»We want to be desired, not covet anything or anyone.«

In the Studio

Marina Sula

Wien, Österreich

»Wir wollen begehrt werden und nicht etwas oder jemanden begehren.«

Marina Sula beschäftigt sich mit der ganz alltäglichen Bilderflut in unserer digitalisierten Welt. Sie durchleuchtet in ihren Fotografien und Installationen unterschwellig die Herkunft und Entwicklung gängiger Bildsprachen und deren Wechselwirkung auf den Menschen. Dabei zeigt die Künstlerin gängige Codes in unserer alltäglichen Bildwelt auf und verdeutlicht das Spannungsfeld des Individuums zwischen Ichbezogenheit und dem Wunsch nach Anerkennung.

Marina, wie bist du zur Fotografie gekommen?
Bildproduktion hat mich schon immer interessiert. Aber speziell bei Fotografie war es anfangs die Faszination, dass sich jeder dieses Mediums bedienen kann. Mit einer Kamera kann man einen Moment festhalten. Das hatte etwas Simples und leicht Fassbares für mich. Durch kontinuierliche Produktion, Distribution und Konfrontation mit Bildern änderten sich dann aber mein Umgang und Zugang dazu. Es ging zum einen darum, etwas „Reales“ für einen Zeitpunkt festzuhalten, und zum anderen Zeichen und Codes, die mir im Alltag aufgefallen sind, in einem Bild zu erfassen. Im Glücksfall verdichtet sich dadurch etwas und bekommt ein gewisses psychologisches Moment oder legt eine allgemeinere Struktur frei. Das Spiel zwischen dem Indexikalischen und Fiktiven in einer Fotografie finde ich spannend.

Du arbeitest nicht nur mit dem Medium Fotografie, sondern auch installativ. Zuletzt waren es Möbel, die Bestandteil deiner Ausstellungen waren.
Ja, in meiner Installation auf der viennacontemporary habe ich zum Beispiel ein konkretes Setting aufgebaut: eine Couch, vier Stühle, einen Tisch mit Magazinen, Taschentüchern und Wasserflaschen, einen Zeitungshalter, eine Uhr und meine Bilder, die an der Wand hingen – ein Wartezimmer. Die Couch und die Stühle waren von meinen Bildern abgewandt und haben eine Einheit gebildet. Diese Installation war eigens für die Messe konzipiert worden, deshalb war der Kontext wichtig. Ich fand es auch lustig, auf einer Messe die Logik dieser Institution mit einer ironischen Geste aufzulösen. Ebenso wie die Frage, welche sozialen Situationen dieser fast wie ein Filmsetting konstruierte Erfahrungsraum hervorrufen kann.

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Welche Rolle haben die Besucherinnen und Besucher in deiner Inszenierung eingenommen?
Der Titel der Installation ist schlicht: Warten. Ich wollte mit dem Titel auf die ursprüngliche Funktion von so einem Raum hinweisen, eine Funktion, die aber in diesem Fall obsolet wurde. Viele Besucher fragten: Auf was wartet man denn hier? … Ich mochte diesen unbestimmten Zustand. Einerseits erinnerte er an etwas Gewöhnliches, denn jeder kennt Wartezimmer aus Erfahrung, und andererseits war da eine Unsicherheit, weil da natürlich nichts war, auf das man wartet. Diese seltsame Erfahrung wurde dann noch mal durch das Beobachten und Beobachtetwerden verstärkt.

Der Ausstellungsraum als Wartezimmer …
Ja, … so entsteht ein unbestimmter Möglichkeitsraum, in dem sich Bedeutungen verschieben können … An die Wänden waren Fotografien gehängt, die Einblicke in intime Situationen gewähren, und zwei Zeichnungen von Cinderella. Auf einem Foto waren zum Beispiel drei Kuscheltiere abgebildet, die nebeneinandergereiht auf einer Trainingsmatte am Boden liegen. Dieses Foto ist in einer Physiotherapiestunde entstanden, in der mithilfe von Kuscheltieren Therapie für Kinder gemacht wird.
Das Zimmer erinnert an einen Trainingsraum, wo sich im Hintergrund durch eine offene Tür ein Wartezimmer öffnet.

Kunst im Wartezimmer hat meist eher die Funktion von Wanddekoration. Was ist in deinen Augen die Aufgabe von Kunst?
Ich würde vielleicht nicht das Wort „Dekoration“ verwenden. Was mich mehr interessiert, sind Fragen wie: Wo wird Kunst in einem breiteren Sinne präsentiert und wer hat Zugang dazu? Wie bestimmt der Kontext, die Umgebung, auf welche Weise man auf bestimmte Bilder schaut? Und vor allem: Welcher Struktur folgen diese Bilder? Woher kommen sie und was wollen sie?

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Greifst du bei den Fotografien, die Teil deiner Settings sind, auf bestehende Arbeiten zurück oder produzierst du sie anlassbezogen?
Das ist jeweils unterschiedlich, da meine Praxis eher analytisch orientiert ist. Ich produziere täglich Bilder und habe deshalb ein großes Archiv, aus dem ich mich bedienen kann. In meiner letzten Ausstellung bei Gabriele Senn in Wien habe ich zum Beispiel teils Bilder aus meinem Archiv genommen, und teils mussten bestimmte Bilder für diese Ausstellung produziert werden.

Hast du das Bedürfnis, Ordnung zu machen in der alltäglichen Bilderflut?
Für mich persönlich bestimmt – ich mag Ordnung! (lacht) Ich versuche, für mich eine gewisse Logik zu finden, in der ich mich bewegen kann. Aber es interessiert mich mehr, die Struktur zu analysieren, die dahintersteckt – herauszufinden, weshalb gewisse Bilder so entstehen, wie sie entstehen.

Marina, du beschäftigst dich in deiner künstlerischen Arbeit auch mit Alltagsritualen wie self care oder die tägliche Interaktion mit digitalen Geräten. Dabei entsteht der Eindruck eines einsamen, sehr mit sich selbst beschäftigten Subjekts. Wie siehst du das?
Ich denke, der Imperativ zu self care ist bezeichnend für eine hyperindividuelle Kultur, in der es stets darum geht, den Blick auf das eigene Ego zu richten. Die libidinöse Energie richtet sich dabei nicht auf andere, sondern verpufft in einem selbst. Das ist irgendwie öde … wir wollen begehrt werden und nicht etwas oder jemanden begehren. Ich glaube, da leiden wir drunter.

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Was ist dir an der Arbeitsplatzsituation in deinem Atelier wichtig?
Ich mag Sauberkeit, es ist mir wichtig, dass alles leer und weiß ist. Ich arbeite beinahe schon klinisch und steril. Ich mag keinen Schmutz. Ich brauche weiße neutrale Wände.

Die allgemeine Vorstellung vom Künstlerdasein ist sehr klischeebehaftet und bewegt sich zwischen sehr gegensätzlichen Polen vom Leben im Prekariat oder als gefeierter Shooting Star. Marina, du stehst am Beginn deiner Karriere. Wie denkst du über das Leben als Künstlerin?
Wenn ich ehrlich bin, bin ich ständig hin- und hergerissen. Manchmal denke ich mir, es ist schon ein sehr prekärer Lebensentwurf, andererseits fühlt es sich wie ein großes Privileg an.

Hast du das Gefühl, dass dich Existenzsorgen im kreativen Prozess behindern?
Existenzsorgen behindern das gesamte Leben. Wenn man die Miete nicht zahlen kann, ist Kunstproduktion erst mal zweitrangig, dann entsteht der kreative Prozess aus einer anderen Form von Verlangen heraus.

Woran arbeitest du derzeit?
Nachdem ich gerade zwei Einzelausstellungen hinter mir habe, möchte ich mich etwas zurückziehen, recherchieren und an einer neuen Werkgruppe arbeiten.

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Ausstellungsansicht: I'm sorry, I can't, don't hate me, Gabriele Senn Galerie, Wien, 2019

Ausstellungsansicht: I'm sorry, I can't, don't hate me; Gabriele Senn Galerie, Wien, 2019

free girl camp, 2019, UV-Print hinter Plexiglas

Big Mac, 2019, Inkjet print auf Barytpapier

Interview: Barbara Wünsch
Fotos: Christoph Liebentritt

Links: Gabriele Senn Galerie, Wien, Österreich

#loveart, #marinasula

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