Die österreichisch-nigerianische Künstlerin Abiona Esther Ojo verbindet in ihrer Arbeit autobiografische Themen mit fotografischen, textilen und konzeptuellen Verfahren. In ihrer künstlerischen Praxis erforscht sie Themen wie Identität, vererbte Erinnerung und Intuitive Erkenntnis. Ihr Werk bewegt sich zwischen sozialer, kultureller, persönlicher und kollektiver Geschichte und zeigt die Vielschichtigkeit menschlicher Erfahrung.
Wie kamst du zur Kunst?
Alles begann mit einer Tasche! Ich kam über meine kindliche Neugier zur Kunst, denn als Kind faszinierten mich immer die sogenannten „diaspora bags„ oder „ghana must go bags“, wie man in Nigeria sagt. Es sind diese großen, karierten Plastiktaschen - provisorische Koffer für ein ganzes Leben. Meine Eltern bewahrten darin ihre Fotos auf. Meine Geschichte fing also damit an, dass ich diese Taschen nach ihrer Geschichte durchsuchte.
Wo bist du aufgewachsen und wo hast du deine künstlerische Ausbildung erhalten?
Am Land in Oberösterreich. Später besuchte ich in Wien ein zweijähriges Fotokolleg. Danach erst bewarb ich mich an der Akademie für Bildende Künste und studierte im Fachbereich Bildhauerei und Raumstrategien bei Monica Bonvicini, Stefanie Seibold und Iman Issa. Wenn ich jetzt nachdenke, brachten mich die Fotos meiner Eltern zur Kunst, es war wohl das Interesse am Forschen und am Dokumentieren.
Was hat dir die Zeit am Fotokolleg gebracht?
Am Fotokolleg lernte ich, mit Licht zu gestalten. Dort schuf ich zum ersten Mal eine Arbeit, dank der ich reflektieren konnte, wie ich mich als Schwarze junge Frau in der Gesellschaft sehe. So machte ich das erste Mal eine schwarz-weiß Fotoserie über Haare. Das war nämlich immer ein Thema für mich.
Das erinnert mich an den Roman Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie, der auf faszinierende Weise beleuchtet, wie die nigerianische Protagonistin mit ihrem Haar umgeht. Könnte man sagen, dass du dich ebenso künstlerisch mit dem Thema beschäftigst?
Zuerst sah ich es nicht so, aber eigentlich habe ich mich ja schon ein Leben lang mit meinen Haaren beschäftigt. Ich glaube, ich hatte auch so einen starken Fokus darauf, weil es oft Außenstehende waren, die sich so übertrieben für meine Haare „interessierten“, auf positive und negative Art und Weise. Meine ersten künstlerischen Arbeiten, die ich meistens für den jährlichen Rundgang an der Akademie machte, handelten auch schon von persönlichen und kollektiven Erfahrungen zum Thema „Afro-Haar“. In einem Jahr schuf ich eine Skulptur aus unzähligen Stahlschwämmchen. Und die Inspiration für diese Skulptur kam aus einer persönlichen Erfahrung, aber wurde aber erst in Gang gesetzt, als ich Maya Angelous Buch „Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt“ las. In einer Situation beschreibt Maya Angelou, wie ihre krausen Haare mit schwarzer Stahlwolle verglichen werden - eine Erfahrung, die ihr frühes Bewusstsein für rassifizierte Schönheitsnormen prägte. Mit dieser Arbeit habe ich mir meine Würde zurückerobert.
Es war also lange ein Gedanke, ein inneres Dringen, mich auch für meine Diplomarbeit mit diesem Thema zu beschäftigen und mir auch länger dafür Zeit zu nehmen. Es ging mir dann darum, diese Beschäftigung auf eine tiefere künstlerische Ebene zu heben.
Die Magie steckt in jeder Strähne, so der Titel deiner „Haarskulpturen“, war deine Abschlussarbeit an der Akademie?
Ja genau, ich produzierte eine Serie von textile soft sculptures für meine Diplomausstellug. Meine Arbeit untersuchte die soziale und politische Bedeutung von afro-diasporischem Haar und Frisuren - also nicht nur als ästhetisches Merkmal, sondern als kulturelles, historisches und identitätsstiftendes Phänomen. Dafür arbeitete ich mit der Fotodrucktechnik Cyanotypie (auch Blaudruck genannt, ein fotografisches Edeldruckverfahren, bei dem Bilder in charakteristischem blau entstehen) Alle Fotos für meine Diplomarbeit fotografierte ich selbst und druckte sie mit künstlichem und echtem Sonnenlicht auf verschiedene Stoffe, die somit zur „magischen Strähne“ wurden; daraus formte ich dann „Haarskulpturen“.
Was wolltest du mit der Arbeit ausdrücken?
Meine Arbeit ist sehr vielschichtig. Einerseits wollte ich die vielen Prozesse, die zum Haare-machen gehören, darstellen. Andererseits ging es mir auch sehr stark darum zu zeigen, dass „afro-diasporisches Haar“ kein bloß äußeres Merkmal ist, sondern ein Träger von Wissen, Geschichte, Identität und Widerstand. Mit meiner Arbeit habe ich viele Ereignisse verdichtet und gleichzeitig aufgedröselt. Meine Arbeit ist im Grunde eine Würdigung und Hommage an die afro-diasporische Haar-Kultur.
Den Skulpturen hattest du die Form von Frisuren verliehen: Zöpfe, Twists, Locken… Womit waren sie gefüllt?
Mit Liebe, Tränen und Schweiß (lacht)! Aber auch mit Füllwatte und Aluminiumdraht.
Dafür bekamst du den Preis der Kunsthalle Wien 2020 und auch den Würdigungspreis der Akademie im selben Jahr. Wo sind die Skulpturen jetzt?
Die Stadt Wien hatte einen Kunstankauf gemacht; die anderen Skulpturen sind noch bei mir. Einige waren im österreichischen Pavillon bei der EXPO Dubai 2021 ausgestellt.
Um auf die Haare zurückzukommen: Was ist daran so speziell für dich? Hast du dich durch sie anders gefühlt?
Meine Haare waren für mich nie nur ein ästhetisches Merkmal. Sie sind immer auch ein Zeichen von Sichtbarkeit - etwas, das mich in bestimmten Kontexten als anders markiert.
Hast du das stark erlebt?
Rassismus ist nach wie vor in unseren gesellschaftlichen Strukturen verankert, auch wenn viele versuchen, antirassistisch zu handeln. Ob ich das „stark erlebt“ habe, finde ich schwer zu beantworten, weil es für mich weniger um einzelne persönliche Erlebnisse geht. Es ist eher ein kontinuierliches Bewusstsein, das meinen Alltag und mein Denken prägt.
Hängt der rote Faden in deinem Werk damit zusammen?
Oft starte ich meine Arbeit mit persönlichen Erfahrungen, doch sie bleibt nie nur auf mich bezogen. Erst nach und nach habe ich gemerkt, dass meine Erlebnisse nicht über mich allein erzählen, sondern Ausgangspunkt sind, um Themen wie Familie, Diaspora und kollektive Erinnerung zu erkunden.
Denkst du darüber nach, ob deine Arbeit in Zukunft ähnlich gesteuert oder orientiert sein wird?
Auch in Zukunft wird meine Arbeit persönliche Impulse haben, aber sie beginnt nicht immer bei mir selbst. Für mein Werk Water We Doing wurde ich eingeladen, im MZ Balthazar Laboratory eine Einzelausstellung zu machen. Dort stieß ich auf eine Episode aus Professor Balthazar: Amadeus, eine Figur, die Wasser orten kann. Ich habe diese Fähigkeit so gelesen: Er hört das Wasser - eine feine, intuitive Wahrnehmung von Lebensfluss und Lebenskraft. Interessanterweise existiert eine vergleichbare Fähigkeit auch in der Realität: Frauen im Sahel spüren intuitiv verborgene Wasserquellen, wie ich in Lynne Twists Soul of Money gelesen habe. Daraus entstand meine Arbeit, in der Intuition, Lebensenergie und Wahrnehmung sichtbar werden. Ich sehe mich dabei immer als Ausgangspunkt.
Wie ist dein Arbeitsprozess?
Der Plan kommt manchmal erst, wenn ich schon im Machen bin. Ich habe ein paar Tools und Techniken, mit denen ich arbeite, dann kommt die Idee. Es ist ein fließender Übergang. Zurzeit besticke ich Cyanotypien meines Fußsohlenabdrucks mit bunten Fäden und „ghana-must-go“ cut outs. Ich weiß nicht immer, was ich mache, aber in diesen meditativen Zustand einzutauchen, bringt die Ideen hervor.
Ist die Kunst für dich ein Weg?
Momentan ja. Die Kunst begleitet mich schon sehr lange, und durch sie habe ich mich selbst und mein Umfeld viel besser kennengelernt. Sie ist eine Reise, die nie aufhört, sondern immer weiter geht. Schon als Kind wurde ich oft gefragt, woher ich denn „wirklich“ komme. Diese Frage war vermutlich der eigentliche Auslöser dafür, dass ich sie mir irgendwann selbst gestellt habe: Woher komme ich?
Du bist also nach Nigeria gereist?
Ja, und nach meiner ersten Reise nach Nigeria konnte ich es besser beantworten. Es gibt ja diesen Spruch: Man weiß nicht, wohin man geht, wenn man nicht weiß, woher man kommt.
Das würdest du unterschreiben?
Ja. Meine Suche geht in viele Richtungen. Ich habe zwar meine Familie in Nigeria besucht, aber das ist ja nicht gleich die Antwort auf die Frage, woher ich komme. Diese Antwort geht viel tiefer. Daher bin ich sehr viel damit beschäftigt, mich spirituellen Fragen zuzuwenden. Woher komme ich als Esther? Was ist diese innere Quelle in mir, die mich jeden Tag aufwachen lässt?
Ist die Kunst das Mittel für dich, zu dieser Antwort zu kommen?
Sie ist eines von vielen Mitteln. Aber auch, zu wissen, dass ich nie eine endgültige Antwort finden werde. Im englischen gibt es das Wort „memory“, das mehr ausdrückt als das deutsche Pendant Erinnerung. Es bezieht sich auf die Membrane, darauf, dass Wissen im Körper lebt, und dieses Wissen oft auch erst dann entdeckt werden kann, wenn man an gewisse Orte geht. Und bei all meiner Suche nach „der“ Antwort ist es genauso wichtig mich selbst immer wieder daran zu erinnern, dass ich nichts weiß.
Hast du das Gefühl, dass man als junger Künstler oder als junge Künstlerin gesellschaftspolitisch relevante Themen ansprechen muss? Ist da ein Druck?
Ich erinnere mich immer wieder an Nina Simone, die gesagt hat: „An artist’s duty, as far as I’m concerned, is to reflect the times.“ Ja, es gibt einen gewissen Druck, Kunst zu schaffen, die sich mit unserer Zeit auseinandersetzt. Für mich bedeutet das aber vor allem, mich den Themen zuzuwenden, die mich wirklich bewegen. Es braucht aber auch eine gewisse Leichtigkeit dabei, sonst wird es zu verkopft.
Hast du den Eindruck, dass du deine Kunst erklären musst?
Zu einem gewissen Grad ja. Lange Zeit habe ich viel Energie darauf verwendet, mich selbst oder meine Erfahrungen zu erklären - und das ist ziemlich anstrengend. Mittlerweile versuche ich das weniger und konzentriere mich mehr auf meinen Prozess und darauf, Raum für Inspiration zu schaffen. Ich werde ständig von anderen inspiriert, die wiederum von anderen inspiriert wurden.
Auf den Schulter von Riesen und Riesinnen stehen?
Stimmt!
Apropos Inspiration: Gab es noch andere besondere Momente mit Künstlern oder Künstlerinnen?
Ja, wunderbare Momente! Zum Beispiel mit Janine Jembere für ihre Serie Channeling (Vienna) im mumok zur Ausstellung Avant-Garde and Liberation. Die Fotoserie zeigt befreundete Künstler*innen mit geschlossenen Augen, während wir historische Persönlichkeiten aus Befreiungsbewegungen „channeln“ und deren Gedanken und Haltungen performativ verkörpern. Ich hatte mich für Faith Ringgold entschieden, die ein großes Vorbild ist.
Sie hat viel mit Quilts gearbeitet…
Genau, damit beschäftige ich mich ja jetzt auch! Mein neues Projekt ist die Arbeit an einer Quilt Serie, die sich aus kleinen Teilen zusammensetzt - und damit zu dem nicht gerade großen Raum passt, in dem ich derzeit arbeite! Dazu habe ich viele kleine Formen aus den „diaspora bags“ ausgeschnitten. Diese Taschen sind mit vielen Assoziationen verbunden; jemand, der dieses Material kennt, weiß sofort, worum es geht. Was siehst du zum Beispiel, wenn du dieses Stückchen siehst (hält ein kleines Stück ausgeschnittenen Stoff hoch)?
Ein Blatt? Oder eine Blume?
Für mich ist es eine Pupille. Aber ich mag, dass jeder etwas anderes sieht. Es kann ein Blatt sein, aber ich sehe auch einen Tropfen, eine Träne, ein Auge, je nachdem, in welchen Kontext man es setzt. Ich finde es schön, über die Form eines Auges eine Träne darstellen zu können, den Moment des Loslassens und des Neustarts – das ist ein Zyklus ohne Anfang oder Ende.
Wir haben gerade darüber gesprochen, dass du derzeit in einem kleinen Space arbeitest. Wie findest du generell das Arbeiten in Wien?
Ja genau, momentan mache ich eine Artist Residency in Wien, aber danach werde ich wieder von meiner Wohnung aus arbeiten und deswegen auch viel kleiner. Grundsätzlich ist Wien für mich eine gute Basis, weil ich meine Familie, Freunde und Kolleginnen hier habe. Ich versuche aber auch so oft wie möglich aus Wien raus zu kommen, sei es durch kollaborative Projekte oder Residencies. Und das tut mir sehr gut, immer wieder aus meiner eigenen Blase zu fliehen um „sane“ zu bleiben.
Text: Alexandra Markl
Fotos: Maximilian Pramatarov