In the Studio

Anna Jermolaewa

Wien, Österreich

»Ich bin Realistin, egal in welchem Medium.«

Wenn Anna Jermolaewa nicht gerade auf Reisen ist, lebt und arbeitet die Künstlerin mit St. Petersburger Wurzeln in einer Wiener Altbauwohnung. Umgeben von Kunst ihrer Künstlerkollegen und einer beachtlichen Sammlung an sowjetischen Vintage-Kuriosa, produziert sie hier die konzeptuellen, oft kritischen und hintergründig humorvollen Video- und Fotoarbeiten, für die sie bekannt geworden ist. Wir haben die Künstlerin besucht und mit ihr über ihre Ideenwelt, die Geschichten hinter ihrer Kunst und ihre wiederentdeckte Leidenschaft, die Malerei, gesprochen.

Anna, du bist als junge Frau nach Österreich gekommen und mittlerweile seit vielen Jahren in Wien tätig. Kannst du deinen Weg von Russland nach Wien nachzeichnen?
1989 bin ich von Leningrad nach Polen gekommen. Dank einer Polin, die mir zur Flucht verholfen hatte und über die ich viele Jahre später eine Videoarbeit gemacht habe, konnte ich dann mit einem der damals neuen Shoppingbusse nach Wien fahren. Ursprünglich wollte ich gar nicht nach Wien, sondern nach West-Berlin und dann weiter nach Amerika, und deswegen ist es eigentlich recht lustig, dass ich schon so lange hier bin und auch beabsichtige, noch länger zu bleiben.

Das war knapp vor der Wende. Was hat dich bewogen, zu dieser Zeit des politischen Tauwetters noch zu flüchten?
Ich war damals zwar noch brave Schülerin in einem konservativen Kunstlyzeum, war aber nach der Schule in der Dissidenten-Szene zu Hause. Mein damaliger Partner und ich waren Mitbegründer der ersten oppositionellen Partei. In meiner Wohnung haben wir eineinhalb Jahre lang die Parteizeitung betrieben. Das war zwar die Zeit von Perestroika und Glasnost, aber wir sind wohl einen Schritt zu weit gegangen. Eines Morgens kam dann eine KGB-Hausdurchsuchung und gegen uns wurde ein Verfahren wegen antisowjetischer Agitation und Propaganda eröffnet. Als uns Freunde geholfen hatten, eine Einladung nach Polen zu bekommen, haben wir diese Chance genützt.

Was hat dich bewogen, in Wien zu bleiben, und nicht doch, wie geplant, weiter nach West-Berlin zu fahren?
Zuerst haben wir versucht, in der amerikanischen Botschaft um Asyl anzusuchen. Als das nicht funktioniert hat, waren wir eine Woche lang ohne Geld und ohne Essen am Westbahnhof. Der nächste Versuch war, per Autostopp nach Paris zu kommen. Aber an der Grenze in Salzburg hat man uns verhaftet und ins Flüchtlingslager Traiskirchen geschickt. Deswegen bin ich dann doch in Österreich geblieben. Ich habe politisches Asyl bekommen. Trotzdem wollte ich die ersten fünf Jahre nur zurück nach Hause. Das war ziemlich hart am Anfang. Inzwischen bin ich aber ein großer Wien-Fan.

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Mit dem örtlichen Wechsel haben sich auch deine Interessen weiterentwickelt, von der akademischen Malerei über Politik und Kunstgeschichte zu einer eigenständigen künstlerischen Produktion.
Natürlich, gewisse Sachen lässt man hinter sich und kommt dann vielleicht wieder einmal zu ihnen zurück. Diese Ausbildung zur akademischen Malerin habe ich beispielsweise im Nachhinein so gehasst. Ich war davon überzeugt, dass das meine Fantasie ruiniert hat. Die Technik war aber so tief verankert, dass ich in Wien automatisch so weitergearbeitet habe, bis ich mich trennen konnte und alle alten Leinwände zerschnitten habe – die Tasche mit den Schnipseln ist inzwischen in einer Sammlung.

Dieser Schritt war also notwendig, um dich Neuem zuwenden zu können?
Genau. Erst nach dieser Befreiung habe ich angefangen zu fotografieren und zu filmen und habe (beim fünften Versuch) die Aufnahme auf die Akademie der bildenden Künste geschafft. Das war genau das Jahr, in dem sich auch die Akademie erneuert hat: Die alten fantastischen Realisten sind in Pension gegangen und neue Leute sind gekommen – unter anderen Peter Kogler, bei dem ich studiert habe. Zum ersten Mal gab es jetzt eine Klasse für Neue Medien! Für mich war das der ideale Zeitpunkt, um mein Studium zu beginnen, und auch das erste Mal, dass ich mich in Wien wohlgefühlt habe.

Welche Rolle haben Peter Kogler und deine Klasse an der Bildenden für deine Entwicklung gespielt?
Peter ist ein wunderbarer Lehrer und ein guter Freund. Er hat es geschafft, dass diese Klasse wie eine Familie war und alles auf Zusammenarbeit und Unterstützung basiert hat. Das war sehr wichtig für mich. Es sind schon 15 Jahre vergangen, seitdem wir abgeschlossen haben, aber wir sind immer noch eine Clique. Einige meiner Studienkollegen sind meine engsten Freunde, und keine Arbeit geht hinaus, ohne dass wir sie gemeinsam besprechen.

Kannst du deine Kunst für jemanden beschreiben, der dich noch nicht so gut kennt?
Ich würde sagen, ich bin eine Konzeptkünstlerin. Ich gehe immer von einer Idee aus und dann erst schaue ich, in welchem Medium sich diese Idee am besten umsetzen lässt. Dabei bin ich aber immer noch Realistin, egal in welchem Medium. Als Stoff nehme ich immer Erlebnisse, die ich hatte, oder Beobachtungen von meinen Reisen, nie etwas Fiktives. Am Anfang steht für mich immer die Idee. Die Tools sind sekundär. Davon bin ich überzeugt, und das unterrichte ich auch so.

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The Penultimate (Carnations, roses, orange tree, cedar, tulips, bluets, saffron crocuses, jasmine, lotus), 2017
Exhibition view of Recurrence, at Zeller van Almsick; (c) Zeller van Almsick

Ecce multitudo, 2017 
Exhibition view of Recurrence, at Zeller van Almsick; (c) Zeller van Almsick

Ecce multitudo, 2017 
Exhibition view of Recurrence, at Zeller van Almsick; (c) Zeller van Almsick

In deiner Ausstellung bei Zeller van Almsick vor kurzem waren ja auch Arbeiten in verschiedenen Medien vertreten...
Das stimmt. Die Ausstellung ist ein gutes Beispiel dafür, wie ich verschiedene Medien verwende. Dort wird es Fotografie, Film und Malerei nebeneinander geben, die alle thematisch durch „Rekurs“, also Rückgriff, verbunden sind. So stelle ich in einem Raum die Aktzeichnungen meiner Studienzeit einem aktuellen Video gegenüber, in dem ich die Seite wechsle und die Situation durchlebe, selbst Aktmodell zu sein. Dabei beobachte ich die Rollenverteilungen von Objekt und Subjekt. Eine zweite Arbeit beschäftigt sich mit den sogenannten Color-Revolutionen, also der Serie gewaltloser Regimewechsel, die immer nach demselben Muster ablaufen und eine Farbe oder oft auch eine Blume als Identifikationssymbol nutzen. Ich habe sozusagen ein „Herbarium“ dieser Revolutionen erstellt.

Erst seit Kurzem hast du dich auch der Malerei wieder zugewandt.
Ja, durch die Beschäftigung mit dem Aktzeichnen in meiner Ausbildungszeit habe ich irgendwie wieder Lust bekommen zu malen. Lange Zeit war das Malen für mich tabu, aber nach zwanzig Jahren Videoschneiden ist es so befreiend, wieder zu malen. Allein der Geruch ist herrlich! Und am Abend ist es so viel zufriedenstellender, wenn man ein Bild gemalt hat, als zehn Stunden lang ein Video geschnitten zu haben. Das Malen macht mich richtig glücklich. Es ist allerdings alles noch sehr neu beziehungsweise zwar schon einmal da gewesen, aber neu für mich wiederentdeckt. Daher möchte ich mir selbst etwas Zeit damit geben und mir über einiges klar werden.

Woher beziehst du Inspiration für deine Arbeiten?
Oft sind das ganz alltägliche Dinge. Plötzlich taucht ein Gegenstand auf, der einer Frage entspricht, die mich gerade beschäftigt. In meinen ersten Videoarbeiten habe ich zum Beispiel die Spielsachen meiner Tochter oder Küchenutensilien recycelt. Diese Gegenstände benutze ich dann als Metaphern oder als Anlass, eine Geschichte zu erzählen. Selbst wenn eine Arbeit von mir nach einer Minimalskulptur ausschaut, verbirgt sie eine Geschichte. Man könnte es als „narrativen Minimalismus“ bezeichnen. Die reine Form bringt eine Geschichte mit sich. Nicht wie etwa in der Minimal Art, wo es eher darum geht: „You see what you see.“

Die Bilder, die du vordergründig zeigst, dienen also eher dem Transport von Inhalten.
Ganz genau. Ein gutes Beispiel dafür ist meine Arbeit über die Blumen, die Symbole für Revolutionen geworden sind, von denen wir eben gesprochen haben. Hier geht es natürlich nicht um ästhetisch schöne Bouquets, sondern um die politische Aufladung, die sie verkörpern.

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Welche hintergründige Bedeutung hat denn deine Arbeit über die Katzen der Eremitage, des St. Petersburger Kunstmuseums, die viele von dir kennen?
Mit den Katzenporträts habe ich eine gefällige, beinahe kitschige Oberfläche süßer Katzen geschaffen. Die Geschichte dahinter ist einerseits kurios, denn die Katzen wurden schon 1745 im Einsatz gegen Mäuse und Ratten angeschafft und genießen seitdem Mitarbeiterstatus. Es verbirgt sich dahinter jedoch auch die tragische Geschichte der Belagerung von Leningrad, während der die Tiere verschwanden, denn sie wurden aufgegessen. Nur so konnte die Bevölkerung überleben. Auch davon erzählen die süßen Katzenporträts. 

Trotz der verschiedenen gewählten Medien fügt sich dein künstlerisches Schaffen zu einem kohärenten Ganzen. Kannst du beschreiben, was da das verbindende Element ist?
Es geht mir um Lebensbedingungen, um die Conditio humana und das Hinterfragen von Machtstrukturen. Ich würde aber nicht einmal sagen, dass ich eine besonders politische oder unpolitische Künstlerin bin. Situationen, die über die Lebensbedingungen der Menschen erzählen, gibt es im Privaten genauso wie im Öffentlichen. Ich bin ja direkt aus der Politik in die Kunst gekommen. Damals hatten wir Demonstrationen, Flugblätter, unsere Zeitschrift. Jetzt habe ich eben andere Methoden, aber ich hoffe trotzdem, ein wenig zu sensibilisieren, manche Sachen aufzeigen und Fragen stellen zu können.

Gibt es eigentlich Personen, die prägend für dich waren oder sind?
Natürlich habe ich Helden. Die ändern sich auch laufend. Immer schon zählten Situationisten wie Guy Debord oder Vorläufer der Dadaisten wie Arthur Cravan zu meinen Vorbildern. Ich war auch sehr beeindruckt von Pussy Riot. Pjotr Pawlenski ist jemand, den ich momentan zum Beispiel intensiv beobachte. Er sagt, dass Machtmechanismen das eigentliche Material seiner Arbeiten sind, und hat jetzt kürzlich, nachdem er politisches Asyl in Frankreich bekommen hatte, eine französische Bank angezündet. Das hat mich fasziniert, so konsequent zu sein in dem, an was man glaubt, ohne jegliche Rücksicht auf Bequemlichkeiten des Lebens. Das finde ich sehr ehrlich. Ansonsten inspirieren mich viele Filmemacherinnen und Filmemacher, wie Agnès Varda, Roman Polański, John Cassavetes, Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder, und im Moment besonders Filmemacherinnen der Berliner Schule.

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Es steht hier eine Weltkarte mit jeder Menge Stecknadeln an den Orten, die du offenbar schon besucht hast. Ist Reisen eine Inspiration für dich?
Zu reisen ist total wichtig für mich. Ich würde sogar sagen, dass meine ideale Arbeitssituation eigentlich das Hotelzimmer ist. Im Hotel gibt es keinen Alltag. Da denke ich am besten. Mein Vorbild in dieser Hinsicht ist Vladimir Nabokov, der einen Großteil seines erwachsenen Lebens in Hotelzimmern verbracht hat. Vielleicht hat meine Liebe zum Reisen auch damit zu tun, dass ich mir bis zu meiner Flucht überhaupt nicht vorstellen konnte, irgendein Land auf dieser Welt außer der Sowjetunion zu sehen.

Man kann nicht immer unterwegs sein. Wo und wie bist du zu Hause am produktivsten?
Die allermeiste Zeit bin ich eigentlich mit Laptop auf dem Bett zu finden. Ich glaube, das beschreibt meine Arbeitssituation am besten. Mittlerweile schneide ich ganze Filme im Bett, aber arbeite natürlich auch an Fotografien, und manchmal zeichne ich dort auch. Nur mit Ölmalen ist das etwas schwierig im Bett. (lacht) Ich habe mir vor langer Zeit angewöhnt, zu Hause zu arbeiten, weil ich meine Tochter größtenteils alleine großgezogen habe. Im Atelier für Stunden zu verschwinden war undenkbar. So habe ich die Arbeit komplett in den Alltag integriert (oder umgekehrt). Früher waren die Computer außerdem ja noch langsam. Das Rendern hat ewig gedauert, und so konnte man die Wartezeit gut nutzen für Waschen oder Kochen oder so was. Und das Schönste ist dann auch, wenn die Katze auf dem Schoß liegt, nur ist sie leider mittlerweile verstorben. 

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Apropos Filmemachen, du versuchst dich gerade auch als Filmemacherin.
Das ist richtig. Ich konnte es mir vorher nicht vorstellen, etwas für die Kinoleinwand zu produzieren. Meine Videos waren besser untergebracht in Rauminstallationen, im Loop laufend. Jetzt habe ich mich im neuen Format versucht, und mein Film Leninopad hatte neulich Premiere beim Rotterdamer Filmfestival, worauf ich ziemlich stolz bin.

Das ist toll. Gratulation! Lass uns noch mal einen Moment aufs Reisen zurückkommen. Welche Art von Kraft beziehst du eigentlich daraus, auf Reisen zu sein?
Der schönste Moment überhaupt für mich ist es, an einem Ort zu flanieren, an dem ich noch nie war, und nicht zu wissen, was hinter der nächsten Ecke ist. Die Sensibilisierung für Entdeckungen ist in solchen Momenten so viel stärker ausgeprägt. Man ist wach! Man sieht Sachen, an denen man sonst vorbeigehen würde. Nach drei Tagen an einem Ort stumpft sich das schon wieder ab.

Kannst du ein Beispiel für eine Arbeit nennen, die aus einer solchen Entdeckung entstanden ist?
Ich halte ja nicht nach exotischen Sachen Ausschau – ganz im Gegenteil. So ist zum Beispiel eine Arbeit entstanden, die ganz am Anfang meiner Karriere steht und sehr wichtig für mich ist: Hendl Triptychon. Dafür habe ich in Acapulco drei verschiedene Arten, Hühner zu grillen, gefilmt. Harald Szeemann hat die Arbeit gesehen, und so war ich schon in meinem zweiten Studienjahr auf der Biennale in Venedig vertreten. Und die Grundlage für diese Arbeit war die Wachsamkeit, die einen auf Reisen Dinge sehen lässt, die eigentlich nicht an Orte gebunden und allgegenwärtig sind.

Hier hängt ein Bild, das eine Situation von einer Safari in Afrika festzuhalten scheint. Eine Frau betrachtet eine Giraffe. Sowohl die Giraffe als auch die Frau tragen auffällige  Muster. 
Dieses Bild ist zum Beispiel auf meiner allerletzten Reise entstanden. Es war eine Kreuzfahrt auf die Bahamas mit der Großfamilie. Im Anschluss an die Kreuzfahrt waren wir in Florida, in Disney World und in den Universal Film Studios. Es war definitiv eine Art und Weise, zu reisen, die ich sonst nicht mache. Aber es war auf jeden Fall eine interessante Studie. Es ist also nicht Afrika, sondern die Safari in Disney World, Orlando. So es ist eigentlich eine komplette Fake-Situation, und das hat mich daran interessiert, eine durch und durch konstruierte Situation eines Naturerlebnisses. Das Bild könnte für den Anfang eines neuen Werkzyklus stehen. Daran bin ich momentan. Ich habe 2016 eine Arbeit in Disneyland in Anaheim, bei Los Angeles, realisiert, die sich auch mit dieser Fake-Welt beschäftigt. 

Neben der Tatsache, dass du gerade die Malerei wieder für dich entdeckst, hast du noch andere Pläne?
Vor einiger Zeit habe ich die Westküste der USA großflächig bereist. Mich hat vor allem die Landschaft in Utah beeindruckt. So etwas Großzügiges habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Und es haben sich dort sehr unerwartete Treffen ergeben, die eine Idee für einen Film mit sich brachten. Gemeinsam mit meinem Partner Scott plane ich dort ein großes Filmprojekt umzusetzen, worauf ich mich schon sehr freue.

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Interview: Gabriel Roland
Fotos: Florian Langhammer

Links:
Anna Jermolaewas Webseite
Zeller van Almsick, Wien

#loveart, #annajermolaewa

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