In the Studio

Borjana Ventzislavova

Wien, Österreich

»Fotografie als Medium als auch als Prozess hat für mich sehr viel mit dem Jetzt zu tun.«

Borjana, für jemanden, der oder die sich noch nicht mit deiner Kunst befasst hat, kannst du uns erklären, welches künstlerische Interesse deiner Art zu Arbeiten zugrunde liegt?
Im Zentrum meines künstlerischen Interesses stehen psychische und physische Grenzziehungen und Verschiebungen. Mittels Film, Video, Fotografie, Installation und Performance untersuche ich die Relationen zwischen Vorstellungen, Imaginationen und realen Praktiken in verschiedenen sozialen, kulturellen und geographischen Räumen. In meinen Arbeiten analysiere ich oft Stereotypen, Repräsentationsmodelle und die Auswirkungen der politischen und sozialen Machtstrukturen und Kontrollmechanismen auf unsere Existenz, und befasse mich mit Fragen der Mobilität und der Überquerung von psychischen oder physischen Grenzen, mit den komplexen Prozessen der Kommunikation und Übersetzung, sowie des Zusammenlebens. Meine Arbeit bewegt sich oft an der Schnittstelle von Realität und Fiktion und versucht jene Strukturen einer Gesellschaft offenzulegen, die unter der repräsentativen Oberfläche angesiedelt sind. In meiner Praxis werden oft partizipatorische Ansätze benutzt, um eine Plattform für Reflexion und Hinterfragung von relevanten Themen für unsere heutige Gesellschaft zu schaffen. 

Was ist dein persönlicher Zugang zur Fotografie?
Ich komme ursprünglich aus der bildenden Kunst und sehe mich in meiner Praxis auch nicht unbedingt als Fotografin. Ich habe mich als Teenager mit analoger Fotografie beschäftigt, bin aber erst viel später durch meine Diplomarbeit an der Medienklasse der Angewandten auf Fotografie als Medium gestoßen, da sie sich für mein Projekt damals am besten eignete. Und so läuft meistens bei mir der Vorgang ab, ich habe zuerst meine Ideen und meine Konzepte und erst dann kommt die Frage mit welchem Medium ich diese am besten umsetzen könnte.

Gibt es für dich irgendetwas, wobei die eigentlichen Stärken der Fotografie zum Tragen kommen – in anderen Worten: gibt es etwas, das man mit Fotografie besser als mit jedem anderen Medium auszudrücken vermag?
Das, was ich an Fotografie schätze und mag, ist, dass es oft nur um das eine Moment geht. Für mich hat die Fotografie als Medium als auch als Prozess des Fotografierens sehr viel mit dem Jetzt zu tun und es gibt mir eine bestimmte Freiheit, die ich mit anderen Medien nicht so genieße. Fotografie ist für mich auch das Medium, mit dem ich am meisten experimentiere, und das mir die Möglichkeit bietet, nicht alles voraus zu bestimmen und zu entscheiden, sondern vieles offen zu lassen, das sich während des Prozesses dann herauskristallisiert oder einfach ergibt. Natürlich habe ich fotografische Projekte, wo alles sehr genau konzipiert, vorgeplant und umgesetzt ist, ich arbeite aber in letzter Zeit immer öfter auf eine ziemlich intuitive Art und Weise, und da ist meistens Fotografie im Spiel.

Was erwartet uns in deinem Beitrag zur ersten Ausgabe der FOTO WIEN?
Ich nehme an zwei Ausstellungen, die anlässlich der diesjährigen Ausgabe von FOTO WIEN stattfinden, teil: eine Zweier-Ausstellung mit dem Titel Meet us in the desert in der Galerie Sturm & Schober, kuratiert von Ursula Maria Probst, wo ich neue fotografische Werke und ein Objekt beziehungsweise eine räumliche Intervention zeige, die sich thematisch mit der globalen Erwärmung und dem Anthropozän beschäftigen. Die zweite ist eine Einzelausstellung mit dem Titel That Thing, kuratiert von Walter Seidl, die im Bulgarischen Kulturinstitut “Haus Wittgenstein” in Wien stattfindet. In dieser Ausstellung ist die Foto- und Textserie Study of Causality zum ersten Mal in Wien zu sehen, sowie das langjährige Videoprojekt That Thing. In diesen Arbeiten treffen Akteurinnen und Akteure, die die Kunstszenen meiner zwei Heimatsorte – Sofia und Wien, auf verschiedene Art und Weise bestimmen und definieren, aufeinander, und es kommen auch Fragmente der beiden Städte in einen Dialog. 

03 Borjana Ventzislavova That Thing Bozhidar B

That Thing, 2013-2019, video still That Thing (Bozhidar Boyadzhiev)

04 Borjana Ventzislavova That Thing Iara

That Thing, 2013-2019, video still That Thing (Iara Boubnova)

05 Bopo Schindlers20X30

Borjana Ventzislavova, Study of Causality (fam. Schindler), c-print 100x150 cm, 2016, text, inkjet print, 40x60cm

06 Bopo Ruf20X30

Borjana Ventzislavova, Study of Causality (Ruf), c-print 100x150 cm, 2016, text, inkjet print, 40x60cm

07 Borjana Ventzislavova Shaman Stones2 3 4 Text

With your eggs on your heads (Shaman stones) # 2-3-4, 2019, je 60 x 40 cm, Pigmentdruck auf Photopapier und Text

08 Borjana Ventzislavova Hope

Hope, 2019, 110 x 180 cm, Pigmentdruck auf Photopapier

Interview: Florian Langhammer
Fotos: Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin, falls nicht anders angegeben; Portrait: Mladen Penev

Links:
Borjana Ventzislavovas Website
FOTO WIEN

#photography, #fotowien

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