En

Gil Bronner, Düsseldorf

Collector Stories

Isa Genzken, Wolfgang Tillmans, Keren Cytter, Vivien Greven, Zuzanna Czebatul (v.l.n.r.)
Courtesy of the artists

»Kunst ist immer schon die kultivierteste Art der Angeberei gewesen.«

Der Düsseldorfer Kunstsammler Gil Bronner ist Begründer der Sammlung Philara die 2026 ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Die Sammlung Philara ist ein öffentliches Ausstellungshaus für internationale Gegenwartskunst, das in einer ehemaligen Glaserei in Düsseldorf Kunst zeigt. Hier sind auch Teile seiner privaten Sammlung zu sehen, die Bronner seit den 1990er Jahren aufbaut.

Gil, Sie kommen bereits aus einer Sammlerfamilie – konnten Sie dem Kunstsammeln also nicht entkommen?
Man wird wohl Opfer des Elternhauses, for better or for worse! Selbst, wenn man das nicht will… Und ich denke, auf meine Kinder trifft das ebenfalls zu. 

Wo kaufen Sie? Bei Galerien, bei Künstler:innen, bei Messen?
All of the above. Was das Merkantile angeht: Heute kann man gute Arbeiten von bereits etablierten Künstlern für einen Bruchteil bei Auktionen kaufen. Das ist mit ein Grund, warum man – wenn man ehrlich ist – sich bei den Messen umschaut und dann häufig eher nicht mehr viel  ersteht. Ich habe in letzter Zeit jedenfalls mehr bei Auktionen gekauft.

Wirtschaftliche Erwägungen spielen also eine Rolle?
Ja, durchaus. Da werden vielleicht ein paar Galeristen böse sein, aber es ist einfach so. Ich kaufe jetzt seit 35-40 Jahren Kunst. Das Budget ist gewachsen, aber der Markt war noch nie so invertiert wie jetzt. Er ist teilweise darnieder. Und die Art Basel hat für mich ein gewisses Ennui erreicht, nach 30 Jahren pausieren wir mal. Jetzt gibt’s Art Basel Paris, und das ist für mich die interessantere Stadt.

Ausstellungsansicht “Heimspiel. Mitarbeitende der Sammlung“ mit Arbeiten von Frederic Bahr und Ruben Benjamin Smulczynski
Courtesy of the artists

Apropos Art Basel: Kunstmessen sind zahlreicher und größer geworden, zeigen dementsprechend mehr Künstler:innen. Ist Ihrer Ansicht nach damit auch die Qualität des Angebotenen gestiegen?
Nein, Kunst wird nicht besser oder schlechter, sie ist wie sie ist. Ein vermeintliches Jahrhundertgenie wie Picasso scheint der Markt bis jetzt nicht hervorgebracht zu haben. Aber je mehr Geld man in eine Sache investiert, desto sachlicher wird leider bei den meisten - und auch bei mir - die Betrachtung des Werkes. Früher erstand ich aus purer Lust viele junge Positionen, und heute mache ich es teilweise immer noch - aber oft wider besseres Wissen. 

Geht es dann um Unterstützung?
Ja. Aber es ist kein Mäzenatentum! Denn wenn man junge Kunst kauft, bekommt man doch etwas zurück. Als Mäzen trete ich zum Beispiel mit unserer Stiftung auf, über die wir Austauschprogramme fördern, oder über Philara, wo wir Ausstellungen finanzieren. Leute, die sich selbst als Mäzene bezeichnen, weil sie drei Arbeiten von jungen Künstlern gekauft haben, sind für mich keine. Das ist völliger Quatsch!

Apropos Mäzene: Kunst ist schick geworden. Sehen auch Sie die Leute, die auf Eröffnungen ein Glas Sekt trinken, aber mit Kunst eigentlich nichts am Hut haben?
Das gibt es seit Jahrzehnten. Aber die Menschen, die ich kenne, sind sehr engagiert und interessiert. Vielleicht habe ich mich von den anderen auch distanziert! Kunst ist immer schon die kultivierteste Art der Angeberei gewesen. Quasi jeder, der Geld hat, kann sich einen teuren Sportwagen kaufen, aber die wenigsten wissen, was es mit einem wirklich guten Gemälde auf sich hat.

Isa Genzken, Marianna Simnett, Andreas Schmitten, Katja Tönnissen, Jan Albers, Franz West, Zuzanna Czebatul (v.l.n.r.)
Courtesy of the artists

4 Gil Bronner Sabrina Weniger 162

Alicja Kwade, Paloma Varga Weisz, Carolina Aguirre, Katja Tönnissen, Friedrich Kunath, Isa Genzken, Marianna Simnett, Andreas Schmitten (v.l.n.r.)
Courtesy of the artists

Wobei – gibt es nicht „show off Artists“ und Galerien? 
Klar. Es gibt Top Galerien, die mit Top Modemarken vergleichbar sind. Man weiß, dass jemand nicht wirklich Ahnung von Mode hat, wenn er mit einem dicken Gürtel von Hermes und der Rolex herumrennt. Das ist die Gruppe, die Sekt auf der Messe trinkt und glaubt, dass Leon Löwentraut ein großer Künstler ist. 

Gehen Sie selbst auf Vernissagen?
Ich sehe mir eine Ausstellung meistens vor oder nach der Eröffnung an. Ich versuche, Vernissagen zu vermeiden; ich mag Smalltalk nicht besonders.

Wie steht es mit Ereignissen wie etwa der Eröffnung der Venedig Biennale?
Ich war ein paarmal dort, und die Einladungen sind wunderbar – aber eigentlich ist es viel besser, nicht zur Eröffnung zu gehen. Es ist geradezu unfassbar, wie viele Events stattfinden, man will alles wahrnehmen, und dann kommt die Kunst zu kurz.

Wolfgang Tillmans, Konrad Friedel, Keren Cytter, Vivien Greven (v.l.n.r.)
Courtesy of the artists

Thomas Schütte und Franz West
Courtesy of the artists

7 Gil Bronner Sabrina Weniger 068

Vivien Greven, Claus Föttinger, Alicja Kwade (v.l.n.r.)
Courtesy of the artists

Sie besitzen über 2000 Werke. Sie können wohl nicht jedes im Kopf haben – oder doch?
Es gibt Arbeiten, die man schlicht vergisst, aber eigentlich wenige. Das visuelle Gedächtnis funktioniert noch ganz gut!

Wozu sammeln Sie Kunst? Was macht Ihnen Freude daran?
Ich glaube, es ist pathologisch. Aber wenn ich in einem Raum zu Hause säße und da hinge keine Kunst an den Wänden, würde mir etwas fehlen! 

Haben Sie etwas über sich selbst gelernt durch Ihre Sammeltätigkeit?
Das erste, das man lernt, ist, dass man sich selbst nicht so richtig im Griff hat. Aber über einen selbst – nein. Kunst ist ja nicht das einzige im Leben. Man entwickelt sich ständig weiter, und die Kunst ist nur ein Teil davon. Man hat ein Arbeitsleben, man hat ein Eheleben, ein Leben mit Freunden, ein Leben mit schlechten Sportergebnissen und was weiß ich noch allem…

Kris Martin und Andreas Schmitten
Courtesy of the artists

Hat sich die Kunst mit Ihnen weiterentwickelt, entsprechend unterschiedlicher Lebensphasen? 
It matured… das kann schon sein. Heute ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zuhause wichtige Positionen aus der Nachkriegskunst zusammen mit Zeitgenossen hängt, höher. Meine Hängung zu Hause ist eher ein Zufallsprodukt, passt aber optisch ganz gut. 

Was das Programm in Ihrem öffentlichen Ausstellungshaus für internationale Gegenwartskunst, Philara, betrifft: Wie sehr sind sie eingebunden?
Ich überlasse es gerne dem Team, die Ideen zu finden. Wenn ich dann etwas nicht möchte, sage ich es. Und wenn ich etwas Bestimmtes haben will, sage ich das auch. Wir feiern 10 Jahre Philara und da wünsche ich mir eine schöne Sammlungspräsentation.

Derzeit läuft die Schau „Heimspiel – Mitarbeitende der Sammlung Philara“ mit Künstler:innen, die bei Ihnen gearbeitet haben. Das klingt erstaunlich…
Fast alle, die bei uns arbeiten, sind Kunstschaffende; wir haben ja die Kunstakademie Düsseldorf gleich in der Nähe, und viele jobben bei uns. Auch angehende Kurator:innen, die Kunstgeschichte studieren, arbeiten bei uns in der Vermittlung. Was unsere Ausstellung „Heimspiel“ angeht - zunächst war ich skeptisch: Ich wollte keine Gefälligkeitsausstellung machen. Aber hätte ich geahnt, wie toll das wird, hätte ich gleich zugestimmt! Und es hat eine besondere Stimmung und Verbundenheit im Haus kreiert. 

Artichoke Underground von Jonah Freeman & Justin Lowe
Courtesy of the artists

Sammlung Philara, Ausstellungsansicht “Heimspiel. Mitarbeitende der Sammlung“

Apropos Kunstakademie Düsseldorf: Gehen Sie auf die Rundgänge?
Seltener als früher; die Kunstakademie Düsseldorf hat sich meines Erachtens in letzter Zeit desavouiert. Ich habe einige Zeit bemängelt, dass es zu wenig Politik in der Kunst gibt, aber vielleicht ist das gut, wenn die Kunstschaffenden wenig Ahnung von Politik haben.

Andererseits sagen junge Kreative manchmal, sie fühlen Druck, mit ihrer Arbeit Politisches auszudrücken. 
Da fällt mir sofort eine Analogie ein. Ich bin immer der Auffassung gewesen, dass jemand, der bei uns im Bundestag sitzt, mindestens zehn Jahre vorher einem Beruf nachgegangen sein sollte. Wer über Politik Kunst machen will, sollte auch erst mal zehn vernünftige Geschichtsbücher in die Hand genommen und gelesen, und einfach mal seine Finger von Instagram gelassen haben. Oder tiktok. Ein Mangel an Bildung kann verheerendes anrichten!

Apropos Instagram: Ist Social Media ihrer Ansicht nach der Tod für die Kunst?
Social Media ist der Tod vieler Sachen, glaube ich. Es ist einfach ein unkontrolliertes Medium, bei dem der am lautesten schreiende Idiot am meisten gehört wird. Marcel Reich-Ranicki sagte bereits: „Das Fernsehen wird die Klugen klüger und die Dummen dümmer machen“, das Gleiche gilt für das Internet und das ist leider passiert, in einer einzigartigen Brutalität.

Artichoke Underground von Jonah Freeman & Justin Lowe
Courtesy of the artists

Gibt es Kunst, die Sie überhaupt nicht sammeln würden?
Ich würde niemals etwas kategorisch ausschließen. Ich sammele nicht so viel Videokunst. Und große Installationen, die ich früher gesammelt habe, sind schwierig, was die Lagerung und das Ausstellen betrifft. 

Was halten Sie von NFT´s?
Das hat mich noch nie interessiert. Ich sehe keine Ästhetik darin, etwas über einen Bildschirm flackern zu haben. Ich glaube, künstlich generierte Kunst hat einen künstlich generierten Markt. Und der ist zusammengebrochen. 

Was ist der rote Faden Ihrer Sammlung?
Schwer zu sagen. Die Ästhetik ist ein Überbegriff für alles, es muss mir ästhetisch gefallen, und es muss mich nachhaltig interessieren. Es kann humorvoll sein. Humor kommt in der Kunst allerdings nicht oft vor! Ich würde sagen, dass ich eher enzyklopädisch sammele, nicht unbedingt in die Tiefe. Von jedem Künstler, den ich gut finde, hätte ich gerne ein bis zwei Arbeiten.

13 Gil Bronner Sabrina Weniger 148

Andreas Schmitten, Thomas Kiesewetter, David Renggli (v.l.n.r.)
Courtesy of the artists

Ist es Ihnen wichtig, auch die eigene Generation zu repräsentieren?
Es ist wahrscheinlich die am stärksten vertretene Generation, aber kein Kriterium. So wie es nie ein Kriterium war, welches Gender jemand hat – nur auf die Qualität kommt es an.

Glauben Sie, dass man Qualität lernen kann?
Als Sammler auf jeden Fall. Qualität erkennen, lernt man durch ständiges Betrachten von Kunst. Es gibt allerdings Leute, die sind wie Teflon. Die nehmen gar nichts in sich auf, sie bleiben wie sie sind und werden niemals etwas fühlen. 

Haben Sie Werke aus Ihren Sammleranfängen, die Sie heute weniger gut finden?
Ja, das kann durchaus sein. Das meiste finde ich immer noch gut. Aber es gibt Werke, bei denen die Künstler aufgehört oder sich nicht weiterentwickelt haben… Am Anfang hatte man vielleicht keinen so guten Blick, manches findet man später dann halt nicht mehr so toll. 

Ausstellungsansicht “Heimspiel. Mitarbeitende der Sammlung“ mit einer Arbeit von Min-Hae Sohn
Courtesy of the artist

Verkaufen Sie manchmal Werke aus Ihrer Sammlung?
Das mache ich, unter dem gerechtfertigten Druck meiner Frau, die sagt, wir müssen aufräumen, der Kinder wegen. Ich will meinen Nachlass rechtzeitig regeln, nicht weil ich vorhabe zu sterben, sondern weil ich bequem leben möchte; und dazu gehört einfach auch, die Kunstsammlung zu sortieren. 

Enthält Ihre Sammlung sowohl Werke, die im Wert gestiegen sind als auch solche, die es nicht sind? 
Ja, durchaus. Es ist schwer zu sagen, welche mir lieber sind. 

Sammler:innen sagen manchmal, sie hätten am meisten durch Werke gelernt, die sie am Anfang nicht mochten…
Das kann sicherlich sein, aber ich behaupte, dass diese Leute auch unter dem Druck von Galerien standen, die meinten, das wird mal mehr wert sein. Warum kauft man etwas, das einem eigentlich nicht gefällt? Da muss es eine Motivation geben, und das kann eine Pekuniäre sein.

15 Gil Bronner Sabrina Weniger 234

Ausstellungsansicht “Heimspiel. Mitarbeitende der Sammlung“ mit Arbeiten von Frederic Bahr und Ruben Benjamin Smulczynski
Courtesy of the artists

Bevor Sie etwas kaufen, schlafen Sie einmal drüber?
Ich nehme es mir vor, aber entscheide mich – meistens positiv – schon vorher dafür. Das einzig bremsende Element ist meine Ehefrau. 

Wie sehr ist Ihre Frau involviert?
Als Bremserin? Massiv (lacht). Aber ich scherze – sie hat Kunstgeschichte studiert, kennt sich aus. Meiner Erfahrung nach sind Frauen vorsichtiger und zurückhaltender bei Kunstkäufen. Ich habe zwar ein paar Entscheidungen von ihr bereut, aber im Großen und Ganzen hätte ich häufiger auf sie hören sollen. 

Gibt es Sammler, die Sie schätzen?
Ja, und viele davon sind in meinem Freundeskreis. Einer meiner wichtigsten „partner in crime“ ist Steffen Hildebrand in Leipzig, dessen G2 Kunsthalle Werke aus seiner Privatsammlung ausstellt. Und mein guter Freund Michael Zimmer hat in Pulheim den schönsten Skulpturengarten, den ich jemals gesehen habe. Gerne bin ich z.B. auch in Mexico City, da ist das Jumex Museum von Eugenio López Alonso – es ist beeindruckend. 

Ausstellungsansicht “Heimspiel. Mitarbeitende der Sammlung“ mit einer Arbeit von Elisabeth Heil
Courtesy of the artist

Artichoke Underground von Jonah Freeman & Justin Lowe
Courtesy of the artists

Wissen Sie sofort, was ihr letzter Kunstkauf war?
Ich habe bei einer Auktion ein Multiple von Urs Fischer gekauft.

Und was war Ihre allererste Arbeit?
Miguel Ángel Campano – ein spanischer junger Wilder, damals in Barcelona Anfang der 90er.

Wie merken Sie sich alle Namen zu den Werken?
Gar nicht (lacht)! Ich kann mir das nicht merken! Ich werde nur öfter gefragt, was mein erster Kunstkauf war, sonst wüßte ich es nicht. 

Sie haben Ihr eigenes Ausstellungshaus: Haben Sie etwas über das Museumspublikum gelernt?
Ich glaube, ich lerne da nichts. Aber meistens freue ich mich über die durchweg positiven Reaktionen auf unsere Ausstellungen. Was ich jedoch einmal interessant fand, war eine Gruppe von Studierenden der Kunstgeschichte. Und bis auf eine waren die alle im letzten Jahr in keinem Museum gewesen. Ich fragte sie: „Warum studiert ihr das überhaupt, wenn euch das nicht interessiert?“ Ich hab‘s nicht begriffen. 

Diese doch oberflächliche Beschäftigung mit Kunst?
Auch meine Beschäftigung mit der Kunst ist am Ende oberflächlich. Ich gehe da jetzt nicht hin und lese einen Roman dazu, damit ich weiß, worum es geht. Das machen die Kurator:innen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Hintergrundwissen zum Verständnis der Kunst von den Kurator:innen angesammelt wird, dass nach meinem Dafürhalten den Kunstschaffenden häufig auch nicht so richtig bekannt ist.

Letzte Frage: Wenn sie jedes Kunstwerk haben könnten, wofür würden Sie sich entscheiden?
Ich glaube, etwas Klassisches. Einen tollen Klimt - Die goldene Adele, denke ich. Nicht des Wertes wegen, sondern weil es etwas Ikonisches ist. Und ein ästhetisch absolut fantastisches Werk. 

Text: Alexandra Markl
Fotos: Sabrina Weniger

Connect with us
Als Subscriber erfahren Sie als erstes von neuen Stories und Editionen und erhalten unser zweiwöchentliches Culture Briefing.