Der österreichische Künstler Tobias Izsó arbeitet zwischen Bild und Objekt. Seine Praxis nimmt ihren Ausgang in der Fotografie, nicht als Medium, sondern als Denkweise, als ein Spiel mit dem Bildausschnitt. Von dieser Perspektive aus entstehen Arbeiten, die sich zwischen Assemblage und Skulptur entfalten. Im Zentrum stehen vertraute Formen wie Möbel, Kleidung oder Alltagsgegenstände, die als kulturelle Träger funktionieren. Holz etwa begegnet ihm als lebendiger Widerstand – als ein Material mit Eigenwillen, das er durch Biegen und Schleifen in eine neue, gelenkte Organik überführt.
Tobias, wie bist du zur Kunst gekommen?
Also, ehrlich gesagt bin ich in der Schule nicht besonders gut gewesen, und gleichzeitig komme ich aus einer Familie, in der eigentlich alle Medizin studiert haben – nur ich habe gemerkt, dass ich dafür überhaupt kein Talent habe. Meine Mutter ist allerdings sehr kreativ – und das hat mich schon geprägt. Ich bin dann auf die Graphische gegangen und habe Grafikdesign gemacht, konnte mich damit aber nie wirklich identifizieren. Dort gab es allerdings ein Fotostudio und ich bin dadurch sehr schnell zur Fotografie gekommen. Ich habe mich dann bei der Angewandten beworben und bin in die Fotoklasse von Gabriele Rothemann aufgenommen worden. Im Nachhinein würde ich sagen, dass ich vielleicht noch zu jung war, um zu verstehen, dass Fotografie eigentlich auch nicht so ganz meins ist… Aber dadurch hatte ich die nächste Infrastruktur.
Wann kam dann der Moment, in dem du gemerkt hast, dass dich das Arbeiten mit Materialien mehr interessiert als das reine Bild?
Das war eigentlich ziemlich früh im Studium. Bei uns war es im ersten Semester Pflicht, Rahmen zu bauen. So bin ich zum Holz gekommen. Von da an hat sich eines ins andere ergeben: Ich habe angefangen, Props für meine Fotografien zu bauen, also Objekte, die ich dann im Bild verwendet habe und bin dann schnell zur Assemblage gekommen, wo ich nach wie vor zu Hause bin. Ich habe aber somit nie wirklich einen Skulpturen-Diskurs gehabt und ich denke sicherlich noch immer ziemlich bildlich.
Du sagst, du bist in einem kreativen Umfeld aufgewachsen. Was hat dich darin besonders geprägt und was davon erkennt man heute noch in deiner Arbeit?
Meine Mutter war Goldschmiedin und Bastelkönigin und die Vorstellung, dass man alles selbst pfuschen kann, ist etwas, das ich von meiner Mutter gelernt habe. Oder, besser gesagt, dass man sich Techniken selbst aneignet. Ich habe ziemlich früh gelernt, Dinge zu kopieren, ohne das Wissen dafür zu haben.
Also einfach mal machen?
Ja, einfach mal machen und dann viel schleifen.
Wie beginnst du eine neue Arbeit? Beschäftigst du dich zuerst mit einer Idee und dann erst mit dem Material, oder umgekehrt?
Es ist lustigerweise ziemlich ambivalent. Auf der einen Seite habe ich ziemlich klare Bilder vor Augen, die ich dann versuche umzusetzen, aber ich arbeite aktuell hauptsächlich mit Holz und das hat ein ziemliches Eigenleben. Man muss sehr oft Kompromisse eingehen oder merkt im Prozess erst neue Möglichkeiten, oder auch Unmöglichkeiten. Es kommt auch auf das Projekt an, wie ich arbeite. Manchmal ist es ziemlich stringent, mit Skizze, ein andermal ist es eher ein Probieren und Erspüren.
Welche Rolle spielt Handwerk in deiner Kunst?
Es spielt eine sehr große Rolle in meiner Kunst, weil ich über das Handwerk Themen abarbeite. Ich eigne mir Techniken an, um bestimmte Dinge zu zitieren. Nicht aus Nostalgie heraus, sondern eher aus dem Verständnis dafür, wie etwas gebaut ist, wie eine Struktur funktioniert. Mich interessiert, wie man sie reproduzieren kann und wie man sie sich aneignet, um sie dann für sich selbst zu nutzen oder konnotieren zu können. Ich mag Handwerk auch extrem gerne. Ich glaube, die Momente im Prozess sind die Dinge, die mich am meisten freuen – weniger das Ausstellen an sich, sondern eher das Probieren und auch das Scheitern (lacht). Ich finde es außerdem schön, dass man durch Plattformen wie Instagram nicht nur irgendwelche Inhalte vorgeschlagen bekommt, sondern eben auch viele DIY-Projekte sieht. So versuche ich, mir über Instagram oder YouTube manche Dinge laienhaft anzueignen – und oftmals funktioniert es.
Was fasziniert dich an der Arbeit mit Holz?
Ich habe wenig Naturbezug – für mich sind Bäume immer nur so rechteckige Stücke. Der Prozess, dass das Stück dann wieder zurückgeführt wird, in eine von Menschenhand gelenkte organische Form, finde ich faszinierend. Die Techniken, mit denen ich arbeite, kommen aus dem Möbelbau, oder eigentlich mehr aus dem Instrumentenbau. Ich arbeite hier zum Beispiel mit heißem Eisen, oder bei größeren Stücken mit Dampf, um das Holz zu biegen. Im Endeffekt ist das Eisen aber eigentlich nur ein Bügeleisen mit einer anderen Form (lacht). Zwingen und Schleifen sind die Hauptarbeiten, die ich gerade mache.
Mit welchen Motiven arbeitest du gerne?
Der Outcome ist meistens Assemblage oder Skulptur. Ich arbeite viel mit Holz, weil es in der Kulturgeschichte eine klare Bedeutung von Zuhause, Möbeln und Bürgerlichkeit hat. Das ist für mich auch eine Zuschreibung, mit der ich versuche zu spielen. Generell sind es Themen der Häuslichkeit, die mich beschäftigen, aber auch Bekleidung. Dabei denke ich vor allem an Maßsysteme und Dinge als kulturelle Codes. Also, Bekleidung ist für mich relevant, da sie für die Auseinandersetzung mit den Themen Klassendenken und Zugehörigkeit meiner Meinung nach sehr relevant und naheliegend ist.
Woher nimmst du deine Inspirationen?
Meine Inspiration speist sich aus unterschiedlichen Quellen, wobei Wien natürlich eine wichtige Rolle spielt. Mich interessieren vor allem Strukturen und Codes, die sich in alltäglichen Dingen manifestieren – etwa im Altbürgerlichen oder Alteingesessenen, wie man es in der Kaffeehauskultur findet. Gleichzeitig geht es mir aber weniger um einen konkreten Ort als um Situationen, in denen verschiedene Systeme, Materialien oder Bedeutungen aufeinandertreffen und beginnen, miteinander zu reagieren.
Wie sieht ein klassischer Arbeitstag im Studio aus?
Einen wirklich klaren Ablauf gibt es nicht, aber ich beginne meist früh und arbeite mich dann relativ kontinuierlich durch den Tag. Vieles passiert in Wiederholungen – anpassen, überprüfen, weiterbearbeiten. Ein großer Teil der Arbeit ist tatsächlich das Schleifen, also ein ziemlich langsamer und körperlicher Prozess, bei dem sich die Dinge erst allmählich zuspitzen.
Wie arbeitest du mit Maßstab und Dimension?
Lustige Frage. Ich glaube, mein Zugang zum Maßstab kommt stark aus der Fotografie. Sie ist für mich zwar etwas sehr Subjektives, aber sie bekommt für mich immer dann eine besondere Relevanz, wenn sie diesen Trompe-l’œil-Effekt erzeugt. Genau dieses Spiel mit Wahrnehmung und Täuschung überträgt sich bei mir auch auf den Maßstab. Wenn etwas im Original groß ist, oder größer gemacht wird, kann es eine ganz andere Wirkung haben und diese Illusion noch verstärken. Deshalb arbeite ich oft im Maßstab eins zu eins oder gehe bewusst in die Vergrößerung, also in eine Art „Hineinzoomen“ ins Objekt. Der Maßstab ist bei mir also ziemlich zentral.
Welche Bedeutung hat Ordnung in deinen Arbeiten?
Ich bin selbst ein extrem unordentlicher Mensch. Es hat mich gestern viel Zeit gekostet, diesen Raum repräsentabel zu machen (lacht). Es ist aber schon so: Ich arbeite seriell. Also, ich mache eigentlich keine Einzelwerke. Es sind immer mehrere Sachen, die eine Vielstimmigkeit haben und die auch nur in ihrer Gemeinsamkeit ein Ordnungssystem schaffen, finde ich. Das eine gehört zum anderen, das eine bedient das andere. Was mich jetzt schon länger beschäftigt, sind Steckverbindungen – dieses Chaos, das irgendwie zusammenführt in eins. Dabei meine ich auch die Verbindung von verschiedenen Materialien, von gepolsterten, geflochtenen Rattan-Elementen oder von geschnitzten. Deswegen mache ich auch so gerne Steckverbindungen, weil es das Zusammenkommen von Dingen ist, die jetzt nicht per se zusammengehören, sondern die in einer Narration zusammenfinden.
Welche Rolle spielt das Thema Menschen und deren Besitz in deiner Arbeit?
Eine ziemlich zentrale, würde ich sagen. Also, ich bin zwar sehr figurativ, aber einen Menschen abzubilden – das interessiert mich nicht wirklich. Eher das Hab und Gut einer Gruppe in der Gesellschaft. Das sind die Dinge, mit denen ich mich beschäftige. Also ist das Thema für mich immer sehr körperbezogen.
Was interessiert dich am Spannungsfeld Privates und Öffentliches?
Dass die Repräsentation von Dingen so inhärent ist: Wie wir gekleidet sind, sagt sehr viel darüber aus, wie wir uns fühlen, oder wie wir uns fühlen wollen, aber auch, wo wir dazugehören und welchen Zwängen wir uns ergeben.
Verändert sich deine Wahrnehmung von alltäglichen Objekten durch deine Arbeit?
Ja, also ich interessiere mich sehr für Oberflächen. Ich liebe es, vor allem flauschige Sachen anzugreifen, aber aktuell schaue ich sehr explizit auf Hemdkragen. Ich glaube, wenn man sich mit etwas beschäftigt, fällt einem dieses Ding dann viel mehr auf.
Wenn du also durch die Straßen gehst, schaust du auf alle Hemdkragen, die dir so entgegenkommen?
Ja genau!
Es scheint, als bekämen manche deiner Arbeiten einen lebendigen Charakter. Gibt es bestimmte Eigenschaften, die du mit ihnen verbindest?
Ich glaube, es kommt aus etwas sehr Frühkindlichem von mir, dass ich immer schon einen sehr starken Bezug zum Innenraum hatte und Möbel sehr gern mochte. Es ist doch etwas inhärent Menschliches, dass Dingen Bedeutung zugeschrieben wird. Ich finde es spannend, dieses Phänomen zu übersteigen und den Dingen dann etwas anderes zuzuschreiben.
Sind in deiner Arbeit die Gegenstände wirklich das, was sie scheinen, oder stehen sie stellvertretend für etwas anderes?
Beides, aber es geht mir vor allem sehr stark um die Übersetzung von etwas Hartem in etwas Weiches oder umgekehrt. Ich arbeite auch oft mit solchen Gegenüberstellungen und Verschiebungen, aber manchmal ist es auch einfach nur das Ding, das es ist – mit der Kulturgeschichte, die es ja auch ohne mich schon hat. Aber, wie wir gesprochen haben: Durch die Vergrößerung oder durch den Zoom bekommt es dann auch so eine Übersteigerung.
Was sind deine neuen Projekte?
Ich habe irgendwie immer das Gefühl, dass zu viel zu tun ist, aber das wird auch nicht weniger. Ich habe am Ende des Jahres eine Ausstellung im Max-Pechstein-Museum, wo ich viel mit Regenschirmen arbeiten möchte. Ganz klar ist, dass ich mich nach wie vor mit Holz beschäftigen möchte. Irgendwann will ich aber auch wirklich sehr gerne wieder zurückkommen zu Textil- und Polsterarbeiten, weil das in gewisser Weise auch einfach schneller geht und auch nicht so staubig ist (lacht).
Text: Lara Kastler
Foto: Maximilian Pramatarov