In the Studio

Michael Kargl

Wien, Österreich

»Kunst ist eine eigenständige Produktion von Wissen, die jenseits des Formulierbaren funktioniert. Wird das verstanden, erlebe ich Schönheit.«

Der Open Studio Day bietet Kunstliebhabern die einmalige Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen künstlerischen Schaffens zu werfen. Rund 80 Künstlerinnen und Künstler halten am Samstag, 19. November 2016, von 13.00 bis 18.00 Uhr ihre Ateliers offen. 

Wie würdest du jemandem, der dich nicht kennt erklären, was du machst? Was möchtest du bei Betrachtern deiner Arbeiten auslösen, bzw. zu was sollen sie anregen?
In meinen Arbeiten geht es üblicherweise darum, wie wir die Welt wahrnehmen. Ich sehe Dinge und beobachte Vorgänge, die ich dann wiederum zerlege oder analysiere. Das sind dann die Bausteine, aus denen meine Werke entstehen. Auch wenn das jetzt eher sperrig klingt, ist es mir wichtig, das Ganze zu einem ästhetischen Erlebnis zu verdichten. Denn das ist ja schließlich die Ebene, mit der ich als Künstler umgehe. Das ist dann auch der Ort, wo ich denke, dass sich ein Zwiegespräch zwischen BetrachterIn und Werk abspielen kann, wenn man sich darauf einlässt. Mein Anspruch ist also ganz simpel: einen Raum für eine ästhetische Erfahrung herzustellen. Mehr nicht.

Wien erfährt seit einigen Jahren eine regelrechten Boom als internationale Kunstmetropole. Woran glaubst du liegt das, und welche Entwicklungen beobachtest du selbst?
Ich vermute mal, dass es in dieser Stadt einen relativ guten Nährboden gibt. Es existieren viele sehr unterschiedliche Positionen, die zu Diskussion und Auseinandersetzung anregen, was wiederum sehr gut für die Kunst ist. Somit wird Kunst nicht nur als „Behübschung“ wahrgenommen, sondern auch hinterfragt. Als sehr spannende Entwicklung sehe ich momentan das Wiederauftauchen der Off-Spaces. In dieser Hinsicht war in den letzten Jahren mehr oder weniger „tote Hose“. Jetzt entstehen gerade wieder neue Orte für die Präsentation von Kunst, abseits etablierter Einrichtungen.

Warum hast du dich entschieden in Wien zu leben und zu arbeiten, und nicht in einer anderen Kunstmetropole?
Das ist eigentlich ganz einfach: Mich hat es nach dem Studium nach Wien verschlagen und ich bin hier hängen geblieben. Außerdem ist Wien die einzige Stadt innerhalb Österreichs, in der man als KünstlerIn irgendwie weiterkommen kann.

Wir alle verbringen die meiste Zeit unseres Lebens am Arbeitsplatz. Welche Bedeutung hat dein Atelier für dich?
Mein Atelier ist zuallererst einmal ein Ort der Produktion. Gesammelte Versatzstücke – materieller oder gedanklicher Art – werden hier geordnet, kombiniert, verwertet oder einfach aussortiert und verworfen. Das ist ein wunderbar erfüllender, wenn auch mitunter sehr anstrengender und chaotischer Prozess. Aus diesem Grund bezeichne ich mein Atelier ungern als „Arbeitsplatz”, das hat so einen negativen Beigeschmack. Die „Arbeit” findet normalerweise außerhalb statt. Also jene Tätigkeiten, die die Produktion im Atelier unterstützen oder anschließend sichtbar machen. Somit könnte man in meinem Fall das Atelier vielleicht eher als eine Art Rückzugsort verstehen.

Die diesjährige VIENNA ART WEEK hat sich dem Thema „Seeking Beauty“ verschrieben. Inwiefern spielt dieses Thema für dich als Künstler eine Rolle?
Prinzipiell eine sehr große, wobei „Schönheit” natürlich immer auch im Auge des Betrachters liegt. Meine „Suche nach Schönheit” hat eher mit einer Suche nach dem Moment zu tun, in dem eine Arbeit „funktioniert”, sie also ein ästhetisches Erlebnis ermöglicht, das nicht mehr nur auf einer kognitiven Ebene arbeitet. Auch wenn sehr viele meiner Arbeiten strengen Konzepten folgen, müssen sie in erster Linie für den oder die BetrachterIn erfahrbar werden. Es ist mir schlussendlich nicht besonders wichtig, ob jemand die Schaffensprozesse, die hinter einem Werk stehen herauslesen kann oder versteht. Solange man sich auf eine Arbeit einlässt und sie – auch auf die Gefahr hin esoterisch zu klingen – „spürt” habe ich schon etwas erreicht. Kunst ist ja eine eigenständige Produktion von Wissen, die jenseits des Formulierbaren funktioniert. Wird das verstanden, erlebe ich Schönheit.

Woran arbeitest du gerade? Wo kann mein deine Arbeiten als nächstes sehen?
Nachdem ich etwa ein Jahr Pause eingelegt hatte und Anfang des Jahres wieder langsam in die Kunstproduktion zurückgekehrt bin, stehe ich nun wieder vor der Frage, was ich da eigentlich mache. Ich habe mich das in der Vergangenheit immer wieder gefragt und darauf reagiert, indem ich die Bedingungen der Kunstproduktion und -rezeption versucht habe in Arbeiten zu übersetzen. Teilweise waren das Objekte und Installationen, die räumliche Gegebenheiten, etwa von Galerieräumen, reflektierten. Bei anderen Gelegenheiten nahm ich Bezug auf dahinterstehende Systeme, die mir Anhaltspunkte für einen besonderen Blickwinkel auf die Welt gaben. Gerade eben habe ich begonnen mich mehr für die Prozesse zu interessieren wie Kunst -bei mir- entsteht. Da passieren dann so Sachen wie, dass ich tagelang im Atelier auf und ab renne und Materialien, ältere Arbeiten und anderes hin und her schiebe, aufstelle, umstelle und dabei beobachte wie sich die Dinge zueinander verhalten. Immer auf der Suche nach der “Schönheit”, also nach dem Moment, wo es dann “funktioniert”.

Als Allernächstes steht der Open Studio Day am 19.11. ab 16:00 Uhr an. Da freue ich mich über Besuche im Atelier (4. Stock, Wattgasse 56-60, 1170 Wien).

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Interview: Michael Wuerges 
Fotos: Florian Langhammer

Links
Michael Kargl Website
Bundesateliers Wattgasse
Open Studio Day

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Eine Woche lang, stets im November, bündelt die VIENNA ART WEEK gemeinsam mit rund 90 Partnern die vielfältigen Aktivitäten der Wiener Kunstwelt in einem Marathon der Kunstveranstaltungen. Museen, Ausstellungshäuser, Galerien und Kunstuniversitäten sind als Mitglieder des Art Cluster Vienna, des gemeinsamen Trägervereins, die Veranstalter. Kleinere Programmpartner wie Alternative Spaces, unabhängige Initiativen, Kuratoren und Kunstschaffende verfeinern die Woche mit maßgeschneiderten Veranstaltungen. Ganz Wien ist ein Kunstraum!

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