder zum alten Glanz zurückzufinden. Die Tradition des »Berliner Salons«, in dem Musiker, Literaten und Maler zusammenkamen, gefällt mir sehr, und es ist mir ein Anliegen, diese wieder zu beleben. Daher möchten wir mit Ausstellungen, Konzerten, Performances und Workshops im »Salon Dahlmann« nicht nur eine große Vielfalt an künstlerischen Formaten bieten, sondern eine echte Begegnungsstätte schaffen. So haben wir im »Salon Dahlmann« etwa Ausstellungen mit Janne Räisänen, Secundino Hernandez, Anselm Reyle/Marianna Uutinen, Henning Strassburger, Noora Geagea oder Matti Kujasalo gezeigt. Im kommenden Jahr, dem 100-jährigen Jubiläum der finnischen Unabhängigkeit, werden wir in Berlin eine Tom-of-Finland-Ausstellung präsentieren, an der wir gerade arbeiten.

Woran, glauben Sie, liegt es, dass es nur wenige finnische Künstler gibt, die international bekannt sind?
Vielleicht, weil wir Finnen ein wenig schüchtern sind? Man hat lange Zeit versäumt, international zu denken. Möglicherweise sind wir im Vermarkten von Kunst noch nicht so gut. Daran müssen wir wahrscheinlich noch arbeiten. Es gibt aber schon ein paar sehr bekannte finnische Künstler und bedeutsame Strömungen, die von Finnland ausgehen. Man denke nur an die »Helsinki School« oder die finnische Fotografie, die schon zu einer Art Marke geworden ist. Natürlich möchte ich auch die weltweit bekannte Videokünstlerin Eija-Liisa Ahtila erwähnen. Mit ihr organisieren wir nächstes Jahr auch eine Ausstellung im »Salon Dahlmann«.

In anderen Bereichen wie der Mode, Architektur oder der Küche ist die Bezeichnung »Nordic« zu einem Label geworden, das international erfolgreich ist. Denken Sie, dass das bei Kunst auch funktionieren könnte?
Das kommt gerade hier in Finnland darauf an, wie man Kunst definiert. Im Kunsthandwerk ist dies, glaube ich, schon gelungen. Es gibt sehr viele herausragende finnische Glaskünstler und auch Marken wie Iittala, die deren Arbeiten in die Welt tragen. In der Architektur und dem Design ist es meiner Meinung nach auch einfacher, denn die Arbeiten von Alvar Aalto, Tapio Wirkkala und Timo Sarpaneva und dessen Weggefährten sind zwar sehr speziell, aber zeitlos. Bei der Kunst ist das etwas schwieriger. Kunst dient keinem Zweck und ist so sehr individuell, dass es schwierig ist, ihr einen Stempel aufzudrücken. Andererseits ist unsere Welt durch die Digitalisierung auch so sehr international geworden, dass es wohl immer weniger länderspezifische Tendenzen gibt. Die gibt es zwar, aber ich glaube, in immer weniger Bereichen. Oder könnten Sie schwedisches Modedesign genau definieren? Oft muss Mode doch dem internationalen Geschmack entsprechen. Sicher gibt es wie immer auch hier Ausnahmen.

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Seit 2004 sammeln Sie zusammen mit Ihrer Frau und Ihren Schwestern internationale zeitgenössische Kunst. Wieso kam es zu der Erweiterung des Sammlungsspektrums?
Meine Frau Iiris ist Architektin. Sie hat übrigens vieles hier im Haus und auch in dem in Berlin entworfen und umgesetzt. Sie interessiert sich ebenso wie ich sehr für Kunst und ist eine meiner wichtigsten Beraterinnen. Für uns war es immer ein Anliegen, eine Brücke zu schlagen zwischen Finnland und Deutschland. Es ist uns nicht nur wichtig, dass finnische Kunst in Deutschland gezeigt wird, sondern ebenso, dass deutsche Gegenwartskunst hier in Finnland gezeigt wird. Es gibt in Finnland nur wenige Museen, die Werke von Georg Baselitz, Albert Oehlen, Katharina Grosse, Günter Förg, Anselm Reyle oder Erwin Wurm in ihren Sammlungen haben. Ich finde, diese Künstler vertreten aber sehr wichtige Positionen, die ich hier niemandem vorenthalten möchte. Als Familie haben wir es uns also zur Aufgabe gemacht, internationale Kunst und eben gerade auch deutsche Kunst zu sammeln und an unsere Heimat weiterzugeben. Wir sammeln nicht nur für uns, wir möchten die Leidenschaft für Kunst mit anderen teilen. Wir sehen Kunst als eine große Bereicherung des Lebens, nicht nur persönlich, sondern, wie ich hoffe, für alle, die sich damit befassen. Viele Leute denken, dass Kunst noch immer etwas für den kleinen Kreis ist. Oft ist es ja leider auch so, das muss sich aber ändern!

Wie entdecken Sie Kunst, die Sie in Ihre Sammlung aufnehmen? Ist es Ihnen dabei wichtig, dass Sie die Künstler persönlich kennen?
Mir ist die Kunst am Anfang wichtiger als die Künstler, daher versuche ich die Künstler erst kennenzulernen, wenn ich mich mit deren Werk auseinandergesetzt habe. Gerade wenn es um jüngere Positionen geht, möchte ich die Künstler nämlich sehr gerne über einen längeren Zeitraum begleiten. Daraus ergibt sich oft eine Freundschaft mit ihnen. So war es beispielsweise bei Secundino Hernandez. Wir haben ihn vor über zehn Jahren entdeckt, das war noch vor seinem großen internationalen Erfolg. Damals hatte er sein Atelier in unserem Haus in Berlin. Heute ist er in guten Galerien vertreten und hat ein großes Atelier in Madrid. Wenn sie mich fragen, wo wir Kunst entdecken, hauptsächlich in Galerien in Helsinki und Berlin. Wir gehen weniger auf die Messen. Ich kaufe auch manchmal direkt, vor allem von jungen Künstlern, die noch nicht in einer Galerie vertreten sind.

Sie sagten eben, dass Ihre Frau Iiris Ihnen dabei als wichtige Beraterin zur Seite steht. Gibt es zwischen Ihnen eine Abmachung oder Regeln, was den Kauf von Kunst betrifft?
Wir haben uns beide sehr früh auf ein paar Prinzipien beim Kunstkauf geeinigt. Alles, was in unseren privaten Räumen hängt, entscheiden wir gemeinsam. Da meine Frau zum Teil einen radikaleren Kunstgeschmack hat als ich, diskutieren wir alles andere manchmal etwas länger. Für sie darf ein Bild zum Beispiel nicht zu fotorealistisch und im konventionellen Sinne schön sein. Wir haben uns aber auch zusammen in die antiken römischen Skulpturen verliebt. Ich wusste lange nicht, dass diese tatsächlich erhältlich sind. Bei einem Besuch in London haben wir eine Galerie entdeckt, die diese anbietet. Wir dachten uns, jedes Jahr eine Skulptur zu kaufen. Leider wurden diese zwischenzeitlich aber zu teuer, daher haben wir nur wenige davon.

Wir haben gelesen, dass Ihre Frau mittlerweile genug von der Kunst hat
Meine Frau hat nicht genug von der Kunst, aber sie sammelt einfach nicht so leidenschaftlich, wie ich das mache. Wenn wir beispielweise in einem Museum sind, kann sie stundenlang dort bleiben. Mir reichen vierzig Minuten. Sie genießt Kunst in aller Tiefe, denkt aber, dass man nicht alles besitzen muss und keine 800 Werke in der Sammlung braucht. Sie hat also nicht von der Kunst genug, sondern eher vom Sammeln. Ich sehe das natürlich ganz anders. (lacht)

Das hört sich danach an, dass Sie noch nie eines Ihrer Kunstwerke aus der Sammlung wieder verkauft haben.
Das stimmt. Ich kann einfach nichts weggeben. Ich sehe die Kunstwerke in unserer Sammlung als Teil meines Lebens. Ich würde vielleicht ein Werk, das ich vor zwanzig Jahren gekauft habe, nicht mehr kaufen. Auch die finnische Landschaftsmalerei, mit der ich die Kunstsammlung begonnen habe, interessiert mich nicht mehr ganz so sehr wie damals. Ich habe aber noch nie ein Kunstwerk verkauft.

Interessiert es Sie denn gar nicht, wenn ein Kunstwerk im Wert steigt?
Wir haben eine große Sammlung von Secundino Hernandez, und wenn ich beobachte, dass er als Künstler gefragt wird und seine Arbeiten entsprechend im Wert steigen, freut mich das natürlich. Ich bekomme zum Beispiel immer wieder Anfragen, ob ich bestimmte Werke von Secundino tauschen möchte gegen eine andere Arbeit. Ich möchte nicht tauschen! Das würde ich nicht übers Herz bringen. Wenn man Kunst alleine wegen der vermeintlichen Wertsteigerung der Arbeiten sammelt, sollte man lieber Aktien kaufen und diese im Depot aufbewahren. Auch denke ich, würde eine Sammlung ziemlich langweilig werden und die Arbeiten würden sich sehr ähneln. Man würde auch wenig Neues entdecken. Für mich ist es wertvoller, einen jungen Künstler eine Weile zu begleiten und ihm zu einer Karriere zu verhelfen.

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Wir haben kürzlich einen Galeristen aus Stockholm getroffen, der meinte, dass die Sammlerszene in Schweden nicht sehr ausgeprägt ist und man eher Geld in Mode investiert als in Kunst. Wie sieht die Sammlerszene in Finnland aus?
Wenn die Sammlerszene in Schweden schon unterentwickelt sein soll, dann ist sie es in Finnland noch mehr. Es gibt ein paar sehr wichtige Kunstsammler in Finnland, etwa die Heino Sammlung und einige andere. Oft ist es aber so, dass sich diese hauptsächlich auf finnische Kunst beschränken. Ausnahmen sind unter anderem die
Sammlung und unsere eigene Sammlung Miettinen. Mir war es wichtig, vor allem die Lücke der internationalen Kunst wenigstens zum Teil zu schließen, denn auch die Museen in Finnland verfügen nur über geringe Möglichkeiten. Das halte ich prinzipiell für problematisch, denn man investiert in die Gebäude der Museen und das Personal, die Ankaufbudgets sind dagegen jedoch oft minimal. Eigentlich sollte es umgekehrt sein.

Warum soll man Kunst sammeln und nicht beispielsweise Uhren. Warum soll man sich mit Kunst beschäftigen?
Das ist eine gute Frage, für mich aber einfach zu beantworten. Kunst ist sehr vielseitig. Ich schätze es sehr, Kunst an der Wand zu genießen und mir diese Welt dann zu erschließen. Man kauft sich ein Kunstwerk, beschäftigt sich mehr und mehr mit dem Künstler, geht irgendwann auf eine Messe, wo man den Künstler wieder entdeckt – es öffnen sich einem so viele neue Türen. Anders als bei einer Uhr – auch wenn diese vielleicht ein Kunstwerk für sich sein mag. Im Grunde ist eine Uhr etwas ziemlich Langweiliges und heute nicht mal mehr wirklich nützlich, denn wir haben alle unsere Smartphones. Uhren sind eigentlich nur Dekoration. Kunst ist sehr viel mehr!

Welchen finnischen Künstler oder welche Künstlerin würden sie einem Sammler empfehlen, der sich mehr mit finnischer Kunst beschäftigen möchte?
Unter den aufstrebenden Künstlern würde ich Ville Andersson empfehlen. Er ist ein junger Künstler, der in Finnland zum Künstler des Jahres gewählt wurde. Er wird von Helsinki Contemporary vertreten. Und natürlich Aurora Reinhard, denn ich schätze ihre Arbeiten sehr – sie sind sehr vielschichtig. Außerdem würde ich Ihnen Ville Kylätasku und Janne Räisänen ans Herz legen. Janne war vor ein paar Monaten auch außerhalb Finnlands zu sehen, in einer Ausstellung bei Krinzinger in Wien. Unter den etablierteren Künstlern nenne ich Marianna Uutinen, Heikki Marila, der bald eine Ausstellung in der Galerie Forsblom in Helsinki hat, und Kirsi Mikkola, die übrigens auch Professorin an der Wiener Kunstakademie ist. Das sind meine Lieblingskünstler. Wenn man Matti Braun noch als finnischen Künstler zählt, dann auch ihn. Er ist eigentlich Deutsch-Finne. Generell bin ich überzeugt, dass es in der zeitgenössischen Kunst aus Finnland noch sehr viel zu entdecken gibt.

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Salon Dahlmann | Miettinen Collection, Berlin; Exhibition view, In Wonderland, 2016
Photo: Roman März

Salon Dahlmann | Miettinen Collection, Berlin; Exhibition view, In Wonderland, 2016
Photo: Roman März

Salon Dahlmann | Miettinen Collection, Berlin; Exhibition view, In Wonderland, 2016
Photo: Roman März

Interview: Michael Wuerges
Fotos: Florian Langhammer

Links
Salon Dahlmann

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viennacontemporary

Jedes Jahr im September versammelt die viennacontemporary herausragende österreichische, osteuropäische und internationale Galerien. Mit dem Fokusprogramm Nordic Highlights entwickelt die Messe neuerdings auch ein gesteigertes Interesse für Kunst aus Europa’s Norden.

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