In the Studio

Dejan Dukic

Wien, Österreich

»Ich mag die Vorstellung, dass ich meine Bilder massiere.«

Die geheimnisvollen Strukturen, die man auf Dejan Dukics Leinwänden findet, erinnern bisweilen an karge Landschaften aus der Vogelperspektive und dann wieder an das Wuchern von Flechten auf einem Felsen. Seine Arbeiten wirken gewachsen anstatt gemacht und bestechen durch ihre reiche Farbtiefe. Im Interview spricht der Künstler über seinen außergewöhnlichen Malprozess, seinen ebenso ungewöhnlichen Werdegang und die Intuition, die ihn leitet.

Was für ein spektakuläres Atelier, direkt unter den Stadtbahnbögen. Die Atelierflächen sind doch sicher sehr begehrt. Wie bist du denn da rangekommen?
Es war eine glückliche Fügung, denn ich hatte genau so etwas gesucht: Es musste vier Meter hoch sein und groß, und natürlich hatte ich nur 300 Euro zu Verfügung. Nicht zu bekommen! Zwei Wochen später schickte mich eine Freundin hierher, weil es da angeblich eine Siebdruckwerkstatt gab, in der man günstig drucken konnte. Es hat sich herausgestellt, dass der Vormieter seit drei Monaten die Miete nicht bezahlt hatte. Da habe ich gesagt: „Hey, gib mir einfach die Schlüssel, ich zahl die Miete und wenn du wieder zurückkommen magst, dann kommst du halt wieder zurück.“ Das war vor acht Jahren. Mittlerweile habe ich auch noch den Nachbarbogen dazubekommen. Dort kann ich an meinen großformatigen Bildern arbeiten.

Dein Prozess ist ein ganz besonderer und involviert, dass du unter hohem Materialeinsatz verschiedene Schichten von Ölfarbe von hinten durch die Leinwand arbeitest. Das Material wächst förmlich aus seinem Untergrund heraus und bildet faszinierende Strukturen, die teilweise an Mooskissen, Schimmelpilze oder Schwämme erinnern. Wie kommt man auf diese Arbeitsweise?
Begonnen hat das in Peking, wo ich für eine Residency war. Dort war die Luft so dreckig, dass ich sie nur durch die Leinwand saugen musste und damit alleine schon malen konnte. Weil ich das klassische Arbeiten mit Öl und Leinwand so liebe, habe ich mich daraufhin gefragt, wie ich diese Entdeckung damit verbinden kann. Ich habe angefangen den Prozess des Malens umzukehren, die Farbe also von hinten durch die Leinwand zu drücken. Dafür brauche ich keine Pinsel, nur Latex-Handschuhe. So habe ich den direkten Kontakt zu Leinwand und Farbe. Eigentlich massiere ich meine Bilder eher. Diese Vorstellung mag ich.

Heißt das, dass du hinter der Leinwand stehst und gar nicht siehst, was für ein Bild auf der Vorderseite entsteht?
Es gefällt mir schon, ein bisschen die Kontrolle aufzugeben. Die Bilder brauchen dann bis zu sechs Monate, um zu trocknen. In dieser Zeit verändern sie sich auch noch, ohne dass ich eingreifen kann. Eigentlich wäre es doch am schönsten, wenn sich die Bilder ganz von selbst malen würden. (lacht) So einen Prozess würde ich gern erfinden.

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Die Leinwände dazu baust du alle selbst?
Ja, alle selber gebaut. 2012, als ich mein Diplom gemacht habe, ist sogar eine Serie von Arbeiten, entstanden, die das auf gewisse Art thematisiert: die Storage Paintings. Ich hatte aus der Studienzeit viele halbfertige Arbeiten und Studien. Von all diesen Leinwänden habe ich die Seiten abgeschnitten und die Kanten präsentiert, als ob sie eingelagert wären. So konnte ich diesen Lebensabschnitt abschließen und gleichzeitig zu einem neuen Bildergebnis kommen. Dadurch, dass ich ständig neue Sachen ausprobiere, kann ich nur etwa zwanzig Prozent der Bilder, die ich mache, auch ausstellen. Mit den Storage Paintings konnte ich „Ausschussware“ zu neuem Material formen und gleichzeitig Erinnerungen einfangen.

Nur zwanzig Prozent? Wie entscheidest du, welches Bild es schafft, ausgestellt zu werden?
Das ist eine intuitive Entscheidung. Durch die Zeit, die ich im Atelier mit den Bildern verbringe, kristallisiert sich heraus, was Sinn hat. Manchmal arbeite ich schwitzend an einem Bild und wende so viel Kraft dafür auf, und trotzdem wird es nicht so, wie ich will. Aber wenn ich die Arbeit dann nach einiger Zeit wieder sehe, denke ich mir: „Wow, das ist ja voll gut!“ Es hilft also bei der Entscheidung, eine gewisse Distanz zu schaffen. Wenn ich auf meine Arbeiten zurückblicke, erkenne ich auch oft Parallelen in einer Gruppe an Bildern. Es ist dann interessant zu beobachten, wohin das Arbeiten mich gezogen hat. Wenn man anfängt etwas zu wiederholen, weil man etwas Bestimmtes sucht … vielleicht fängt genau da Kunst an?

Die Wirkung deiner Arbeiten wechselt ständig zwischen dem Mikroskopischen und dem Makroskopischen. In einem Moment sieht man winzige Zellen und im anderen ein Satellitenbild.
Die Auflösung meiner Arbeiten ergibt sich durch die Perforation in der Leinwand. In der Regel ist sie so dicht, dass man aus der Entfernung ein monochromes Bild sieht und meistens nichts Figuratives. Aber wenn du näher kommst, entdeckst du auf einmal, was alles in diesem Mikro-Makro-Kosmos passiert. Es ist dieser Wechsel, der mich an dieser Technik so begeistert.

Farbe spielt überhaupt eine große Rolle in deiner Arbeit. Kannst du deinen Zugang dazu beschreiben?
Mein Zugang ist naiv. Ich will spielen. Im Endeffekt spiele ich so lange mit Farbe, bis die Intuition sagt, jetzt passt es. Ich vertraue beim Arbeiten überhaupt sehr auf mein Wesen und meine Intuition. Es freut mich, dass ich meinen Körper mit Selbstbewusstsein einfach arbeiten lassen kann. Das könnte man vielleicht als meine Stärke bezeichnen. Unfälle und Zufälle sind dabei aber auch ganz wichtig für mich. Sonst würde man ja nie etwas Neues ausprobieren.

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Wenn wir den Prozess einmal außer Acht lassen, was versuchst du in deiner Arbeit inhaltlich auszusagen?
Das Prozesshafte ist zum großen Teil mit dem Inhalt meiner Malerei verwoben. Es geht, wie gesagt, um eine Wechselwirkung zwischen Zufall und Kontrolle, darum, mein Auge ständig zu schulen und einen für mich spannenden Zugang zur Malereigeschichte und zum Tafelbild zu finden. 

Gibt es irgendwas, das du mit deinen Arbeiten bei Betrachtern auslösen möchtest?
Meine Arbeiten sollen auf einer emotionalen Ebene wirken und durch ihre Technik Spannung erzeugen. Ich versuche mit den Materialien, die ich verwende, Emotionen zu übertragen, zu übertreiben und an die Grenzen zu gehen. Im Endeffekt kann man die Gefühle, die Kunst hervorruft, aber ohnehin nicht erklären. Vielleicht ist meine Kunst auch nur eine Art flache Berieselung. Aber auch das hätte seine Berechtigung. 

Wie du eingangs gesagt hast, liebst du es, mit Öl und Leinwand zu arbeiten. Hat dich deine Studienzeit bei Daniel Richter insofern geprägt?
Eigentlich wurde ich ja bei Franz Graf aufgenommen und habe anfangs auch grafische Arbeiten gemacht. Schon nach zwei Semestern ist dann aber Daniel gekommen. Das war gut, weil er mich dazu gebracht hat, viele Grenzen infrage zu stellen. Sein Konzept ist, dass man jegliches Mittel verwenden soll – den Pinsel, den Finger, alles, was die Kunstgeschichte zu bieten hat –, um ein Tafelbild herzustellen. Das finde ich toll. Momentan experimentiere ich damit, den Produktionsprozess so zu gestalten, dass sich mehrere Bilder aus einer Handlung ergeben. Im speziellen Fall heißt das zum Beispiel, mit der hindurchfallenden Farbe eine Art Gegenbild einzufangen, welches meine Kontrollfähigkeit noch um eine Instanz weiter aushebelt.

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Wie bist du denn überhaupt dazu gekommen, Kunst zu studieren?
Meine Geschichte ist ganz arg. Eigentlich habe ich Bäcker gelernt, dann war ich Installateur, anschließend habe ich einige Zeit einfach irgendwie gejobbt. Erst mit 28 habe ich gemerkt, dass alle meine Freunde irgendetwas Kreatives machen. Musik hatte ich schon gemacht, seitdem ich 19 war. Aber das war frustrierend, weil du monatelang an einer Nummer arbeitest, ohne Ergebnisse zu sehen. Nachdem ich sieben Jahre lang nichts geschafft hatte in der Musik, habe ich das ganze Equipment verkauft und mir stattdessen Leinwände und Farbe besorgt. Als ich mich dann an der Akademie bewarb, wurde ich gleich beim ersten Mal genommen.

Hattest du jemals das Gefühl, an der Akademie fehl am Platz zu sein, so als absoluter Quereinsteiger?
Anfangs saß ich da, und es hat sich angefühlt, als ob alle Französisch sprechen und ich es nicht kann. Aber dann nach ein, zwei Jahren habe ich irgendwann angefangen dieses Französisch zu sprechen. Auf einmal konnte ich die Bilder deuten und die Codes lesen. Ich finde aber trotzdem, dass es wichtiger ist, wo es hingeht, als was irgendwer irgendwann gesagt hat. Außerdem ist es viel besser, mit dem Studium anzufangen, wenn man schon älter ist. Man ist viel ruhiger und weiß die Dinge ganz anders zu schätzen.

War die bildende Kunst wirklich komplettes Neuland für dich, oder hattest du schon vor deinem Studium einen Zugang dazu?
Ich erinnere mich, dass ich als Kind in Bosnien wahnsinnig gerne gezeichnet habe, weil mir sonst langweilig in der Schule war. Als ich dann in Österreich in die Hauptschule gekommen bin, habe ich die deutsche Sprache von der Tafel abgezeichnet, bis ich sie beherrscht habe. Im Nachhinein betrachtet, ist das sehr interessant: eine Sprache abzeichnen, weil man sie nicht verstehst.

Was haben denn deine Eltern gesagt, als du ihnen eröffnet hast, dass du Kunst studieren willst?
Das Erste, was mein Papa gesagt hat, war: „Von mir kriegst du kein Geld!“ Darauf habe ich ihm geantwortet: „Hey, ich brauch’ kein Geld von dir. Stell dir vor, ich krieg ein Selbsterhalterstipendium.“ Nebenher habe ich damals selbst bedruckte T-Shirts in ganz Europa verkauft, und so konnte ich studieren. Zuerst war mein Vater sehr abweisend, aber das war nichts Neues. Er hat auch zwei Jahre lang nicht mit mir geredet, als ich mit 18 lange Haare hatte. Irgendwann ist es dann zu ihm durchgedrungen, dass es gar nicht so leicht ist, auf die Akademie zu kommen. Inzwischen fragt er mich, wann ich denn endlich Kohle nach Hause bringen würde. (lacht)

Du wirkst wie jemand, der sich wenig von seinem Umfeld beeindrucken lässt. Aber gleichzeitig will ja jeder Künstler von seiner Kunst leben können, und der Markt verlangt nun mal, dass Bilder fertig werden. Beeinflusst dich das?
Ich habe tatsächlich kein gutes Gefühl, wenn ich länger nichts gemacht habe – ganz abgesehen vom Druck des Kunstmarkts. Aber das ist mehr ein innerer Trieb. Ich müsste eigentlich viel mehr arbeiten, aber nicht, um mehr verkaufen zu können, sondern weil ich glaube, dass ich noch ganz viele Bilder finden kann. Natürlich gibt es ab und zu Monate, wo man nicht so viel schafft. Aber jede Krise ist auch gut. Man muss sie nur überwinden. 

Im Atelier steht dein gepackter Koffer. Morgen fliegst du für einige Monate nach Thailand. Sehr beneidenswert! Was hast du dort vor?
Thailand ist für mich ein heiliges Land! Irgendwo auf der Akademie ist mir meine Spiritualität verloren gegangen, aber in der thailändischen Natur habe ich sie wiedergefunden. Es gibt dort zum Beispiel diese Thermalquellen: Man sitzt im heißen Schwefelwasser, um einen herum Hunderte Jahre alte Bäume, über einem die Milchstraße. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es entstehen auch ganz andere Arbeiten, wenn ich dort bin. Es wird also sicherlich eine produktive Zeit werden.

Kannst du uns zum Abschluss noch verraten, ob es einen Künstler gibt, den du als Vorbild bezeichnen würdest?
Als ich das erste Mal im Hamburger Bahnhof in Berlin war, gab es dort ein Bild von Cy Twombly, vor dem ich eine halbe Stunde oder sogar länger gestanden bin. Ich konnte mich einfach nicht losreißen. Im einen Moment dachte ich, ich kann das Bild entziffern und lesen, und dann wieder nicht. Das war für mich das beste Erlebnis überhaupt. Mit meiner Arbeit versuche ich etwas Ähnliches zu erreichen und den Körper in einen Modus zu bringen, dass man sich nicht abwenden kann.

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Interview: Gabriel Roland
Photos: Florian Langhammer

Links:
Dejan Dukics Website
Zeller van Almsick, Wien

#loveart, #dejandukic

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