In the Studio

Wolf D. Prix

Wien, Österreich

»Was der kann, kann ich schon lange.«

Mit der Intention die Architektur neu zu denken und für eine bessere Zukunft zu bauen, war die Architektengruppe COOP HIMMELB(L)AU 1968 angetreten. Fast 50 Jahre später hat sich am Kampfgeist des Mitbegründers Wolf D. Prix nichts geändert. Rückblicke sind immer noch nicht Thema des Architekten; vielmehr steht das Wolkenprojekt, das visonäre mobile Wohnmodell für die documenta 5, längst in der himmelblauen Tradition. Wir trafen Wolf D. Prix und sprachen mit ihm über Utopien – die Wichtigkeit des Scheiterns, Architektur als Instrument der Ermöglichung und die heutigen visionären „Wolkenarchitekturen“. Don’t look back!


Die ersten Projekte von COOP HIMMELB(L)AU waren von Aktionen begleitete Projekte oder pneumatische Prototypen, die vor allem im Kunstkontext in Galerien oder Museen realisiert wurden. Habt ihr euch damals auch als Künstler gesehen?
Nein. Wir haben uns immer als Architekten gesehen und auch so deklariert. Allerdings haben wir bei unseren Projekten Methoden aus der Kunst angewendet – so wie auch die Kunst Methoden aus anderen Disziplinen übernimmt –, deswegen würde ich mich aber nie als Künstler definieren. Vielmehr haben wir immer behauptet: „Architektur ist Kunst“. Das wiederum hat den Künstlern damals nicht gefallen.

Was bedeutete die Definition „Architektur ist Kunst“ für die Architektur bzw. auch für die Kunstszene? Die Grenzen waren ja fließend, es wurde nicht gebaut, sondern ausgestellt, wie etwa in der Galerie Nächst St. Stephan in Wien.
Nächst St. Stephan war damals keine klassische Kunstgalerie – es war die Avantgardegalerie Wiens. Und somit auch der Treffpunkt der österreichischen Architekturavantgarde. Alle, die wie wir den Versuch unternommen haben, aus den gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und neue Dimensionen in die österreichische Denkwelt einzuführen, waren dort zu sehen. Ich habe in der Ausstellung Urban Fiction mein erstes Projekt überhaupt gezeigt, das ich an der Technischen Hochschule entworfen habe. Mit dem Projekt Die Stadt im Raum wollte ich darauf aufmerksam machen, dass wir an andere Dinge glauben müssen, als es uns damals vorgeschrieben wurde. Als Idee kann ich prinzipiell keinen Trennungsstrich zwischen Kunst und Architektur ziehen – früher nicht und jetzt auch nicht. Ich glaube vielmehr, dass die Architektur die Kunstszene damals ebenso beeinflusst hat wie umgekehrt.

Das Ziel war es allerdings schon zu bauen. Mit dem Anspruch einer neuen, anderen Architektur. War Kunst ein Mittel, um das zu erreichen?
Wir wollten die Architektur sofort und radikal verändern. Und wir haben tatsächlich geglaubt, der Name HIMMELB(L)AU weist darauf hin, dass diese neue Architektur nicht übermorgen, sondern schon morgen oder besser heute entstehen sollte. Das mag durchaus ein künstlerischer Anspruch gewesen sein. Uns war immer klar, dass wenn man nur „in Architektur“ denkt, auch immer nur Architektur herauskommen wird – deshalb war uns die grenzüberschreitende Erweiterung der Architektur ein wichtiges Anliegen. In England verwendet man dafür den sehr passenden Begriff „pushing the envelope“. Das beschreibt unsere Intention ganz gut. 

Eine nationale – oder internationale – Architekturdebatte war damals nicht relevant?
Die Architektur, wie sie damals stattfand, realsiert und diskutiert wurde, hat uns nicht so sehr interessiert. Andere Dinge und Themen waren viel wichtiger als der Boxstil von Cassius Clay, die antiautoritäre Erziehung, die politische Haltung oder die offen gestimmte Gitarre der Rolling Stones. Das war uns wichtig! 

Findet COOP HIMMELB(L)AU auch heute noch Beachtung in der Kunstwelt? Der Vorlass wurde kürzlich vom Archiv der Zeitgenossen in Krems aufgenommen.
Musealisierung ist eine Vereinnahmung, die sehr angenehm für die Wertsteigerung der Objekte ist.  aber lieber wäre mir, wenn man diese Ideen bauen würde! Viele der Kunstkuratoren sind leider wahnsinnig konservativ. Wir hatten eben in der Galerie Ulysses in Wien eine Ausstellung mit unseren Zeichnungen. Es ist ganz interessant, die eigene Entwicklung der letzten Jahre zu beobachten, aber eigentlich liebe ich das nicht so sehr! Ich mag keine Rückblicke. Don’t look back!

Nur noch ein Rückblick: Ein wesentlicher Unterschied zwischen Architektur und Kunst ist aber auch, dass Kunst keinen Auftraggeber braucht – oder hat die „documenta“ sie damals für die Weiterentwicklung des visionären Wohnmodells  Wolke beauftragt?
Nein. Damals war es so, dass wir ständig Antworten auf unsere eigene Fragen gesucht haben – wir hatten keine Auftraggeber. Wir haben auch nicht auf welche gewartet. Wir sind aktiv geworden und haben Projekte vorgeschlagen. Mit Hartnäckigkeit und ständigen Vorschlägen sind wir dann zu Gesprächen eingeladen worden. Das war immer unser Ziel. Wettbewerbe als Modell können etwas Elendes sein. Mit der Wolke, die wir für die documenta bauen wollten, haben wir davon geträumt, den Herzschlag als Raum darzustellen. Ich behaupte, dass die Ideen von damals heute von uns realisiert sind. Die Raumsituationen, die damals wie in der Wolke durch bewegliche Plattformen erzeugt wurden, die bauen wir heute tatsächlich. Heute bauen wir die Wolke.

Architektur als manifestierte Haltung – darf man das so verstehen?
Hermann Czech, den ich als Person sehr schätze, sagte: „Architektur hat nur zu antworten, wenn man sie fragt.“ Daraufhin haben wir das Wort Architektur durch „unsere Kinder“ ausgetauscht, um zu zeigen, dass wir mit dieser Haltung nicht einverstanden sind. Wir haben daher auch ungefragt geantwortet, was den Leuten zum Teil sehr lästig war. Man darf nicht nur antworten, wenn man gefragt wird, denn das bringt uns in der jetzigen Situation nicht weiter! Zur Bewältigung unserer aktuellen Probleme brauchen wir nun wirkliche Utopien. Mit unserer Mentalität werden wir es nicht schaffen, diese Probleme zu überwinden. Wir brauchen echte Utopien, wie man unsere offene Gesellschaft schützen kann. Flugzeugangriffe sind keine Utopie!

07 Wprix

Dann sollten wir von Utopien sprechen.
Das finde ich gut. Das Thema Utopie oder visionäres Denken ist in Verruf gekommen. Leider wird heute nicht mehr wirklich visionär gedacht, obwohl wir es gerade jetzt so sehr brauchen würden. Utopie als Zukunftsbewältigung ist unheimlich wichtig, weil es ohne Fortschritt kein Weiterleben gibt.

Woran liegt es, dass das Thema Utopie in Verruf geraten ist?
Die Verunglimpfung von Begabten durch Unbegabte spielt in der heutigen Zeit eine immer größer werdende Rolle. Anstatt zu sagen: „Keiner darf größer sein als ich“, sollte es in Richtung: „Was der kann, kann ich schon lange“ gehen. Das wäre eine optimistische, diskursive Entwicklung für die Gesellschaft. Das Gegenteil sieht man heute, wenn von bestimmten Gruppierungen gesagt wird, dass die westliche Welt so nicht weiter existieren darf. Als romantische Nichtswisser sind wir am Scheitern. 

Ist Scheitern nicht Teil einer Utopie? Für Architekten ist das ja ein nicht wirklich beliebtes Thema. 
Im fundamentalistischen Sinne ja! „Trial and Error“ ist ein wesentlicher Faktor bei Utopien. In der Architektur wird einfach – anders als in der Kunst – viel zu wenig ausprobiert.

Sie waren auch lange als Professor tätig. Was kann man von der nächsten Generation erwarten?
Was ich so höre, sind die Jungen heute ein bisschen kritischer als die vorherigen Generationen. Dennoch beschäftigen sie sich neun von zehn Wochen mit dem Erlernen von Computerprogrammen, anstatt über Architektur nachzudenken. Es schaut zwar alles wahnsinnig gut aus, was sie machen, hat aber mit der Realität nichts zu tun.

Kann denn Architektur zur Lösung der heutigen Probleme einen Beitrag leisten?
Architektur ist kein lebendiges Wesen. Sie kann nichts fördern, aber unheimlich viel verhindern. Man wird nicht begabter, wenn man in einem schönen, hellen Atelier sitzt; allerdings wird man in einem dunklen Keller schlecht malen können. Auch wenn immer gesagt wird, dass die Lehrer viel wichtiger sind als die Architektur einer Schule: Wenn das Schulgebäude schlecht ist, muss man als Lehrer viel mehr Energie aufwenden, um gut zu unterrichten!

04 Wprix

Selbst wenn Architektur kein lebendiges Wesen ist, kann man Architektur als Instrument einsetzen – zum Beispiel im Städtebau oder als Symbol.
Das stimmt. Mich hat es fasziniert, dass in den französischen Banlieues auch Gemeinschaftseinrichtungen, Schulen, Kulturzentren sofort zerstört worden sind. Das war aber auch kein Wunder, denn sie sahen aus wie „anonyme Kisten“. Sie waren nicht im mentalen Besitz der Bewohner. Ich glaube aber nicht, dass es möglich ist, eine Gesellschaft mittels Architektur zu verändern. Das wäre nur durch eine enge Zusammenarbeit von Politik und Architektur möglich. Es ist aber faszinierend, wie naiv Architektursprachen oft eingesetzt werden und was sie auslösen. Diese Sprache verbaut die Freude an der Zukunft. Was wir brauchen, ist eine Ästhetik der Offenheit.

Transparenz – bzw. da ist sie wieder, die „Wolkenidee“. Was ist mit der moralischen Komponente? Gibt es Auftraggeber, für die Sie nicht bauen würden?
Das ist ein Doppelmoral-Thema: Es kommt drauf an, was man für den Auftraggeber baut. Die Doppelmoral von Leuten, die sagen: „In China darf ich nicht bauen, für Apple aber jederzeit“, finde ich nicht angebracht. In China zu bauen, wie es die Chinesen gerne hätten, finde ich fragwürdig. Da sind wir dann bei sakralen Aufzügen in Rot und Gold. Es ist schwer genug, unsere Art von Architektur in diesen Ländern zu bauen, da sie nicht axial, autoritär und zentralperspektivisch verwendbar ist. Da braucht man viele Unterstützer vor Ort. Was ich sicher nicht bauen würde, sind Atomkraftwerke oder Gefängnisse.

Was ist für das Bauen visionär?
Wir bauen für ein Projekt in Shenzhen Teile eines Gebäudes anstatt mit 180 Bauarbeitern mit nur acht. Der Rest wird von Robotern übernommen. Das wird die Zukunft in der Architektur sein, ob es uns gefällt oder nicht. Wir sind dafür, da wir komplexe Raumformen nun auch im Rahmen des Budgets bauen können. Soviel zur Utopie.

Interview: Manuela Hötzl, Silvia Jaklitsch, Michael Wuerges
Fotos: Maximilian Pramatarov, Clemens Fabry (Portrait)

Links
COOP HIMMELB(L)AU
documenta Archive
documenta 14


#loveart
, #COOPHIMMELB(L)AU, #documenta14, #VerlagfuermoderneKunst

Bücher, die wir empfehlen

UTOPIE documenta Publication

UTOPIE documenta
Herausgeber: Harald Kimpel und Magistrat der Stadt Kassel, Kulturamt
Text: Eckhart J. Gillen, Simon Großpietsch, Claudio M. Iglesias, Harald Kimpel, Gerd Mörsch, Rolf Ricke
Design: GREAT, Wien
Sprache: Deutsch/Englisch
Detail: Schweizer Broschur, 21 x 28 cm, 224 Seiten, Abb.
ISBN 978-3-903004-36-8
29,00 Euro

Direkt bestellen beim Verlag für moderne Kunst

Connect with us
Als Subscriber erfahren Sie als erstes von neuen Stories und Editionen, und erhalten unser wöchentliches Culture Briefing.