In the Studio

Theresa Eipeldauer

Wien, Österreich

»Für mich sind Malerei und Grafik wie ein riesiger Synthesizer.«

Theresa Eipeldauers Arbeiten mit ihren sanften Farbverläufen und stark kontrastierenden Mustern sind das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den Methoden der Grafik und der Malerei. Ihre Motive positioniert sie zwischen Pinselstrich, interferierendem Muster und typografischer Linie. Mehr über ihren Weg als Grafikerin zur Malerei und ihre neuen skulpturalen Projekte hat uns die Künstlerin in ihrem Studio in einem umgewandelten Geschäftslokal im siebenten Wiener Gemeindebezirk erzählt.

Danke für die Einladung in dein Atelier. Es ist beeindruckend, wie viel Platz hier ist. Aber du arbeitest normalerweise nicht alleine hier, oder?
Ich teile mir das Studio mit Sebastian Koch und Tobias Pilz. Neben Sebastian hatte ich schon auf der Bildenden meine Atelierfläche, und wir konnten uns immer gegenseitig motivieren. Seither haben wir uns verschiedene Ateliers geteilt und arbeiten auch oft in eine ähnliche Richtung. Jetzt haben wir uns beide gerade zur Malerei hinbewegt, obwohl wir ja aus der Druckgrafik kommen. Wir nehmen immer noch eine dritte Person ins Studio dazu, die meistens aus einem ganz anderen Feld kommt. Ich merke, dass ich es brauche, nicht alleine im Atelier zu sein und die Möglichkeit zum Austausch zu haben.

Auf der Akademie der bildenden Künste hast du bei Gunter Damisch studiert. Wie hast du diese Zeit erlebt?
Gunter Damisch und Veronika Dirnhofer haben mich sehr unterstützt und in der Entscheidung bestätigt, Kunst zu studieren. Ich habe zwar früh begonnen zu zeichnen, aber erst relativ spät verstanden, dass ich überhaupt Kunst studieren wollte. Deswegen war es so wichtig, dass ich mich in der Klasse so gut aufgehoben gefühlt habe. Dass in meiner Studienzeit die Betreuung so gut war und dass auch technisch so viel möglich war, ist der Grund, dass ich jetzt bin, wo ich bin.

Hier im Atelier habt ihr ja sogar eine Siebdruckwerkstatt im Keller. Du bist der Druckgrafik also treu geblieben. Welche Bedeutung hat das Drucken in deiner Arbeit?
Die Druckwerkstatt ist einer der Räume, die wir gemeinsam verwenden. Momentan habe ich die Werkstatt ein bisschen an mich gerissen. (lacht) Der Siebdruck ist für mich ein ganz wichtiges Medium. Ich habe mich von der Zeichnung dorthin entwickelt, indem ich begonnen habe, aus meinen figurativen Zeichnungen das herauszudestillieren, was mich interessiert – also die Flächen und Striche, Formen und Farben selbst. So bin ich immer abstrakter geworden und hatte irgendwann alles auf einen Strich reduziert. Diesen Strich habe ich dann genormt und vervielfältigt, entweder indem ich ihn mit dem Lineal gezogen habe oder eben im Siebdruck. So versuche ich, mit ein und demselben Motiv verschiedene Ausgänge zu finden.

Und was ist dein Bezug zur technischen Seite der Druckgrafik?
Werkstätten, in denen noch Drucke für Künstlerinnen und Künstler hergestellt werden, haben mich immer sehr fasziniert. Deswegen habe ich auch in einer Lithografiewerkstatt an der ENSBA [École nationale supérieure des beaux-arts] in Paris studiert. Lange Zeit war es sogar mein Plan, eine eigene Druckwerkstatt zu eröffnen. Dann habe ich aber schnell gemerkt, dass meine eigene Arbeit im Vordergrund steht.

Die Entwicklung vom Strich zum Motiv und von dort zur Wiederholung und zum Muster zieht sich wie ein roter Faden durch dein Werk. Irgendwie hat das ja auch immer noch viel mit Druckgrafik zu tun.
In diesem Zusammenhang war meine Zeit in Paris ganz wichtig für mich. Der Moment der Reduktion, den du beschrieben hast, hat dort stattgefunden. Ausgehend von dieser Systematik, habe ich meine Arbeit dann weiterentwickelt, auch mithilfe des Siebdrucks. Mich interessiert, wie ich durch die Ausdehnung und Wiederholung einer Linie neue Räume erzeugen kann, obwohl eine bestimmte Linie zum Beispiel eigentlich von einer Schrift herrührt.

Bedeutet das, wenn du jetzt als Malerin einen Pinselstrich setzt, dass du ihn immer noch als grafische Linie begreifst?
Ich habe mich selbst immer gefragt, wann die Individualisierung des Strichs anfängt. Sprache und Schrift sind da ein gutes Beispiel: Wann beginnt das repetitive Zeichnen von Buchstaben genormt zu sein? Und wann ist es ein individueller Strich? Aus der Grafik kommend, habe ich Maler immer bewundert, fast sogar beneidet. Aber das expressive Malen hat für mich keinen Sinn gemacht. Ich würde mich auch immer noch nicht als Malerin bezeichnen, sondern eher als Grafikerin, die sich der Malerei annähert, indem sie die Druckgrafik als malerisches Mittel einsetzt.

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Wie hast du es geschafft, deine malerischen und grafischen Interessen zu verbinden?
Inzwischen habe ich einen Weg gefunden, die Malerei für mich schlüssig einzusetzen. Der erste Schritt ist, eine Leinwand mit einem Farbverlauf zu grundieren. Dieser Übergang von einer Farbe in die andere ist für mich das minimalste malerische Element und äquivalent zum grafischen Element der Linie, die auch von A nach B geht. Um mein grafisches Prinzip umzusetzen, überlagere ich diese Grundierung dann mit Motiven. Für mich ist das wie ein riesiger Synthesizer, wo ich diese zwei Elemente steuern und miteinander in Beziehung setzen kann.

Das bedeutet, dass es in deiner Arbeit keinen Bruch gibt zwischen einer grafischen und einer malerischen Handlung?
Diese Annäherung an die Malerei passiert ja nicht in einem Schritt, sondern in einem stetigen Hin und Her. Ich gleiche andauernd ab, wo ich mich wohlfühle und was ich ausreizen kann, gehe dabei ständig nach vorn und zurück. Ich beschäftige mich jetzt zum Beispiel wieder mit Sachen, die mich schon 2013 beschäftigt haben. So kann ich gewisse systematische Ansätze, die ich mir in der Grafik erarbeitet habe, malerisch wiederholen und neu ausloten.

Durch die strenge Grafik wirken deine Arbeiten zunächst sehr präzise. Bedeutet das malerische Element nicht auch, diese Präzision aufzugeben?
Das ist genau das, was mich interessiert. Ich höre ganz oft: „Warum sind da Flecken?“ oder „Warum reißt das da aus?“ Das sind technische Fehler, die ich natürlich im Nachhinein korrigieren könnte. Ich mag das aber, wenn es anfängt zu bröseln. Für mich bekommen meine Arbeiten ihre malerische Qualität auch dadurch, dass die grafischen Motive anfangen zu bröckeln und nicht perfekt wie aus dem Plotter sind. Deswegen arbeite ich auf eine Art mit dem Siebdruck, die organischere Ergebnisse zur Folge hat.

Hast du dich von der Grafik eingeschränkt gefühlt, dass du dich der Malerei zugewandt hast?
Es gibt einfach Eigenschaften, über welche die Malerei verfügt, die Druckgrafik aber nicht. Die Art, wie ich jetzt arbeite und dabei grafische und malerische Herangehensweisen vermische, macht einfach viel mehr Sinn für mich, als zu versuchen alles grafisch umzusetzen. In Kombination lassen sich unglaublich viele Ergebnisse erzielen. Ich habe das Gefühl, dass ich noch ganz am Anfang darin bin, diese Möglichkeiten zu erforschen.

Worum geht es dir im Wesentlichen bei deinen Arbeiten? 
Bedeutung durch Wiederholung zu generieren. Ich habe drei Ordner, die voll mit Kritzeleien, Listen und Nachrichten an Leute sind. Dieser dient mir oft als Fundus, aus dem ich mir neue Formen aussuche, die mich interessieren. Durch die Überlagerung und Rekombination der immer gleichen Elemente, die eben Ausschnitte von Schrift oder Zeichnung sein können, versuche ich verschiedene grafische Ausgänge und Bedeutungen zu erzeugen. Für mich ist das wie eine Sprache. Mittlerweile geht es mir aber zusätzlich zu den Bedeutungsebenen um neue Räumlichkeiten, die ich auf diese Weise erschließen kann.

Das Prinzip, Räumlichkeiten zu erschaffen, verfolgst du nicht nur in deinen Bildern, denn du arbeitest ja auch plastisch.
Ich habe schon 2013 raumgreifende Arbeiten gemacht, in denen ich mich mit dem Thema der Bildträger auseinandergesetzt habe. Mein Fokus war, die Bilder aus dem Rahmen herauszubringen und zu erforschen, wie sie sich verändern, wenn man sich um sie bewegt. Deswegen habe ich zum Beispiel bedruckte Papiere in ihrer ursprünglichen Lagerhaltung auf Rollen als Skulptur in den Raum gestellt. Vor Kurzem habe ich für den Skulpturenpark eines Sammlerehepaars eine Arbeit aus Betonmodulen gemacht, die sich an den japanischen Torii orientiert. Dort ist es mir ein Anliegen, dass man die Skulpturen wirklich angreifen kann, sich um seine eigene Achse drehen muss, um sie zu durchschreiten, und sich der Betrachter so in meine Arbeit einfügt.

Und wie korrespondieren deine aktuellen skulpturalen Arbeiten mit dem Rest deines Werks?
Genau wie meine Bilder kommen meine plastischen Arbeiten aus der Linie. Ich habe damit angefangen, bemalte Leinwände zu falzen, sie zu brechen und eigentlich kaputt zu machen. Dadurch, dass ich das Material so ausreize, bin ich in der Lage, auf eine neue Art und Weise Linien zu ziehen und so auf einem Untergrund, der aus der Malerei kommt, grafisch zu werden. Auf dieser Basis sind dann auch die erwähnten Arbeiten aus Beton entstanden. Ich finde interessant, dass durch die Räumlichkeit das Licht malerische Verläufe und scharfe, grafische Linien erzeugt. Das Bild entsteht erst durch das Licht.

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Worum geht es dir, wenn jemand deine Arbeiten betrachtet. Gibt es etwas, dass diese Person idealerweise verstehen oder fühlen sollte?
Vielleicht geht es mir da um diese wenigen Sekunden, in denen eine Arbeit den Betrachter zu sich hinzieht, indem sie ihn emotional oder inhaltlich fesselt. Das ist das Gefühl, das auch mich steuert, wenn ich durch eine Ausstellung gehe. Wie das genau funktioniert, weiß ich aber auch nicht.

Was waren denn in letzter Zeit Ausstellungen, in denen du einen derartigen Moment der Verbindung mit der gezeigten Kunst gespürt hast?
So einen Moment habe ich ganz früh mit den Bildern von Mark Rothko erlebt. Das war ganz am Anfang meines Studiums und das erste Mal, dass ich die Arbeiten in echt gesehen habe. Mich hat das Leuchten und Glühen der Bilder fasziniert. Diese reale Begegnung hat mich total aufgeregt, und ich dachte mir, dass ich so etwas auch gerne auslösen würde. Ich liebe auch die Malerei von Svenja Deininger, Anne Neukamp, Tauba Auerbach und Christopher Wool. Die Matt-Mullican-Ausstellung in Winterthur, Theaster Gates in Bregenz, Malte Bruns im KIT [Kunst im Tunnel] Düsseldorf und R. H. Quaytman [Rebecca Howe Quaytman] in der Wiener Secession haben mich auch beeindruckt.

Kannst du uns verraten, was die nächsten Entwicklungen in deiner Arbeit sein werden?
Ich glaube, der nächste Schritt für mich wird sein, noch stärker mit Licht und Skulptur zu arbeiten. Für das Quartheft für Kultur habe ich kürzlich eine Fotostrecke gemacht, in der ich meine Skulpturen mit ihren Falzungen und Erhebungen mit gesteuertem Licht in Komplementärfarben gezeigt habe. Diese Art der Inszenierung war für mich eine schlüssige Weiterführung meiner Sprayings-on-Canvas-Arbeiten. Momentan versuche ich die Grafik und die Malerei einzusetzen. Als Nächstes interessiert es mich, die Wahrnehmung einer Skulptur mithilfe von Licht zu steuern.

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Interview: Gabriel Roland
Photos: Florian Langhammer

Links:
Theresa Eipeldauer's website
Galerie Krobath, Vienna

#loveart, #theresaeipeldauer

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