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Katharina Baukhage, Berlin

Collector Stories

»Jedes Werk hat etwas zu erzählen: Wir sind Geschichtenerzähler im besten Sinne.«

Katharina Bauckhage gründete artflash 2012 als erste Online-Galerie für Kunstwerke und limitierte Editionen im deutschsprachigen Raum. Die Plattform spricht Einsteiger:innen ebenso an wie arrivierte Sammler:innen – über 1.000 Editionen von mehr als 500 Künstler:innen wurden bislang verkauft. Die meisten Arbeiten sind Fundstücke aus Kunstvereinen, Editionsverlagen und Galerien.

Katharina, was hat dich zur Kunst gebracht?
Meine Großeltern lebten in Kassel, und schon als Kind hörte ich aufmerksam zu, wenn über Joseph Beuys gesprochen wurde – damals hieß es: „Wie können 7000 Eichen Kunst sein?“ 1997 besuchte ich dann erstmals die documenta, wo Rosemarie Trockel und Carsten Höller ein „Haus für Schweine und Menschen“ aufstellten und behaupteten, es sei Kunst. Ich kapierte nichts – aber fand es toll.

Hast du dein Interesse im Studium weiterverfolgt?
Ja, aber eher nebenbei. Ich studierte BWL, Publizistik und im Nebenfach Kunstgeschichte. Zeitlich kamen wir allerdings nie über Andy Warhol hinaus – der Fokus lag fast ausschließlich auf der Vergangenheit.

Wie hast du wieder zur zeitgenössischen Kunst gefunden?
Ich lebte in Berlin, als Christo 1995 den Reichstag verhüllte, und arbeitete damals als Monitorin mit – es herrschte eine tolle Aufbruchsstimmung. Die Reichstagsverhüllung wurde auch das Thema meines Kunstgeschichtsabschlusses. Danach wurde ich engagiert, auf der documenta den Besucherdienst zu organisieren – und war auf einmal wieder in Kassel.

Das war schon eine andere Nummer, oder?
Das Projekt war eigentlich eine Nummer zu groß für mich (lacht). Ich war Anfang 30, hatte vom Kunstbetrieb nicht viel Ahnung, und meine Aufgabe bestand darin, zusammen mit einem kleinen Team in 100 Tagen mehr als 600.000 Besucher:innen zu betreuen, sofern diese eine Führung gebucht hatten. Das war sehr komplex und anstrengend, da die documenta keinen Schließtag kennt.

Was nimmt man aus so einer Erfahrung mit – für das Kunstverständnis?
Was ich total spannend fand, war, dass so viele Künstler:innen etwas Ortsspezifisches entwickeln. Ich lernte Raymond Pettibon kennen, der seine typischen Zeichnungen spontan und direkt auf die Wand aufbrachte. In dem Moment verstand ich: Alles war möglich, alles konnte Kunst sein. Diese Freiheit hat mich fasziniert. Andererseits fand ich vieles auch zu verkopft. Diese Art von zyklischer Kunst baute für mich zu viele Hemmschwellen auf, statt sie abzubauen.

Hat dich das ermüdet?
Schon. Danach war ich weiter im musealen Kontext tätig, aber weniger zeitgenössisch – Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Staatliche Museen Dresden... Dann arbeitete ich in Bremen für die Kulturhauptstadt-Bewerbung, wo ich Susanne Pfeffer kennenlernte, heute Direktorin am Museum für Moderne Kunst Frankfurt. Sie ließ zur Finanzierung einer Ausstellung Editionen von befreundeten Künstler:innen produzieren. Bis dahin hatte ich nie daran gedacht, dass ich Kunst kaufen oder mir leisten könnte, denn in dem Kontext, in dem ich gearbeitet hatte, war die Kunst nicht verkäuflich. Sie diente der Inspiration und dem Diskurs.

Wie kamst du zu deinem ersten Kunstwerk?
Susanne empfahl mir die Lithografie „Das Welt“ von Norbert Schwontkowski. Sie hat mich sofort fasziniert: ein wuscheliger, langhaariger Hund – oder vielleicht halb Hund, halb Gott? – schwebt im Nichts, überzogen mit Goldstaub. Diese Aura, die bewusste Imperfektion und die Offenheit der Interpretation haben mich nicht mehr losgelassen. Diese Arbeit war schließlich auch der Auslöser für artflash. Denn sieben Jahre später erfuhr ich, dass von der Edition noch Exemplare zum ursprünglichen Preis erhältlich waren. Wie konnte es sein, dass diese wunderbare Arbeit überhaupt noch zu haben war? Von da an ließ mich das Thema nicht mehr los.

Dass ungehobene Schätze auf Entdeckung warten?
Genau. Ich fing an zu recherchieren und stellte fest, dass es bei den über 200 Kunstvereinen in Deutschland Werke namhafter Künstler:innen durchaus günstig zu kaufen gibt, oft sogar weit unter Marktpreis. Und die Leute wissen es nicht. So wurden wir 2012 die erste Online-Galerie im deutschsprachigen Raum, die Kunst anbietet – Editionen, Lithografien, Siebdrucke, Radierungen und vieles mehr – stets signiert und limitiert. Wir starteten mit Jonathan Meese und Norbert Schwontkowski.

Nur mit zwei Künstler:innen?
Ja. Die Idee war von Anfang an: alle zwei Wochen zwei Kunstwerke. Daher auch der Name artflash – wie ein Flashsale. Dazwischen hatte ich Zeit, neue Werke zu finden. Mir gefiel auch der Gedanke, mich in unserer schnelllebigen Zeit auf zwei Positionen zu konzentrieren: als Prinzip der Verknappung.

Und wie viele Künstler:innen habt ihr jetzt, nach all den Jahren?
Über fünfhundert; wir haben eine wunderbare Radierung von Cecily Brown im Programm, mehrere Arbeiten von Wolfgang Tillmans, Rosemarie Trockel, Joseph Beuys und Sigmar Polke, aber auch spannende jüngere Positionen wie Grace Weaver, Bianca Kennedy oder Michelle Jezierski. Es ist ein tolles Repertoire, und viele Arbeiten sind kurz nach dem Launch bereits vergriffen.

Sind in eurem Portfolio nur lebende Kunstschaffende?
Nein. Eine unserer ältesten Grafiken stammt aus den 1920er-Jahren von Christian Schad. Oder Meret Oppenheim, oder Louise Bourgeois.

Wie präsentiert ihr die Werke auf der Website?
Wir fotografieren sie im wohnlichen Kontext – das halte ich für wichtig, damit man ein Gefühl dafür bekommt, wie ein Werk über dem Sideboard oder neben einer Lampe aussieht. Mir geht es aber auch darum, Kunst zugänglich zu vermitteln und Hemmschwellen abzubauen.

Das erste Kunstwerk, das du kauftest, war eine Edition. Bist du dabei geblieben?
Ja. Zwischendurch kaufe ich vielleicht auch mal ein kleineres Original, aber ich bin wirklich ein großer Fan von Arbeiten auf Papier. Lithografien, Siebdrucke, Radierungen sind wahnsinnig schöne Medien – auch weil man sie durch Rahmung und Passepartout individuell gestalten kann. Ich habe mittlerweile etwa 30 Editionen zu Hause. Allerdings muss man aufpassen, dass man nicht sein eigener bester Kunde wird.

Manche Sammler sagen vielleicht: „Ach, das ist kein Unikat, das interessiert mich nicht.“ Wie würdest du die Edition da verteidigen?
Editionen sind der ideale Einstieg für Sammler:innen: Denn so kann man sich Werke von etablierten Künstler:innen leisten. Außerdem gibt es großartige, international renommierte Künstler wie etwa Markus Lüpertz oder Rosa Loy, für die Druckgrafik ein ganz wesentlicher Bestandteil ihrer Kunst ist. Und sie zeigen oft eine ganz andere Seite dieser Künstler:innen.

Wie gut kennst du eure Käufer:innen?
Wir haben tatsächlich viele, die den persönlichen Kontakt suchen – die anrufen, noch eine Frage haben, sich bei der Rahmung beraten lassen wollen oder vorbeikommen. Dann gibt es aber auch viele, die die Anonymität schätzen. Wir bieten unsere Werke gerahmt oder ungerahmt an, wir sind transparent und zugänglich, niedrigschwellig. Und das ist im Kunstmarkt noch nicht allgegenwärtig: es gibt noch nicht viele Galerien, die einen Webshop haben und Werke direkt verkaufen. Die meisten zeigen zwar die Arbeiten auf ihrer Website – aber ohne Preis, der wird häufig nur auf Anfrage kommuniziert. Und Neueinsteiger:innen im Kunstmarkt fragen sich: „Warum hat ein verkäufliches Werk kein Preisschild?“

Bietet ihr auch Informationen über die Künstler:innen an?
Wir haben eine Redakteurin, die seit 13 Jahren Texte für uns schreibt – das ist mir wichtig. Sie findet einen sehr schönen Ton, um Kund:innen und Leser:innen mitzunehmen und zu erklären, wer hinter einem Werk steckt und was es bedeutet. Jedes Werk hat etwas zu erzählen: Wir sind Geschichtenerzähler im besten Sinne. Mir ist wichtig, dass alles, was in der Inbox unserer Abonnent:innen ankommt, qualitätsvoll ist.

Wie findet ihr Editionen? Geht ihr zu Museen und Kunstvereinen und fragt nach, oder kommen die mittlerweile zu euch?
Wir arbeiten seit Jahren mit vielen renommierten Museen zusammen, zum Beispiel mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die selbst als Herausgeber von Editionen auftritt. Und bei den Kunstvereinen wird ständig Nachschub produziert, weil neue Ausstellungen geplant werden. Viele Vereine sind froh, dass wir ihnen neue Käuferkreise erschließen – denn der Großteil der Einnahmen fließt an den Kunstverein oder an die Künstler:innen zurück, wir selbst nehmen nur einen Prozentsatz. Es ist eine schöne Sache: Man kauft erschwingliche Kunst und weiß gleichzeitig, dass man Künstler:innen und Institutionen unterstützt.

Wie viel Kunst konsumierst du selbst?
Oh, ich muss mich zügeln: Biennale Venedig, documenta, jedes Jahr die Art Basel. Auch Messen wie die Paper Positions oder die Art Cologne interessieren mich natürlich. Aber ebenso spannend sind für uns Ausstellungen in Kunstvereinen – sie bieten die Plattform, um junge Kunstschaffende zu entdecken.

Junge Künstler:innen werden heute teilweise in astronomische Höhen gehypt. Wie siehst du diese Entwicklung im Kunstmarkt?
Es kann einem schwindelig werden. Deswegen muss man auch den eigenen Konsum ein bisschen reduzieren. Ich glaube, man muss sich selbst treu bleiben – weghören, wenn gehypt oder Trends nachgelaufen wird.

Wie würdest du deinen Geschmack beschreiben? Was interessiert dich?
Er ist persönlich und emotional, hat oft mit Erinnerungen zu tun. Wir lebten sieben Jahre in Venice Beach – und wenn ich eine Arbeit mit Palmen sehe, ist sofort ein Bezug da. Wobei man sich fragen muss: Gehe ich gerade dieser Palme auf den Leim (lacht)? Ästhetisch mag ich Figuratives, aber auch wirklich abstrakte Kunst – da bin ich sehr offen. Auch artflash bedient ein breites Feld.

Gibt es ein Thema, das dich besonders beschäftigt – Feminismus zum Beispiel?
Ja, vor allem ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Künstlerinnen und Künstlern zu wahren, ist mir wichtig – das lässt sich aber gar nicht so leicht herstellen.

Auf den Kunsthochschulen sind doch mehr Frauen. Wo bleiben dann die Künstlerinnen?
Eine Filmemacherin, die viele Künstler:innen porträtiert, hat mir einmal gesagt: „Wenn du zehn Künstler:innen für ein Filmporträt anschreibst – fünf Frauen, fünf Männer –, sagen alle Männer zu, und von den Frauen vielleicht eine.“ Wir Frauen haben vielleicht zu wenig Selbstvertrauen, sind etwas zurückhaltender. Dann kommen Kinder hinzu, und die künstlerische Praxis tritt in den Hintergrund. Das ist ein echtes Problem. Ich versuche, dem mit artflash entgegenzuwirken: Wenn wir Editionen produzieren, arbeiten wir bewusst mehr mit Frauen zusammen.

Wer sucht aus – du allein, oder hast du dabei Unterstützung?
Ich habe eine sehr wichtige Mitarbeiterin, Sabine Großwendt, und wir lassen das Vier-Augen-Prinzip walten. Man darf nicht vergessen, dass wir stark kuratorisch tätig sind. Häufig haben Künstler:innen eine ganze Grafikserie produziert – aber wir können und wollen nicht alle Blätter zeigen, sondern treffen eine Auswahl. Das ist nicht einfach.

Habt ihr eigentlich daran gedacht, ein Pop-up oder ein Geschäft zu eröffnen?
Pop-ups machen wir immer wieder. Das ist interessant: Dort herrscht ein anderes Kaufverhalten, weil man sich erst informieren und die Kunst live sehen kann. Kund:innen bekommen ein Gefühl dafür, wie Büttenpapier aussieht oder was einen Siebdruck von einer Lithografie unterscheidet. Und wir bauen dabei persönliche Beziehungen zu unseren Kund:innen auf.

Wie ist die Verteilung eurer Künstler:innen zwischen national und international?
Wir haben ein starkes Gewicht an deutschen Künstler:innen – sind aber dennoch sehr breit aufgestellt. Unsere Künstler:innen stammen aus mehr als 25 Ländern, von Albanien bis zu den Vereinigten Staaten.

Du arbeitest in Österreich etwa mit dem mumok oder Museum in Progress zusammen. Welche österreichischen Künstler:innen gehören zu euren Favoriten?
Wir haben gerade in Kollaboration mit Collectors Agenda eine Neonarbeit von Brigitte Kowanz gezeigt – die ist wunderbar. Dann gibt es natürlich Maria Lassnig, Lois Weinberger, Martha Jungwirth, Eva Beresin. Von ihr haben wir eine ganz tolle Edition – sehr humorvoll. Und erst kürzlich habe ich Madita Kloss entdeckt, eine junge Künstlerin, die man im Auge behalten sollte.

Wenn du dir jedes Kunstwerk auf der Welt aussuchen könntest – wofür würdest du dich entscheiden?
Puh, schwierig. Ich mag die Arbeiten von Pierre Soulages wahnsinnig gern. Und ich bin ein großer Fan von Louise Bourgeois.

Und wie findest du das Leben in Berlin?
Ich liebe die Internationalität und Großzügigkeit von Berlin. Klar, vieles hat sich verändert, seit ich 1994 hergekommen bin – damals herrschte eine besondere Aufbruchstimmung, weil der Osten Berlins quasi unentdeckt war. Jetzt ist alles etablierter. Aber gerade über die Kunst entdecke ich immer wieder neue Orte, Ateliers in den abgelegensten Gegenden, roh und radikal – das ist unglaublich bereichernd.

Text: Alexandra Markl
Fotos: Sabrina Weniger

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