In the Studio

Judith Fegerl

Vienna, Austria

»Ich versuche, Energie und Spannung in Objekte zu verdichten.«

Judith Fegerl schafft Skulpturen und Installationen, die sich in die Strukturen des verwendeten Materials sowie in die gegebenen Ausstellungsräume einschalten. Mithilfe von elektrischem Strom werden Energie und Spannung in Objekte verdichtet, die den Skulpturenbegriff um einen alternativen Zustand erweitern. Energiequellen der Kunstinstitutionen werden subtrahiert oder neu in die Architektur eingearbeitet. Fegerls Arbeiten hinterlassen Spuren und sind herausfordernd sowohl für interessierte Blicke als auch für die Künstlerin selbst.

Du erzeugst aufgeladene Objekte, die oft Spannungen in sich tragen. Eine durchaus bedrohliche Situation, die sich dabei den Betrachterinnen und Betrachtern bietet. Welcher Anspruch steckt dahinter?
Ein Hauptmaterial in meinen Arbeiten ist elektrischer Strom, eine Größe, die, obwohl sie seit circa 180 Jahren das Leben wie kein anderes Element geprägt hat, an sich immer noch viel Unberechenbarkeit ausstrahlt. Strom ist enorm respekteinflößend, sobald er einmal die sicheren Bahnen der Haushaltsapplikation verlässt. Das Bestreben, diese Kraft zu beherrschen, und auch ihre Unberechenbarkeit waren im Übrigen auch Grund dafür, der Elektrizität seinerzeit einen weiblichen Artikel zuzuweisen. Ich versuche, Energie und Spannung in Objekte zu verdichten und dabei auch die zeitliche Komponente zu zeigen. Die Skulpturen moment, zuletzt gezeigt in der Einzelausstellung in charge im Taxispalais Kunsthalle Tirol sowie im 21er Haus beim BC21 Art Award, bestehen aus massiven Stahlteilen, die von speziell gefertigten Elektromagneten zusammengehalten werden. Elektromagnete entfalten erst unter Strom ihre magnetische Eigenschaft. Wird die Stromzufuhr unterbrochen, bricht die Skulptur zusammen. Das schafft eine unmittelbare Beziehung zum Objekt, die mitunter erst mal wenig mit Kunstrezeption zu tun hat. Der Blick auf die Skulptur wird zum Erhaschen eines flüchtigen Augenblicks. Außerdem wird automatisch ein alternativer Zustand der Skulptur mitgedacht, der Kollaps. Das erweitert Skulptur, Raum und Zeit um eine Achse.

Im Gegensatz zur Aufladung werden von dir auch ganze Institutionen der Kunst entladen. Dabei werden Kabelwege und Verbindungen sichtbar. Warum diese Aufzeigung?
Das Museum sehe ich als einen neutralen Raum, der wie eine Intensivstation für Kunstwerke funktioniert. Es gibt universelle Interfaces, kompatible Standards. Arbeiten werden positioniert, beleuchtet, angeschlossen, gesichert, überwacht, protokolliert, restauriert und nach einer bestimmten Zeitspanne wieder verpackt, entlassen oder abgetragen. Die Maschinerie des Betriebs und die baulichen Gegebenheiten sind Teil meiner Beobachtungen und der daraus resultierenden Arbeiten. Für die Arbeit self habe ich einem ganzen Kunstraum sämtliche Stromleitungen, Lichter, Steckdosen, Monitore, Arbeitsplätze und Einbauten entzogen. Es war finster und roh. Mir war wichtig, den Raum als energieliefernde Hülle zu zeigen. Die Installation cauter thematisiert das Potenzial elektrischer Leitungen. Mit Starkstrom werden Leitungen so überlastet, dass sie durch die Wand brennen und eine Zeichnung entsteht. In der Vorbereitung solcher Installationen arbeite ich eng mit den Institutionen zusammen. Dadurch ergeben sich wiederum Einblicke in Bereiche, die üblicherweise nicht zugänglich sind. Das finde ich sehr spannend.

Von der Landesgalerie Niederösterreich wurdest du eingeladen, eine Installation in die Architektur des Gebäudes zu integrieren. Was kannst du darüber erzählen?
Ich wurde gebeten, eine Arbeit zu entwickeln, die sich mit dem Museum selbst auseinandersetzt, und daher bereits sehr früh in die anfänglichen Bauphasen eingebunden. Dadurch konnte ich mich intensiv mit der geplanten Gestalt und Form des Gebäudes beschäftigen. Ich vergleiche die Form des Museums mit dem idealtypischen Kubus und stelle die Frage, welche kinetische Energie investiert werden muss, um mit einer elastischen Verformung, vom Würfel ausgehend, die Gebäudeform des Museums zu erreichen. Drei unterschiedliche Objekte werden in die Museumswände integriert, die durch ihre eigene Form von der virtuell gespeicherten Energie im Museumsbau erzählen. Auch hier zeichne ich ein Bild von einem alternativen Zustand, einer Möglichkeitsform, die der Ist-Form innewohnt. Ein zweiter Teil der Arbeit sind Bronzeabgüsse von gespannten Zugfedern.

Deine Arbeiten sind sehr technisch, und du benötigst teilweise schweres und komplexes Material, das sich nicht immer leicht finden lässt. Woher beziehst du dein Arbeitsmaterial?
Ich sammle Material, aber auch Prozesse. Ich dokumentiere viel und gehe mit sehr offenen Augen durch die Welt. Mich faszinieren Details, oft sind es wirklich nur Kleinigkeiten, die Gedankenkaskaden in Gang setzen und ganze Arbeiten inspirieren können. Natürlich recherchiere ich auch viel und erlerne neue Fertigkeiten, wenn sich konkrete Aufgaben stellen. Ich greife selten auf handelsübliche Lösungen zurück. Meistens sind meine Anforderungen so speziell, so dass ich mit Betrieben Sonderanfertigungen entwickle oder auch ganz alleine produziere. Wenn es um das Material geht, interessieren mich spezifische Eigenschaften, technische Anwendungen, die es dann für mich auch inhaltlich aufladen. Beispiele dafür sind Wachspapier oder Porzellan. Manche Stoffe jage ich dann, weil sie nur schwer zu bekommen sind. Im Lauf der Zeit ist auch eine Materialsystematik entstanden, auf die hin mögliche Neuzugänge überprüft werden.

Wie hoch ist der experimentelle Aufwand in deiner Arbeit? Was wird vorher wie und wie lange getestet?
Bei Installationen wie cauter oder auch reservoir gehen den Arbeiten ausgedehnte Testphasen voraus. Das kann auch mal länger als ein Jahr dauern. Zuerst habe ich eine gewisse Vorstellung davon, wie ich einen Stoff verwenden oder ein Thema bearbeiten will. In den ersten Versuchen werde ich dann möglicherweise überrascht, wie ein Material reagiert oder überreagiert. Es ist auch nicht ganz ungefährlich, und so habe ich bereits einige Male meine Finger zu nahe am Strom gehabt. Gerade bei Arbeiten, die offene Stromkreise oder instabile Verbindungen involvieren, kommt in der Vorbereitung einer Ausstellung auch die Sicherheitsfrage dazu. Einige Arbeiten benötigen Langzeit-Tests, damit es im laufenden Betrieb keine Probleme gibt. Das alles ist schon aufwendig, deshalb ist es für mich besonders wichtig, mit Zeichnungen und kleineren Objekten spontaner agieren zu können. Beim Zeichnen bin ich ganz nah an meinen Gedanken und kann schnell etwas ausprobieren und auch die Dynamik des Moments nützen. Dabei entstehen neue Dinge, die sich dann auch wieder in größere Arbeiten einschreiben.


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