In the Studio

Cyrill Lachauer

Berlin, Deutschland

»Drücke ich unbedingt ab, wenn ich ganz nah bin?«

Cyrill Lachauer ist Spurenleser. Seine Arbeiten sind Resultate langer Reisen, die ihn vom aktuell viel besprochenen Hinterland der USA bis zu seinen eigenen Wurzeln nach Oberbayern und Berlin führen. In seinen Fotografien, Filmen und Texten werden Leerstellen, Zitate und scheinbar beiläufige Details zu Spuren von verborgenen Geschichten, die sich in die Landschaften eingeschrieben haben und sie nachhaltig prägen.

Du bist bildender Künstler, der neben der Fotografie auch Videos macht und Texte schreibt. Was hast du damals in deinem Studium an der HFF, Hochschule für Fernsehen und Film in München nicht gefunden, dem du jetzt künstlerisch nachgehen kannst?
Die Filmhochschule habe ich damals – ich hatte gerade den Zivildienst und meinen ersten mehrmonatigen Roadtrip von Florida nach Kalifornien hinter mir –, als sehr unfrei empfunden. Es ging direkt und meines Erachtens viel zu schnell ums Produzieren – ich wollte aber etwas lernen und noch Erfahrungen sammeln, bevor ich anfangen wollte zu sprechen. Deswegen habe ich die Filmhochschule abgebrochen und mit dem Ethnologiestudium begonnen. Und – um ehrlich zu sein: Ich hatte damals Panik, keine Zeit mehr für die Berge zu haben.

In welchem Kontext stehen heute deine Medien – also Fotografie, Text und Video – zueinander? 
Aus meiner Perspektive gehören Film und Text gleichberechtigt zu meinen Medien. Es ist gerade die Kombination dieser drei Medien, die mich fasziniert. Am Ende stehen dann Zusammenstellungen, die ich nicht als Installationen bezeichnen würde, die aber gerade in der dreifachen Ausdrucksform funktionieren. Film und Text empfinde ich als Möglichkeit, komplexere Fragen zu stellen. Die Fotografie empfinde ich als reduzierter. Wobei ich aber die Filmkamera wie eine Fotokamera benütze und so durchaus eine sehr ähnliche Sprache entsteht. Alle drei Medien verbinden die Suche nach einem Rhythmus, einer Komposition – die dabei aber stets fragmentarisch bleiben – und die Suche nach dem Klang eines bestimmten, wie auch immer gefassten Landschaftraumes. 

Geht es um den Moment oder die Narration in deiner fotografischen Arbeit?
Wie in meinen Texten geht es auch in der fotografischen Arbeit nicht um Narration, wenn man darunter eine klassische Erzählung mit Verlauf und Struktur meint. In diesem Sinne verstehe ich meine Arbeit als nicht narrativ. Versteht man Narration aber als etwas Vielstimmiges, Nicht-Konkretes, Fragendes, dann hat meine Arbeit sehr wohl erzählende Aspekte. Zumal ich auf weitaus mehr literarische Referenzen als auf kunstgeschichtliche zurückgreife. 
Durch Auslassungen, Leerstellen und Bruchstücke hat meine Fotografie durchaus etwas Erzählerisches, aber eben nicht von dem einen Ganzen, von der einen Geschichte. Den Begriff des Erzählerischen lehne ich in Bezug auf meine Arbeit ab, wenn man damit ein Erzählen über meint. Ich erzähle nichts über eine Landschaft, einen Raum, eine Person, eine Gruppe. Das ist meines Erachtens in dem Kontext, in dem ich mich bewege, schnell anmaßend. Ich versuche, und die Betonung liegt auf dem fragend-zweifelnden Suchen, mit der Landschaft zu sprechen. Neben ihr – nicht irgendwo über ihr. 

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Teil deiner Arbeit sind lange Reisen. Reist du als Tourist oder studierter Ethnologe?
Weder noch. Auf keinen Fall als Ethnologe – denn ich habe mich von der Wissenschaft abgewandt, um radikal subjektiv arbeiten zu können. Ich bin kein Wissenschaftler. Ich bin als Reisender unterwegs. Ein Reisender ist meiner Ansicht nach jemand, der das nomadische Leben dem Sesshaften prinzipiell vorzieht, der konstitutiv von Rastlosigkeit, Unruhe, Sehnsucht und Wanderlust geprägt ist. Selbst wenn er nicht permanent unterwegs ist, so reisen dennoch stets seine Gedanken, seine Träume. Der Reisende ist frei und verflucht gleichzeitig. Die Aspekte des Davonlaufens, des Nicht-Ankommens lassen sich nicht ausblenden. Es ist eine permanente fiebrige Anstrengung – im Inneren und Äußeren. Dennoch habe ich nicht das Bedürfnis, mich vom Touristen zu distanzieren. Denn das tun meist Backpacker, die sich durch die Unterscheidung vom Touristen zu etwas Besserem machen wollen. Zu einem besseren „Traveller“. Der Tourist ist für sie der Deutsche am Ballermann, der Russe am Markusplatz, der Chinese im Yosemite National Park und der Japaner auf dem Oktoberfest. Aber das ist natürlich völliger Unsinn, denn der Backpacker bereitet den (Massen-)Tourismus vor. Er ist Teil der Veränderung und der Verdrängung, wie der Künstler Teil der städtischen Gentrifizierung ist – ob er will oder nicht. 

Was fasziniert dich an dem Fremden? 
Es geht mir nicht um das Fremde im Sinne eines Exotischen. Um anknüpfen zu können, darf für mich das Fremde, wenn man es so nennen will, gar nicht zu fremd sein. 

Erst kürzlich hast du die Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie eröffnet. Die Schau trägt den Titel: „What do you want here“. Wann hast du dich selbst das letzte Mal in deinem Leben gefragt: Was willst du hier?
Das frage ich mich sehr oft. Angesichts der technologischen und ökologischen Entwicklungen ist diese Frage fundamental. Das, was wir unter Mensch-Sein verstehen, wird sich in den kommenden Jahrzehnten gravierend verändern. Wie werden meine Kinder leben und überleben können? Ich glaube, dass unsere kapitalistische Gesellschaftsordnung keine Zukunft haben wird. Entweder wir zerstören uns oder wir denken um. Ich kann mir noch kein Leben vorstellen, in dem meine Biofunktionen über einen Chip gesteuert werden, in dem Föten in künstlichen Gebärmuttern ausgetragen werden, in denen eine implantierte Kortex unser Denken revolutionieren soll. In Deutschland neigen wir dazu, so zu tun, als ginge es für immer so weiter, wie es ist. Aber das wird es nicht. 
Für mich fühlt es sich manchmal so an, wie es Pasolini wunderschön formuliert hat: „Und ich, ein toter Fötus, wandle, moderner als jeder andere Moderne, auf der Suche nach Brüdern, die es nicht mehr gibt.“

Der berühmte Fotograf Robert Capa hat einmal gesagt: „If your picture is not good enough you were not close enough.“ Wie nah darf man deiner Meinung nach gehen?
Man darf so nah gehen, wie einen das Gegenüber, egal ob belebt oder unbelebt, lässt. Die Frage für mich ist vielmehr: Drücke ich unbedingt ab, wenn ich ganz nah bin? 

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Von 2001 bis 2006 hast du Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München studiert. Auch wenn du, wie du sagst, nicht als Ethnologe unterwegs bist, ziehen sich dennoch komplexe ethnologische Fragestellungen wie ein roter Faden durch dein Werk. 
Diese komplexen Fragestellungen sind meist während der Vorbereitungs- und Recherchephase wichtig. Sobald ich mit der Arbeit beginne, spielen sie meist nur noch eine untergeordnete Rolle beziehungsweise treten in den Hintergrund. Oft werden sie auch von den Realitäten vor Ort widerlegt, aufgebrochen, umgeworfen, oder sie finden in mir selbst plötzlich keine mich überzeugende Kraft mehr.

Von 2012 bis 2014 hast du eine lange Reise in den amerikanischen Westen unternommen, woraus auch das multi-mediale Projekt „Full Service“ entstanden ist. Was hast du gesucht? 
Im Nachhinein meine Arbeitsweise. Das war mir währenddessen nicht klar, aber im Nachhinein war es auch das. Dort habe ich mein Vokabular entwickelt und mich von falschen Vorstellungen befreit, die während des Kunststudiums in mir entstanden waren. Vorstellungen über Kunst, denen ich gar nicht entsprechen kann und auch gar nicht will. 

Warum diese Spurensuche?
Vielleicht hat es mit Scheu zu tun. 

Was erzählen uns deine Landschaften?
Das zu beantworten möchte ich gerne dem Betrachter überlassen.

Wo steht Amerika heute?
Ich liebe Amerika. Es ist ein krankes Land, aber die westliche Welt krankt auch in Europa. Amerika fordert mich heraus und gibt mir Kraft. Deutschland empfinde ich als schwer. Da ich selbst ein melancholischer Mensch bin, tut mir die amerikanische Aufbruchsstimmung gut. Trump richtet gerade unzählige Schäden im Land an, die von seinen großen Paukenschlägen wie dem Mauerbau oder dem Koreakonflikt wie Blendfeuer übertönt werden (sollen). Ich glaube, er fügt dem Land damit sehr großen Schaden zu. 

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Cyrill Lachauer, The Adventures of a White Middle Class Man
(From Black Hawk to Mother Leafy Anderson
), No. E1, 2016/2017, (c) Cyrill Lachauer

Cyrill Lachauer, The Adventures of a White Middle Class Man
(From Black Hawk to Mother Leafy Anderson
), No. I2, 2016/2017, (c) Cyrill Lachauer

Es heißt oft: „Home is where the heart is.“ Viele Künstler sagen jedoch: „Home is where my studio is.“ Wo ist für dich Zuhause?
Für lange, lange Zeit waren die Orte meiner Kindheit und Jugend „home“ – also das Inntal und das Chiemgau in Oberbayern. Der Blick von dem noch flacheren hügeligen Land in die Voralpenkette – den liebe ich noch heute. Aber vielleicht kann ich da nicht mehr zurück. Dieses „home“ ist inzwischen vielleicht mehr eine Erinnerung der Seele als ein tatsächliches „home“. In den letzten Jahren gab es für mich drei Zuhause: meine Familie, das On-the-road-Sein und Los Angeles. Rein örtlich fühle ich mich an keinem Ort so wohl wie in Los Angeles. In Berlin bin ich bis heute nicht richtig angekommen. Und das Studio? Das passt im Grunde in zwei Pelicases: analoge Mittelformat- und Kleinbildkamera, Filmkamera, Notizhefte, Laptop, Smartphone und ein paar Bücher. Ich träume davon, mir irgendwann ein eigenes „home“ aufbauen zu können – einen Raum, der einfach existiert und zu dem ich immer wieder zurückkehren kann. Im Moment wüsste ich aber gar nicht, wo das sein sollte.

Namenhafte Einzel- und Gruppenausstellungen, Stipendien wie von der Villa Aurora, Verkäufe: Welche Art von Anerkennung macht dich glücklich?
Oft, vor allem wenn es darum geht, die Familie versorgen zu können, hängen meine Stimmungen von all diesen Anerkennungen oder Nicht-Anerkennungen, von diesen Wertungen und Bewertungen ab. Dass ich dann in diesen Momenten mein Glücklichsein davon abhängig mache, hinterlässt keinen guten Beigeschmack. Ich hoffe sehr, dass ich mit den Jahren mehr und mehr etwas in mir entdecke, das nicht so stark von diesen Äußerlichkeiten abhängig ist – zumal ich im Alltäglichen lieber zurückgezogen lebe als in permanenter gesellschaftlicher Exponiertheit. Glücklicher würde es mich auf einem bestimmten Level sicherlich machen, wenn ich es schaffen kann, meine Familie von meiner Arbeit zu ernähren.

Welche Projekte und/oder Reisen stehen nach der Einzelausstellung in der Berlinischen Galerie bei Dir an?
Es muss apokalyptischer werden.

Berlinische Galerie Ausstellungsansicht Cyrill Lachauer What Do You Want Here Photo Benjamin Pritzkuleit 3

Exhibition view of Cyrill Lachauer What do you want here at Berlinische Galerie; (c) Benjamin Pritzkuleit

Cyrill Lachauer What Do You Want Here Dodging Raindrops Seperate A Reality Still 1

Cyrill Lachauer, Dodging Raindrops – A Separate Reality, 2016/2017, Film Still, (c) Cyrill Lachauer

Cyrill Lachauer, The Adventures of a White Middle Class Man 
(From Black Hawk to Mother Leafy Anderson
), No. M1, 2016/2017, (c) Cyrill Lachauer

Cyrill Lachauer, The Adventures of a White Middle Class Man
(From Black Hawk to Mother Leafy Anderson
), No. M3, 2016/2017, (c) Cyrill Lachauer

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