In the Studio

Maruša Sagadin

Wien, Österreich

»Was sich im „White Cube“ befindet, findet sich auch auf der Straße.«

Die Künstlerin Maruša Sagadin erforscht in ihrer künstlerischen Praxis das Zusammenspiel zwischen Gender, Sprache und Skulptur der modernen Architektur. Ihre Installationen sowie Objekte funktionieren bewusst im Innen- sowie Außenraum gleichermaßen, verweisen auf Elemente der Pop- und Subkultur, arbeiten mit Humor und Übertreibung und werden nicht selten um einen performativen Akt erweitert, um die Betrachter einzuladen, aktiv an der Kunst teilzunehmen.

Bevor du deine künstlerische Karriere begonnen hast, warst du dreizehn Jahre lang als Profisportlerin aktiv. Wie kam es zu dieser Veränderung in deinem Leben?
Im slowenischen Alpenbereich war ich lange als Skifahrerin tätig. Als Jugoslawien zerfallen war, kam ich nach Österreich und setzte meine Sportkarriere fort und begann Basketball zu spielen. Ich stieg schnell in die Bundesliga auf und konnte durch das Angebot, für die österreichische Nationalmannschaft zu spielen, den österreichischen Pass erlangen. Dies war sehr relevant, da sich dadurch neue Bildungs- und Arbeitswege für mich eröffnet haben, die mir davor verschlossen waren. Es folgten ein Architekturstudium in Graz und später ein Studium der Bildhauerei in Wien. Der Sport hat sehr viel für mich getan.

Du verbindest die Architektur mit der Bildhauerei. Wo fängst du an?
Mein Schaffen kommt aus der Architektur, wobei ich keinen Lebensraum baue, sondern die Idee der Architektur in etwas Neues übersetze sowie meine Erfahrungen in meinen Projektionen umsetze. Mit diesem Ansatz kann ich beinahe kompromisslos an die Realisierung meiner künstlerischen Arbeit herangehen und mich mit den sozialen Aspekten der Architektur auseinandersetzen.

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Über welchen sozialen Aspekt in der Architektur sprichst du genau?
Der soziale Aspekt der Architektur bedingt gewisse Fragen. Wer baut, für wen und wo? Wer ist überhaupt in der Position, bauen zu können? Dabei geht es natürlich um Ein- als auch Ausschlussmechanismen der Architektur. Zusätzlich spielt dabei auch die Geschlechterfrage eine große Rolle. Ich frage mich, nach welchen Normen gebaut wird und ob dadurch auch eine Vorgabe entsteht. Diese Gedanken führen dazu, dass ich mit der Erschaffung einer Skulptur in Anlehnung an die Architektur mit Normen und Strukturen brechen möchte. So verwende ich beispielsweise die gleichen Materialien für eine Innen- als auch Außenskulptur. Was sich im „White Cube“ befindet, findet sich auch auf der Straße, und so wird etwas, das in einem Raum unzugänglich erscheint, außerhalb in derselben Qualität frei verfügbar.

Welche anderen Strategien verwendest du, um mit den Normen der Architektur zu brechen?
In meiner Strategie breche ich mit Größenverhältnissen und Farben. Meine Objekte vermitteln oft etwas Angewandtes, obwohl sie zum tatsächlichen Gebrauch zu schwer und auch zu groß gefertigt sind. Sie sind untragbar und unerträglich. Bei meiner Farbwahl wähle ich Kombinationen, die leicht am normativen „guten“ Geschmack vorbeigehen. Die Intention liegt im Ausbruch aus einer Art Gemütlichkeit, wobei sich das auch als eine Kampfansage lesen lässt, die für einen erfolgreichen Bruch notwendig ist.

Deine Arbeiten wirken beinahe wie eine „Cartoon Sprache“, sind stark lackiert und lassen das verwendete Material nur vermuten. Welche Materialen werden hier genützt und wie?
Das Hauptmaterial ist günstiges Fichtenholz, welches ich selten als Holz darstelle. Ich lege immer eine farbstarke Schicht darüber, da ich nicht den Anspruch habe, das Wahrhafte zu zeigen, sondern einen „Fake“ schaffen möchte. Es ist fast wie ein ständiges Make-up zu werten, welches übertrieben aufgetragen wurde und deshalb beinahe schon wehtut. Es geht dabei auch um eine Spiegelung, also eine Art „High Gloss“ für Arme. Andere Materialen, die ich verwende, sind klassische Baumaterialen der Architektur wie Beton oder Styropor. Der „Cartoon Charakter“ ergibt sich aus den unterschiedlichen Thematiken und Gegensätzen, die ich in meine Arbeit einfließen lasse. Dazu gehören die Jugend- und Undergroundkultur sowie die Musikkultur und die Gegensätze zwischen Hoch- und Popkultur. Darin zeigt sich ein gewisser „trashiger“ Aspekt, den ich gerne verwende. Um die Expertise aus der Popkultur herauszuarbeiten, tausche ich mich mit der Musikszene, Kuratoren und Kuratorinnen sowie DJs aus, die dann auch Teil meiner Arbeit werden. Meine aktuelle Ausstellung im Künstlerhaus Graz Tschumi Alumni. How culture works? How art works? wird durch einen sci-fi-artigen Essay der Kuratorin Mette Woller ergänzt und behandelt Phänomene wie „Hydrofeminismus“ oder den Musiker Prince. Dazu wird es ein DJ-Set von Juliana Lindenhofer geben, die auf meiner Skulptur Doris im Außenraum performen wird.

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Die Lackierungen deiner Skulpturen sind besonders farbstark. Welche Bedeutung hat Farbe in deiner Kunst?
Bei meiner Farbwahl versuche ich den eindeutigen Assoziationen aus dem Weg zu gehen und Farben in neue Kontexte zu setzen. Wie kann ich die politische Bedeutung von Blau und Türkis umdrehen? Was kann Rot anders als sozialistisch sein? Und was verbinde ich mit Orange? Eher die 1980er-Jahre oder die Revolution? Was ist an Pink feministisch und nicht feminin? Für meine Ausstellung She in Caps bei König 2 habe ich eine Skulptur blau lackiert und ihr den Titel das Herz in der Hose gegeben. Ihre Zusammenstellung scheint fragil zu sein und ihre Positionierung möglicherweise nicht ermächtigend. Sie scheint zurückhaltend und an den Rand gedrängt. Es ist eine gescheiterte Darstellung, denn man ist immer nur so stark, wie man sich gibt, und vielleicht fällt einem dann doch bei der ganzen Selbstinszenierung das Herz in die Hose.

Deine Arbeit „Doris“, eine überdimensionale Bank und begehbare Skulptur, ist in Violett gehalten. Welche Aussage soll diese Farbe treffen?
Die Farbe Violett verweist auf feministische Statements, gleichzeitig und gegensätzlich ist sie aber auch eine Farbe der Spiritualität. Übrigens hat Prince mit Purple Rain den schönsten Song über Violett geschrieben. In ihrer Form soll Doris zudem an die dorische Säule erinnern, welche die einfachste Form der griechischen Säulenordnungen ist. Die säulenartige Sitzbank Doris ist gekippt und liegt horizontal und bricht mit den Attributen wie Macht, Größe und Repräsentation. Sie ist benutzbar, bietet einen Hochglanzuntergrund zum Sitzen, Trinken und Schlafen und steht im öffentlichen Raum frei zur Verfügung.

Über die Formen deiner Skulpturen kommunizierst du auch Geschlechterformen. Manches sieht aus wie ein Lippenstift, und die Arbeit „Milli Bofilli“ erinnert an einen Stöckelschuh.
Viele architektonische Entwürfe erinnern an Objekte, die uns vertraut sind und auch danach  benannt werden: Bügeleisen, Zungen, Schuhe oder Wellen. Meine Arbeiten Lipstick Building, und Milli Bofilli sind ein Spiel der Verführung und Selbstermächtigung. Bei Lipstick Building entsteht eine Referenz zu Make-up und der Fassade eines Gebäudes. Dabei kommen Fragen hinsichtlich Macht, Größe und Glanz auf, denn auch Make-up wird dazu genutzt, um etwas größer erscheinen zu lassen. Ein Teil von Milli Bofilli ist ein Stöckelschuh, der nicht tragbar ist, jedoch in seiner Form trotzdem verführerisch wirkt. In meiner Arbeit Extra Extra Elle habe ich eine ganze Reihe an modellhaften Objekten gebaut, die an Stöckelschuhe erinnern und sich in ihrer Form an die Architekturen von Zaha Hadid, wie die Bergisel-Schanze, anlehnen.

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Viele deiner Arbeiten funktionieren auch in Referenz zueinander. So wird deine Lippenstift-Skulptur oft in einer Vereinigung mit „Doris“ ausgestellt.
Meine Arbeiten ergänzen sich immer weiter und unterstützen sich gegenseitig wie „Props“ auf einer Bühne. Viele Dinge müssen aufeinander oder übereinander stehen, und manchmal benötige ich ein bestimmtes Objekt zweimal zur gleichen Zeit. Dies ist der Fall, wenn meine Skulpturen in mehr als einer Ausstellung gleichzeitig gezeigt werden. Dahingehend existieren meine Arbeiten oft in zwei- bis dreifacher Ausführung.

Deine Arbeiten unterliegen einem ständigen Überarbeitungsprozess. Vieles wird neu verhandelt, ummodelliert oder gänzlich zerstört. Was steckt dahinter?
Ich kann nicht immer alle Skulpturen aufbewahren, manchmal aus Platzgründen, manchmal weil sie nicht gut genug sind. Einige Arbeiten, die ich bereits gezeigt habe, können ihren Fokus oder ihre Spannung verlieren und nicht mehr stimmig erscheinen. Ich versuche dann, diese Spannung neu aufzubauen, indem ich die Skulpturen neu verarbeite, übermale und manchmal sogar zerschneide. Die alte Arbeit verschwindet dabei nicht ganz, sondern ist immer noch im neuen Werk sichtbar, wie zum Beispiel die Skulptur A Happy Hippie (Happy stories are all happy in the same way and unhappy each in their own way). Es ist wie eine dauerhafte Renovierungsarbeit. Früher habe ich mich für diesen Prozess in meiner Kunst fast geschämt, doch mittlerweile würde ich sagen, dass dies Teil meiner künstlerischen Praxis ist.

Als Künstlerin hast du auch lange Zeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien unterrichtet. Welchen Einfluss hatte dies auf deine Arbeit?
Das Unterrichten an der Akademie war für mich wie eine Form der Weiterbildung. Es hält einen fit, da es eine Herausforderung ist, seinen Studierenden immer wieder neue Impulse liefern zu können. Außerdem war es ein Geben und Nehmen; ich habe unglaublich viel Input von den Studierenden und Kolleginnen erfahren. Jedoch sollte man aufhören, wenn es zur Routine wird.

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Welche Architektur begeistert dich und deine Arbeit als Künstlerin?
Ich mag die nordamerikanische Architektur und die Stadt Los Angeles. Los Angeles assoziiert man sofort mit der Postmoderne sowie einem Bruch mit der Logik der Moderne und der europäischen Städtestruktur. In meinem Architekturstudium wurden wir regelrecht malträtiert mit der Wahrhaftigkeit der Moderne, und die Postmoderne wurde als minderwertig abgetan. Aber ich liebe die eigene Logik, den Kitsch, die Übertreibung, den Fake und die Ironie der Postmoderne. Sie lässt Raum für Unbedeutsamkeit und Uneindeutigkeiten, welche die Frage nach alternativen Identitäten aufkommen lässt.

Gender und damit verbunden die Geschlechterfrage konkret werden in deinen Arbeiten, aber auch in deinem Leben selbst behandelt. Was ist dir dabei wichtig?
Ein Aspekt, der hier wichtig zu nennen ist, ist die Sichtbarkeit. Bildhauerei stellt bereits eine Form des Sichtbarmachens dar, und dadurch, dass ich Inhalte, Bilder und Konzepte in Objekte und haptisches Material transformiere, um daraus einen „Remix“ zu erzeugen, zeige ich bereits etwas, das nicht übersehen werden kann und seinen Platz beansprucht. Bei meinen Referenzen suche ich ganz bewusst nach Inhalten, die mit dem „Mainstream“ brechen oder den „Mainstream“ in einem anderen Licht zeigen. In meiner bereits erwähnten Ausstellung Extra Extra Elle fragt man sich, ob eine Prominenz und allgegenwärtig präsente Persönlichkeit wie Zaha Hadid, der ich einen Fokus zugestehe, zusätzliche Bühne braucht. Wahrscheinlich nicht, aber man muss auch immer wieder betonen, dass sie bis dato die einzige weibliche Pritzker-Preisträgerin ist. Es ist nicht per se gesagt, dass Arbeiten über und von Zaha Hadid „queer“ sind, aber man kann mit ihr als Beispiel trotzdem viele Unstimmigkeiten und Widersprüche aufzeigen. Die ständige Suche nach neuen Theorien und Ansätzen ist ein enormer Ansporn. Und da werde ich oft in der jüngeren Generation fündig oder bei meinen geschätzten Kolleginnen, wie Cäcilia Brown, Toni Schmale, Stefanie Seibold, Gabriele Edlbauer, um nur einige zu nennen.

Wie sehen deine aktuellen Ausstellungspläne aus?
Aktuell können Arbeiten von mir im Künstlerhaus Graz gesehen werden. Für Ende Mai arbeite ich gemeinsam mit den Künstlerinnen Cäcilia Brown und Noële Ody im Rahmen des Public Program an einem skulpturalen Setting für das Foyer des 21er Hauses. Eine schirmartige Skulptur von mir in Form eines „Caps“ wird im September 2018 im zehnten Bezirk in Wien gezeigt.

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A Happy Hippie
(Happy stories are all happy in the same way and unhappy each in their own way), 2017
Holz, Metall, Zement, Farbe

A Happy Hippie 
(Happy stories are all happy in the same way and unhappy each in their own way), 2017
Holz, Metall, Zement, Farbe

Das Herz in der Hose, 2018
Holz, Zement, Farbe

Das Herz in der Hose, 2018
Holz, Zement, Farbe

Milli Bofilli, 2018
Holz, Metall, Zement, Farbe

Milli Bofilli, 2018
Holz, Metall, Zement, Farbe

Interview: Alexandra-Maria Toth
Fotos: Florian Langhammer
Ausstellungsansichten von She in Caps: (c) Paul Knight, courtesy Koenig2_by robbygreif

Links:
Marusa Sagadin's Website
Galerie KOENIG2 by_robbygreif

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