Collector Stories

PEACH

Wien, Österreich

»Wien ist gerade dabei, sich aus seiner Mozartkugel zu schälen.«

Seit über 17 Jahren beraten Birgit Vollmeier und Yudi Warsosumarto unter dem Agentur-Label PEACH unter anderem namhafte Institutionen wie das MAK – Museum für angewandte Kunst in Wien sowie die Wiener Galerienszene strategisch und kreativ. Die Leidenschaft für Kunst definiert sich aber nicht allein über die Agenturleistung. Seit Langem betreibt PEACH in der Vitrine seines Ladenlokals im sechsten Wiener Gemeindebezirk ein „Kunst-Schaufenster“ und ist damit selbst zu einer kleinen Institution in Wiens Kulturbetrieb geworden. Wir sprachen mit Birgit und Yudi über die Anfänge dieser ungewöhnlichen Agentur und die tiefe Verbundenheit der beiden Gründer mit der Kunst- und Kulturszene.

Für euch beide war relativ bald klar, dass ihr euch mit PEACH auf den Kulturbereich spezialisieren wolltet. Wie kam es dazu?

B: Wir haben Kunst schon immer als einen ganz wesentlichen Bestandteil unseres Lebens begriffen. Privat wie beruflich finde ich es unglaublich bereichernd, sich mit Kunst zu befassen und zu umgeben.

Y: In den Jahren 2004 bis 2006 durften wir im Auftrag des ORF sowohl für die Lange Nacht der Musik als auch die Lange Nacht der Museen – zwei äußerst populäre Kultur-Veranstaltungen – wunderschöne Kampagnen entwickeln und umsetzen. Richtig Feuer gefangen haben wir dann aber 2009 mit unserer Arbeitet für ImPulsTanz, Wiens internationales Festival für zeitgenössischen Tanz. Wir haben ImPulsTanz fünf Jahre lang begleitet und betreut.

B: Das Besondere an diesem Projekt war, dass es nicht allein um die Veranstaltung bzw. den Tanz ging, sondern dass wir gefordert waren, uns sehr ganzheitlich mit kontemporärem Tanz auseinanderzusetzen. Ein Denkprozess, der jeweils in ein sehr „eigenes“ Erscheinungsbild gemündet ist.

Y: Für uns war es Feuertaufe und Startschuss gleichermaßen. Ab da hat uns der Kulturbereich nicht mehr losgelassen.

Worin unterscheiden sich eigentlich die kommunikativen Bedürfnisse von Kunden aus dem Kulturbereich von denen anderer Kunden?

B: Kulturinstitutionen, gerade im Kunstbereich, sehen sich oft vor der Herausforderung, einerseits eine Projektionsfläche für immer wieder neue Kunst bieten zu müssen, andererseits aber auch von sich selbst ein klares Profil zu zeichnen und Haltung zu zeigen. Es erfordert sehr viel Einfühlungsvermögen, die Haltung und das Wesen einer Kulturunternehmung in Formen, Farben und Worte – in ein stimmiges Erscheinungsbild – zu überführen.

Y: Kunden im Kulturbereich sind auch häufig weniger vertraut mit den Anforderungen, welche die neue Medienlandschaft an sie stellt, aber auch umgekehrt, welche Möglichkeiten sie ihnen bietet. Es gibt bislang wenige Einrichtungen, auch international, die Facebook oder Instagram wirklich sinnvoll für sich zu nutzen wissen. Viele stellen dann die Frage, ob es sich lohnt, darauf zu setzen, oder ob das morgen schon wieder vergessen sein wird. Natürlich können auch wir nicht in die Zukunft schauen, aber wir beschäftigen uns intensiv mit diesen Fragen und versuchen, unsere Kunden bei ihrem Kenntnisstand und Komfortlevel abzuholen. Eine Website muss zum Beispiel erlebbar sein und eine emotionale Bindung schaffen. Speziell bei einer Galerie oder einem Museum muss Haptik durch Optik ersetzt werden, darf sich dabei aber nie vor die Kunst beziehungsweise die Inhalte stellen. Ein Balanceakt, dem wir uns gerne stellen und den wir für jeden einzelnen Kunden individuell erarbeiten.

B: Unabhängig davon, was die jeweilige Herausforderung ist, versuchen wir vor allem eine familiäre und ungezwungene Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Kunden sind keine Nummer für uns, sondern Partner, mit denen wir langfristig zusammenarbeiten möchten. Nur so können Wertschätzung und ein fruchtbarer Austausch auf Augenhöhe entstehen.

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Christian Hutzinger, Untitled (2000)

(Collage) Thomas Rhube, Untitled (2016) / Books by PEACH (bottom to top): Nives Widauer, Special Cases (2017) / Clemens Wolf, #1 (2012) / Volkskundemuseum Wien, Hieb Stich Schuss (2014)

Manche Zusammenarbeiten haben sich inzwischen zu einem tiefen Vertrauensverhältnis entwickelt, wie zum Beispiel mit der Galerie Hubert Winter. Was war das Besondere an dieser Zusammenarbeit?

Y: Die Zusammenarbeit mit der Galerie Hubert Winter war wie eine Initialzündung. Durch das Vertrauen, das uns Hubert und seine Galerie entgegengebracht haben, konnten wir uns kreativ „ausleben“. Wir merkten, was zum Beispiel digital alles möglich sein kann. Hubert Winter ist ein Mensch, der trotz seiner langjährigen Erfahrung, die ja auch hinderlich sein kann, sehr offen ist für neue Konzepte. Seine Galerie arbeitet mit bekannten Künstlern wie Lawrence Weiner, zeigt aber auch junge Kunst, wie etwa Sarah Pichlkostner.

B: Hubert Winter ist eine Größe in der Wiener Galerienszene. Er hat viel geleistet und wird dafür außerordentlich respektiert. Wir haben seiner Erfahrung, Kompetenz und progressiven Denkweise mit einem neu gestalteten Erscheinungsbild eine zeitgemäße Form gegeben. Neben vielen positiven Reaktionen hat uns Hubert Winters Kompliment am meisten gefreut: Unsere Arbeit gebe auch ihm neue Impulse und treibe ihn weiter an …

Auch ein sehr emotionales Projekt, das ihr mitbetreut habt, war dasGreen Light Project“ der TBA21.

Y: Genau, das Green Light Project war eine von Francesca von Habsburg und Ólafur Elíasson 2016 gestartete Initiative. Es ging darum, etwas gemeinsam herzustellen und flüchtende Menschen in diesen Herstellungsprozess zu integrieren.

B: Das visuelle Konzept für das Projekt gab es schon, als wir dazustießen. Wir wurden engagiert, um mit gezielten Kommunikationsmaßnahmen den Verkauf der im Zuge der Initiative produzierten Lampen zu unterstützen. Das Schöne für uns an diesem Projekt der TBA21 (Thyssen-Bornemisza Art Contemporary) war, dass auch wir etwas zu einer gesellschaftlich sehr wertvollen Idee beitragen konnten. Das war nicht nur inhaltlich eine spannende Aufgabe, sondern vor allem auch emotional sehr befriedigend.

Wie wichtig ist es für euch eigentlich von Kunst umgeben zu sein?

B: Ehrlich? Ein Leben ohne Kunst kann ich mir gar nicht vorstellen. (lacht)

Y: Wir verbringen sehr viel Zeit in der Agentur. Wir haben wahrscheinlich deshalb hier im Büro mehr Kunstwerke als zu Hause. Wir machen das aber nicht nur für uns. Es ist uns wichtig, dass alle, die hier arbeiten, aber auch Kunden und Gäste, die wir empfangen, spüren, worum es uns geht.

Würdet ihr euch selbst eigentlich als Sammler bezeichnen?

B: Nein, jedenfalls nicht im klassischen Sinne. Manche Werke finden wir, andere finden uns. Manches ergibt sich auch aus der engen Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern. Wir haben zum Beispiel ein Buch für Clemens Wolf gestaltet. Seitdem besitzen wir eines seiner Werke. Sammeln hat ja auch immer eine negative Komponente, im Sinne von „Horten“. Das tun wir nicht.

Irgendwann entstand bei euch die Idee, die Vitrine eures Ladenlokals, in dem ihr PEACH eingerichtet habt, als Schaufenster für Kunst zu nutzen.

B: Ja, wir kamen so viel mit toller Kunst und mit großartigen Menschen zusammen, die diese Kunst schufen, dass wir den Wunsch verspürten, dieses Privileg mit anderen zu teilen. Das Schaufenster ermöglicht uns, Künstlerinnen und Künstler, die wir schätzen, nach außen zu präsentieren.

Y: Gleichzeitig gewährt das Schaufenster dem Betrachter auch einen Blick in die Seele von PEACH, wenn man so will. Man erfährt sehr viel über uns, wenn man hineinschaut. Aktuell zeigen wir übrigens Arbeiten des Wiener Künstlers Ulrich Nausner.

Welche anderen Künstlerinnen und Künstler aus Wien und international schätzt ihr besonders?

Y: Neben Clemens Wolf und Ulrich Nausner schätzen wir die Arbeiten von Andreas Duscha, Thomas Rhube, Sarah Pichlkostner, Marieta Chirulescu, Ana MazzeiJulian Palacz, und Peter Jellitsch sehr. Nicht zu vergessen auch Kuratoren und Kuratorinnen, die uns in unserer Arbeit inspirieren, wie etwa Marlies Wirth vom MAK, Angela Stief und Natascha Burger.

B: Interessant finden wir aber auch „Underdogs“ wie Björn Segschneider. Er ist eine vielschichtige, starke Persönlichkeit und seine Werke können auch sehr sensibel sein. International vertreten etwa Danh Vo, Felix Gonzalez-TorresGabriel Orozco, Pierre Huyghe, Doug Aitken und Nathalie du Pasquier sehr spannende Positionen.

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Ulrich Nausner, (top) Untitled (terms of use) #4,#1,#2 (2012) / (bottom) Ed. 3+1AP OCR (deconstruction), (2013), Artist book in collaboration with Traumawien, 28 pages, Ed. 30

PEACH liegt direkt an der Gumpendorfer Straße, mittlerweile eine der hippsten Gegenden von Wien. Wie habt ihr die Entwicklung erlebt, seitdem ihr euch hier vor über 17 Jahren eingerichtet habt?

Y: Als wir PEACH hier gegründet haben, war vom sogenannten Bobo-Leben noch wenig zu spüren. Seit einigen Jahren eröffnet alle zwei Monate irgendein neuer Laden, meist von jungen Unternehmern. Heute ist der Sechste zwar hip, aber eben nicht zu geschleckt.

B: Alles hier mischt sich sehr gut, und das seit jeher. Schon rein optisch hat der sechste Bezirk eine interessante Geschichte: So treffen die berühmten Wienzeile-Häuser von Otto Wagner sowie die von ihm gestaltete ehemalige Stadtbahn unmittelbar auf Street Art des dominikanischen Künstlers Evoca1, um nur ein Beispiel zu nennen. Kreativität war hier eben immer schon zu Hause.

Wien ist generell in den vergangenen Jahren definitiv lebendiger und jünger geworden. Hat Wien auch das Potenzial zur Kunstmetropole?

Y: Wien ist aktuell ein wirklich gutes Pflaster für junge Künstler und junge Kunst. Auch die Galerienszene verjüngt sich momentan entsprechend. Galerien wie die von Nathalie Halgand tun der Szene gut. Die Generation der 30- bis 35-Jährigen bereichert die Wiener Kunstszene aktuell sehr.

B: Es ist interessant zu beobachten, dass gerade aus Deutschland viele Künstler nach Wien ziehen. Kein Wunder, dass sich inzwischen auch namhafte Galerien wie die Crone aus Berlin hier niedergelassen haben.

Y: Ich denke, Wien ist gerade dabei, sich aus der Mozartkugel zu schälen, sein etwas kitschiges „k. u. k.“-Image hinter sich zu lassen und eine neue Seite als Ort für zeitgenössische Kunst zu entdecken.

Wohin sollte man in Wien gehen, um gute Kunst zu erleben?

B: Neben der Galerie Hubert Winter zahlt sich auf alle Fälle ein Besuch bei Nathalie Halgand aus. Ich bin auch auf das Programm von Zeller van Almsick, die gerade neu eröffnet haben, gespannt. Eine weitere tolle Galerie in Wien ist Emanuel Layr. Und natürlich ist die Gegend rund um die Schleifmühlgasse und die Eschenbachstraße mit ihren vielen Galerien immer einen Besuch wert.

Was macht Wien denn so attraktiv für die Kunstszene?

B: Bei aller sich neu entfaltenden Dynamik bewahrt sich Wien einen gemächlichen Lebensrhythmus, welcher der Überhitztheit von Berlin angenehm gegenübersteht. Das tut der Kunstszene sehr gut. Wien ist sehr entspannt, und ich glaube, das ist ein Grund, warum die Leute gerne hierherkommen.

Was könnte diese positive Entwicklung noch weiter begünstigen?

B: Jeder ruft ständig nach mehr Förderungen. Öffentliche Gelder sind aber häufig immer noch den großen Institutionen vorbehalten, was der Off-Szene bisweilen abträglich ist. Zudem ist Wien teilweise doch sehr bürokratisch. Weniger Bürokratie könnte sehr viel Potenzial freilegen und Barrieren abbauen. Das würde den Zugang zur Kunst weniger elitär gestalten. Zudem könnte die steuerliche Begünstigung des Ankaufs von Kunst die Sammelkultur in Österreich definitiv auf ein neues Level hieven.

Y: Man könnte zum Beispiel noch intensiver darüber nachdenken, wie man ungenutzte Flächen in der Stadt optimal für Off-Spaces und Kunst-Schauräume nutzen könnte. In diesem Zusammenhang ist die Parallel eine großartige Sache. Seit Jahren nutzt sie aufgegebene, leerstehende Flächen in Wien, wie in den letzten Jahren die Alte Post in der Dominikanerbastei in der Innenstadt.

Gibt es aktuelle Projekte, über die ihr schon sprechen könnt?

B: Derzeit sind wir an drei großen Projekten dran. Für eines davon arbeiten wir eng mit einer Produktionsfirma in Los Angeles zusammen.

Y: Viele Projekte spielen sich derzeit im digitalen Bereich ab. Gerade bereiten wir den Web-Relaunch für die Albertina hier in Wien vor, und das mit einem besonders motivierten Team, auch seitens des Kunden. Zeitgleich arbeiten wir mit Natascha Burger an der neuen Corporate Identity sowie am digitalen Auftritt für den Estate Birgit Jürgenssen, der im Juli dieses Jahres abgeschlossen sein wird.

Gibt es etwas, worauf ihr beide besonders stolz seid?

B: Vor Kurzem ist Special Cases bei Hatje Cantz erschienen, ein Buch, das wir mit und für Nives Widauer und die Wiener Philharmoniker gemacht haben – ein sehr schönes Buch, in dem die Instrumentenkästen der Wiener Philharmoniker auf Reisen dokumentiert werden. Dieses Projekt hat uns drei Jahre lang begleitet.

Mit welcher Kunst- oder Kulturinstitution würdet ihr gerne einmal zusammenarbeiten?

Y: Ein Traum wäre, die Webseite der Gagosian Gallery neu zu gestalten. (lacht) Natürlich interessiert uns die Zusammenarbeit mit bestimmten Institutionen, wie etwa der Galerie Kurimanzutto in Mexico City, um nur eine zu nennen. Mir persönlich gefällt kontemporäre brasilianische Kunst, wie etwa Cildo Meirelles oder Ana Mazzei, da sie bisweilen roh, aber immer konzeptuell und stark ist. Ich würde gerne dort, wo solche Kunst entsteht, vor Ort mitwirken. Das wäre eine tolle Herausforderung.

B: Aber eigentlich hegen wir keine bestimmten Wünsche. Das ist wie mit dem Sammeln von Kunst: Manche Aufträge findest du, manche finden dich. Nicht umsonst haben wir schon seit Jahren ein Porträt des kleinen, großen Napoleon in unserer Agentur. Gemäß dem Ausspruch, den man dem großen Feldherrn zuschreibt – „So viele Länder, so wenig Zeit!“ –, arbeiten wir täglich an uns und freuen uns auf noch viele neue Herausforderungen.

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(left front) Clemens Wolf, Untitled Viennese Fence (2013) / (Suitcases) Nives Widauer, I’D RATHER STAY HOME II (2015) / (right) Peter Hristov, Untitled (1999) / Franz Vana, Untitled (2014)

(left) Thomas Rhube, Untitled (2016) / (right) André Butzer, Untitled (1999)

(Drawing) André Butzer, Untitled (1999) / Books by PEACH: Volkskundemuseum Wien, Gelehrte Objekte, Wege zum Wissen (2013) / Gestellt, Fotografie als Werkzeug in der Habsburger Monarchie (2014)

Interview: Alexandra-Maria Toth
Fotos: Florian Langhammer

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