In the Studio

Mark Leckey

Wien, Österreich

»Ich mag asymmetrische Dinge nicht. Sie verstören mich.«

Er wird als Künstler der YouTube Generation gefeiert. Sechs Jahre nachdem er den Turner-Preis verliehen bekam veranstaltet Mark Leckey nun in der Secession seine erste Schau in Österreich. Wir sprachen mit ihm über Technologie, Ekstase und Polka Dot-Muster.


Mark, es ist der letzte Tag vor der Eröffnung deiner Ausstellung in der Secession. Wir befinden uns im Präsidentschaftszimmer der Secession. Deine aktuelle Schau heißt „We Transfer“. Warum fiel die Wahl auf diesen Titel?
Ich gebe zu der Titel ist etwas „cheesy“, wenn man hier den Ausdruck kennt. WeTransfer ist eigentlich ein Dateitransfer-System. Dabei entstand für mich die Vorstellung, wie Dinge eigentlich ständig transformiert werden oder wie sie von einem Zustand in einen anderen wechseln. Alles was im Erdgeschoss zu sehen ist, sind Bilder, die von LED-Panels generiert werden.  Sie sehen nicht besonders starr oder stabil aus. Sie flackern oder schweben auf der Ebene, die sie trägt. Diese Bilder wirken auf mich irgendwie immateriell, geisterhaft, als ob sie übertragbar wären. Sie sind nicht das Selbe wie ein Gemälde, auf dem Beständigkeit regiert und auf dem alles fixiert ist. Es gibt heutzutage zu viel Technologie. 

Ist es nicht ironisch, dass gerade du das sagst? Deine ganze Kunst scheint von Technologie, Fortschritt, dem Internet und der Verfügbarkeit von Bildern geprägt. Gibt es wirklich zu viel Technologie?
Nein, eigentlich nicht. Sie bestimmt das, was wir heute sind. Technologie ist für mich eine Art Verstärker - viel mehr noch, sie ist eine Art Erweiterung von uns. Aber diese Erweiterung unseres Selbst kann manchmal zu Desorientierung führen. Technologie bedeutet auch eine Art Mutation von uns. Wir erschaffen Technologie, und dann erschafft Technologie uns. In diesem Prozess transformieren wir uns in etwas, das möglicherweise weniger menschlich ist. Darin liegen meine Ängste, dass wir immer uns immer mehr Maschinen angleichen, während Maschinen ihrerseits immer lebendiger werden, zumindest hat es für mich manchmal den Anschein. 

Du bist 1964 geboren und hast 1990 deinen BA gemacht. Und dann bist du ausgestiegen. Das findet in vielen Biografien, die über dich geschrieben wurden, Erwähnung. Ich habe irgendwo gelesen, dass du damals nach New York gezogen bist, um dann später nach London zurückzukehren. Aber was hast du in diesen 9 Jahren eigentlich genau gemacht?
Ich war damals ziemlich verloren. Ich habe eine ganze Reihe wirklich beschissener Jobs gemacht, am Ende war ich dann Webdesigner. Das war damals in den ersten Tagen des Internet, so um 1996.

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Man könnte von dir also sagen, dass du einer der Pioniere des Internet warst?
Auf gewisse Weise war ich das. Ich hatte damals, 1995, den Auftrag für die Website von American Express. Keiner wusste damals so richtig was eine Website war, und ich wusste es genauso wenig. (lacht) Wie auch immer, ich glaube, das war es schlussendlich, was mein Interesse an Technologie geweckt hat – insbesondere am Internet.

Wie hast du dann wieder den Anschluss zur Kunst gefunden?
Ich lernte viele Leute kennen, die damals mit Medienkunst experimentierten, die vom Internet beeinflusst war. Leute die zum Beispiel bei Rhizome waren. Und dann gab es noch diesen Ort in London, der sich „Backspace“ nannte. Ich bin sozusagen durch die Hintertür zur Kunst gelangt.

Seitdem scheint sich deine Karriere ziemlich rasant entwickelt zu haben.
Für Kunstweltverhältnisse hat es eigentlich recht lange gedauert. 15 oder 16 Jahre. Heutzutage gibt es Künstler, die sich um einiges schneller entwickeln. Die Young British Artists legen ihre Karriere in 2 oder 3 Jahren hin.

Warum glaubst du ist das so?
Die Kunstwelt ist seitdem eine viel größere Industrie geworden. Es wird dort mehr investiert. Dadurch dreht sich alles viel schneller.

Was bedeutet es für dich von der Secession nach Wien eingeladen worden zu sein?
Es bedeutet mir viel! Die Secession ist ein Ort, der mir immer sehr im Bewusstsein war. Ich meine damit, dass ich mir über ihre historische Bedeutung und natürlich ihrer Künstler, die einer etwas älteren Generation als ich selbst angehören, immer bewusst war. Und ich wusste auch von dem hervorragenden Ausstellungsprogramm der Secession. Und dann ist da natürlich noch das Gebäude selbst.

Was hältst du vom Hauptausstellungsraum?
Ich finde ihn extrem beeindruckend. Aber es ist für mich nicht einmal der Raum an sich. Der Grundriss wirkt eigentlich relativ gewöhnlich. Es ist die ganze Eingangssituation, die diesem Ort eine besondere Energie verleiht. Ihn umgibt fast etwas Sakrales.

Sakrales? Was genau erscheint dir sakral?
Es kommt mir ziemlich unmöglich vor, dass man heutzutage noch etwas Vergleichbares erschaffen würde. Ich meine die ganze Idee, dass Künstler sich mit Geldgebern zusammenschließen, um etwas Derartiges zu bauen, erscheint mir doch sehr unwahrscheinlich für die Zeit, in der wir leben. Es war etwas, das ganz spezifisch für diese Epoche war. Man spürt regelrecht die Geschichtsträchtigkeit des Gebäudes.

Künstler reagieren sehr unterschiedlich auf die Symmetrie der Secession. Du hast mit ihr nicht gebrochen in deiner Schau.
Ich bin ein sehr symmetrisch veranlagter Mensch. Ich bin fast autistisch was das angeht. (lacht) Ich mag asymmetrische Dinge nicht. Sie verstören mich.

Wie würdest du jemandem, der dich und deine Arbeit nicht kennt, beschreiben, was du so jeden Tag machst?
Mein Alltag ist eigentlich recht langweilig. Es geht meistens um Produktion und administrative Dinge. Das ist mein Tag. Und eigentlich sitze ich nur am Computer. Ich sammle hunderte von Bildern.

Ist es nicht was wir alle jeden Tag so machen? Bilder aus dem Internet sammeln?
Ja, ich glaube es ist das, was heute jeder tut. Da hat sich viel verändert. Was einen früher möglicherweise als Künstler ausgemacht hat, war dieser Drang Dinge zu sammeln. Aber ich glaube inzwischen tut das jeder. Ich glaube nicht, dass es etwas ist, was nur Künstler zu eigen ist.

Was ist also das Ziel eines Künstlers oder Filmemachers wenn jeder ein Sammler ist?
Ich glaube es ist immer noch der Akt der Verwandlung.

Deine aktuelle Arbeit Living Within The Ecstasy of Always Bursting Forth ist ein Film. Er wird in einem der Räume gezeigt.
Ich würde diese Arbeit nicht als Film bezeichnen, eher als Bewegtbild, das in einem Loop stattfindet. Alle Bilder in der Ausstellung bewegen sich in Loops, sogar die LED-Panele, wenn auch ihre Bewegtheit begrenzt sein mag.

Du verwendest einen alten Sony-Projektor für diese Arbeit. Warum? Er ist unglaublich groß und es muss schwer gewesen sein, so etwas überhaupt noch zu finden.
Eigentlich nicht. Mit eBay sind solche Dinge wieder ziemlich einfach zu bekommen. (lacht) Er hat drei Linsen – eine für jede der Farben rot, grün und blau.

Wenn man der Person, die in der Szene vor kommt, in die Augen sieht erkennt man Unsicherheit, Verlust, Angst.
Genau darum geht’s. Das bin ich. Ich als Darsteller.

Du hast einen Ausschnitt aus dem Film One - Two - Three von Billy Wilder dafür gewählt. Er wurde 1961 in Berlin gedreht, als gerade die Berliner Mauer gebaut wurde. Nimmst du Bezug auf die Handlung oder den Inhalt des Films?
Nicht wirklich. Auch hier war es eBay, wo ich das Bild von Hans Lothar gefunden habe. Ich habe mich sofort in das Bild verliebt. Für mich ist es wie ein Heiligenbild. Es verkörpert für mich die Idee absoluter Erniedrigung und Unterwürfigkeit, wie Hieronymus in der Wüste. Das ist ein Moment, in dem du von Gott erfüllt bist. Du bist an einem Punkt, an dem du von deinem Menschsein, all deinen Ängsten, Beklemmungen und Prüfungen, all deinem Leid erdrückt wirst. Und in diesem Moment findet etwas statt, was ich als Transzendenz empfinde. Mich faszinieren Abbildungen von Heiligen wie Hieronymus oder Hiob der frühen Renaissance – Abbildungen von Leidenden. Einfach nur wegen ihrer Anmut, ihres Mitgefühls und ihrer Verletzlichkeit.

Deine Arbeit zeigt einen Mann mittleren Alters in einem Kleid mit einem Tupfenmuster, das im Englischen „Polka Dot“ genannt wird. Er kniet auf dem Gehsteig und fleht um etwas. Er sieht dermaßen grotesk aus, dass man fast lachen möchte.
Ja, es handelt such um ein Bild von einem Mann, der verletzlich ist. Man kann durchaus über die Arbeit lachen. Künstler zu sein, bedeutet in jede Richtung offen zu sein. Du gibst dich eigentlich immer der Möglichkeit hin ausgelacht zu werden, jedes Mal wenn du deine Arbeit ausstellst. Künstler zu sein ist auf eine gewisse Art lächerlich.

12 Alessandro Raho Secession
13 Alessandro Raho Secession

Die Künstler der Art Nouveau-Bewegung gründeten die Secession in einem fast religiösen Glauben, dass Menschen mittels Kunst einen neuen Zustand erreichen können. Deine künstlerischen Vorstellungen haben vielleicht viel mehr mit dem Gedankengut der Art Nouveau und diesem Gebäude zu tun, als mir das bisher bewusst war.
Meine persönliche Auffassung von Transzendenz hat mehr mit Unmittelbarkeit zu tun. Anstatt aus dir heraus zu gehen gehst du eher in dich. Ich glaube, dass die Vorstellung von Transzendenz im gnostischen Sinn nur zu Frustration führen kann, da wir nun mal an diese Erde gebunden und aus Fleisch und Blut sind. Es ist die agnostische Vorstellung von Transzendenz, die mich fasziniert. Und sie fasziniert mich so sehr, dass sich daraus meine Arbeit entwickelt. Ich nutze diese Idee als eine Art Motor.

Worum geht es dir also genau bei „Transzendenz“?
Ich glaube ich suche einen Moment der Ekstase. Es gibt Möglichkeiten, die es dir erlauben einen Moment der Transzendenz zu erleben, so kurz er auch sein mag. Ich kann nicht an christliche oder gnostische Transzendenz glauben. In dem Zustand der Ekstase, den ich meine erreichst du einen Punkt, an dem du neben dir stehst. Du kannst dich selbst von Außen beobachten, aber gleichzeitig bist du auch in dir selbst. Es ist dieser Moment wo du einfach nur deinen Platz in der Welt genießt.

Ekstase bedeutet also für dich, ganz in deine Arbeit versunken zu sein während du zur selben Zeit deine Arbeit mit Abstand betrachtest?
Ganz genau! Es hat damit zu tun, komplett von etwas vereinnahmt zu sein und gleichzeitig das Geschehen von Außen zu betrachten. In Wahrheit suchst du aber eigentlich den ständigen Wechsel zwischen den beiden Zuständen. Es ist dieser ästhetische, perfekte Moment, in dem du die Dinge von Außen siehst. Und doch bist du mitten drin.

In deiner aktuellen Ausstellung können wir unter anderem eine Szene aus Walt Disneys Pinocchio sehen, in der er sich gerade in einen Esel verwandelt, aber auch eine Drag Queen, den Vollmond, eine Karte von Großbritannien aus Lichtpunkten, den Polka Dot Man, einen Penis, ein vergrößertes RGB-Muster und tanzende Menschen, für die du schon bekannt bist. Ist das nicht ein seltsamer Mix?
Sie alle laufen in Loops und stellen pathologische Muster oder Dinge dar, die mich interessieren, faszinieren, oder von denen ich einfach besessen bin.

Ich möchte mal den Versuch starten, diese Bilder theoretisch zu untersuchen. Man sieht die Verwandelung von Pinocchio nur als Schatten. Das Bild ist gewissermaßen nur eine Ahnung dessen, was sich in der Höhle abspielt. Man könnte darin auch eine Form von Photographie sehen. Du verwendest auch viele 3-D gerenderte Filme. Sie zeigen unwirkliche Objekte, oder zumindest scheinen sie das zu sein.
Sie haben keine Gegenständlichkeit. Aber das war eigentlich auch meine Absicht: Dinge zu finden, die keine Gegenständlichkeit besitzen.

Das steht im Gegensatz zu den Bildern von Alessandro Raho, den du in deine Ausstellung aufgenommen hast.
Das Photo des Polka Dot Man hat ihn sehr angesprochen. Er ist Portrait-Maler. Sein Interesse oder seine Aufmerksamkeit gilt der Kleidung, die die portraitierte Person gerade trägt. Also dachte ich, das Polka Dot-Muster würde ihm zusagen. Und genau so war es.

Alessandro Raho verwendete deine LED rot/grün/blau Systematik für seine malerische Umsetzung der Photographie.
Ja, ich hatte ihn gefragt, ob er das tun würde – man könnte aber auch sagen es war eine Art Anforderung. Das war mir sehr wichtig.

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