Sofia Goscinski ist eine österreichische Bildhauerin und Malerin mit polnisch-russischen Wurzeln. Ihre Arbeitsweise ist eine prozesshafte, im Machen entsteht das Werk, das um die Frage der Identität kreist. Kunst ist für Goscinski Kommunikation nach außen; der rote Faden in ihrem Werk ist die Freude am Entdecken, die sich in der Verwendung immer neuer Materialien äußert.
Sofia, wie kamst du zur Kunst?
Eigentlich von Haus aus: Mein polnischer Vater war ein zeichnerisches Naturtalent, und meine Mutter war Kunstkritikerin in Moskau gewesen. Kunst war allgegenwärtig; trotzdem habe ich versucht, mich für andere Dinge zu interessieren! Da ich ja dank meiner Eltern mehrsprachig aufwuchs, dachte ich an ein Dolmetsch-Diplom.
Und?
Naja, es war schnell klar, dass es nicht meins ist (lacht). Ich machte dann die Aufnahmeprüfung an der Akademie der bildenden Künste und studierte dort Fotografie. Ich hatte noch in der Schule eine Spiegelreflex Kamera geschenkt bekommen und träumte von Modefotografie.
Das erinnert an eine österreichische Größe in diesem Bereich - war Elfie Semotan ein Vorbild?
Für sie habe ich später sogar gearbeitet! Aber ich war extrem schüchtern, und mir fehlte der Mut, Leute anzusprechen, um sie zu fotografieren. Und ich entdeckte die Arbeiten von Cindy Sherman, Nan Goldin, Elke Krystufek… In ihrer Ausstellung in der Secession war ich noch während meiner Schulzeit, sie beeindruckte mich nachhaltig.
Also ging es für dich in Richtung der selbstdarstellenden Fotografie?
Ja! Es ging auch um Inszenierung, Verkleidung, ich veranstaltete Fotosessions mit mir selbst. Und so stellte ich fest, dass ich eher an Kunst- als an Modefotografie interessiert war. Die Freiheit und Intimität in der künstlerischen Arbeit triggerten mich.
Deinen Abschluss an der Akademie machtest du in der Klasse von Eva Schlegel; und auch bei dieser Künstlerin verschwimmen Bildhauerei u Fotografie…
Genau, mein Zugang war dadurch ein konzeptueller.
Aber ist das nicht noch recht abstrakt als junger Mensch?
Ich glaube, es war einfach die Zeit… Mein Held war Bruce Nauman, das Nonplusultra! Und dann John Baldessari, die Minimalisten, Donald Judd, Sol LeWitt etc. Das kam durch das Studium: Wir wurden stets motiviert, unsere Arbeit auf einer Idee oder einem Konzept zu fundieren.
Was hat dich am Konzept so stark angesprochen?
Gute Frage… Vielleicht, um es ganz banal zu sagen: eine gewisse Faulheit (lacht). Man sitzt rum und denkt und wartet auf die zündende Idee. Und die soll so zündend sein, dass man da auch noch seinen Arsch hochkriegt und sich darum kümmert, dass die Arbeit produziert wird, was Geld kostet, das man auch erst auftreiben muss.
Hat dich der frühe Fokus auf das Konzeptuelle nicht behindert?
Ich muss sagen, aus heutiger Sicht – mein Diplom ist jetzt 20 Jahre her – brauchte ich sehr lange, um mich davon zu befreien. Jetzt arbeite ich frei. Mein Werdegang ging weg vom Konzeptuellen hin zu einem Prozesshaften. Ein Umbruch – als ich merkte, das greift jetzt – war etwa 2017. Es hat lange gedauert, mich hinzustellen und zu sagen: „Da ist jetzt nichts groß dahinter, es geht nur um den Prozess.“
Traut man sich das überhaupt?
Ich traue es mich mittlerweile. Aber gar nichts zur Arbeit zu sagen ist letztlich nicht sehr sinnvoll. Denn ich merke, wenn man etwas erzählt, über Technik oder generell eine Geschichte zu einer Arbeit, ist es für die Betrachtenden eine Möglichkeit zu connecten.
Ist das wichtig, denkst du?
Jeder kann natürlich sehen, was er will, das ist für mich sehr wichtig. Ich würde nie erzählen, was genau in einem Werk zu sehen ist. Ich kann aber vielleicht eine Motivation sichtbar machen oder einen emotionalen Einstieg geben.
Wie kann man sich deine Arbeitsweise vorstellen?
Ich brüte keine Idee mehr aus, bevor ich zu arbeiten beginne, sondern bin permanent im Prozess. Jedenfalls kann ich aus der heutigen Perspektive sagen, dass immer schon die Identität oder die Frage der Identität mein Hauptthema war.
Hatte da der Migrationshintergrund deiner Eltern Einfluss auf dich?
Als Kind, als Jugendliche, hatte ich immer den Eindruck, ein bisschen displaced zu sein, nicht wirklich dazu zu gehören. Ein wenig fremd zu sein, und dass die anderen das auch spüren.
Ist das Gefühl geblieben?
Ein bisschen schon. Aber Wien war damals anders, weniger international. Ich hatte einfach dieses Bewusstsein, dass ich da, wo ich geboren bin und lebe, keine Wurzeln habe, aber auch nicht dort, wo meine Eltern herkommen. Man ist ein wurzelloser Mensch. Das ist, denke ich, speziell.
An welchen Arbeiten von dir lässt sich das festmachen?
Zum Beispiel diese kleinen Betonarbeiten mit den Betonscherben – ich nenne sie Barrikaden – sind aus einer persönlichen Krise heraus entstanden. Im Prozess, in der Betrachtung verstand ich, dass das genau mein Zustand war. Dieses verletzt sein, traumatisiert sein, aber gleichzeitig defensiv nach außen Barrikaden aufzubauen.
Diese Art an Arbeit unterscheidet sich also stark von dem, was du früher gemacht hast?
Absolut; vor allem wenn ich an meine erste Soloausstellung 2005 denke.
Was hast du damals gezeigt?
Konzeptkunst (lacht)! Es ging um das X als Form, als Buchstabe, als Zahl. Es gab ein Riesen-X aus großen schwarzen Balken, ein nautisches Flaggenalphabet, einen Text von Sol LeWitt, in dem ich alles bis auf das X ausgestrichen hatte…
Wie siehst du heute auf diese Arbeit?
Das Interessante war: Die Ausstellung war erfolgreich, ich habe verkauft, das war großartig! Doch dann hörte ich zwei Kommentare, die mir zu denken gaben. Der eine war „Das ist eine sehr intelligente Ausstellung“ – und ich wusste nicht, war das gut oder schlecht? Und der Zweite war: „Ist ja gut, aber du solltest vielleicht etwas machen, das dich selbst betrifft!“
Wie bist du mit der Kritik umgegangen?
Es war schmerzlich, aber es brachte mich wirklich weiter – gerade weil ich es schon beim Diplom gespürt hatte. Ich war aber bei der Ausstellung auf Nummer sicher gegangen. Letztlich war aber der Zweifel gesät, und bald darauf begann ich, mich für Bildhauerei zu interessieren, für das Dreidimensionale.
Wann begannst du, selbst Hand anzulegen?
Richtig skulptural, also dass ich mit den Händen forme, arbeitete ich erst so ab 2013.
Hattest du gelernt, wie man Materialien bearbeitet? Wie bist du es angegangen?
Dilettantisch (lacht)! Ich habe einfach gemacht. 2017 fing ich dann an, mit Beton zu arbeiten: Das war eine Katastrophe! Es war Wahnsinn! Ich kaufte einen Sack Zement und einen Sack Sand, und veranstaltete ein unglaubliches Chaos in meinem Atelier (lacht). Die ersten Platten, die ich gegossen habe – mein Gott! Schief und krumm und dick, da war am Anfang nicht mal eine Bewehrung drin (Verstärkung des Betons mit Stahl oder Textil). Eine davon wurde vom Belvedere angekauft…
Ein Ritterschlag?
Es ist eine schöne Arbeit! Der Beton war der Bildträger, auf dem ich mit Farbe arbeitete. Aber aus restauratorischer Sicht sicher eine Herausforderung! Mittlerweile kann ich gut mit dem Material umgehen. Ich finde spannend, dass man nicht nur gedanklich und emotional seinen Weg geht, sondern auch Dinge im Umgang mit dem Material lernt, über sich und die Beschaffenheit der Welt.
Wie kamst du auf Beton?
Weil Beton eine Ästhetik hat, die mich schon immer faszinierte. Ich mag damit zu arbeiten – mittlerweile knete, gieße, und spachtle ich ihn. Ich mag die Farbe, die Struktur, die Möglichkeiten. Es ist ein wahnsinnig schöner Bildträger. Und dann kommt bei mir die kindliche Erinnerung vom Zeichnen auf dem Asphalt dazu. Und die romantische Story meines Vaters, der hippiemässig in Europa herumreiste und mit Zeichnungen auf der Straße Geld verdiente. Ich liebe diese Kreide auf dem Grau.
Apropos Beton: In einer Ausstellung in einer Innsbrucker Galerie hattest du den Raum mit Betonschutt aufgefüllt. Das erinnerte mich an Walter de Maria’s New York Earth Room. Ist das auch eine Referenz?
Walter de Maria war eine große Inspiration. Seine Installation bei einer Venedig Biennale im Arsenale war wie ein Kirchengang. Dieses Element interessierte mich auch an den Minimalisten. Ich hatte immer einen emotionalen Zugang zu diesen Arbeiten, fand sie bewegend. Sie sind „untouched“: Man sieht den Menschen nicht, nur das Denken, die Abstraktion der Form. Die Anonymität, nur die perfekte Form, die perfekte Konstruktion.
Kannst du in einem Satz beschreiben, worum es in deiner Arbeit geht?
Puh (überlegt). Ums Entdecken würde ich sagen. Ich war – und bin – ständig auf der Suche nach etwas Neuem, nach etwas, woraus ich lernen kann… Etwa, mit neuem Material umzugehen.
Und Menschen mitzunehmen auf die Entdeckung?
Klar. Kunst ist meine Art, nach außen zu kommunizieren. Daher ist die Möglichkeit auszustellen und Sachen zu zeigen, so wichtig.
Du zeigst neuerdings auch Malerei…
Malerei war eigentlich nie mein Medium. Dabei bin damit aufgewachsen! Aber ich komme von der Fotografie, der Bildhauerei. Während meiner Krisenzeit suchte ich jedoch nach einer Möglichkeit, wieder in den Arbeitsprozess reinzukommen. Und holte einen Sack mit alten Ölfarben raus, den mir Bjarne Meelgard mal geschenkt hatte und begann einfach zu malen – und es tat gut und war befreiend.
Ein anderer Prozess als die Bildhauerei?
Sehr unterschiedlich, denn die Skulptur bedarf einer Vorbereitung, einer Form – der kreative Teil ist dann meist der kürzeste Teil der Arbeit! Das direkte barrierefreie Tun zog mich beim Malen so an: Man braucht nicht viel. Ich hätte mich früher nicht so getraut, malereilastig auszustellen, aber mittlerweile ist es für mich gleichwertig geworden. Die Malerei und die Skulptur greifen ineinander. Malerei ist für mich nie flach. Auch eine Leinwand ist ein Körper.
Wir haben bereits einige Male die Inspiration durch andere Künstler angesprochen, wie eben Walter de Maria, Bruce Nauman, Sol LeWitt, Donald Judd… Wie schwierig ist es, auf den Schultern von Riesen zu stehen? Wie grenzt man sich ab, entwickelt sich?
Naja, Riesen... Ich empfinde sie nicht mehr als Riesen, denn bereits während der Studienzeit dämmerte mir, dass es sich hauptsächlich um männliche Künstlerpositionen handelte. Frauen waren in der Zeit noch stark unterrepräsentiert. Ich kannte Sol Lewitt aber nicht Eva Hesse.
Hast du deinen Fokus heute auf die Künstlerinnen übertragen?
Das würde ich bejahen; aber nicht, weil es Frauen sind, sondern weil ich die Kunst toll finde. Eva Hesse etwa sah ich letztlich zum richtigen Zeitpunkt: Diese prozesshafte, minimalistische Arbeit faszinierte mich. Isa Genzken errmutigte mich in ihrer Vielseitigkeit. So prägend Minimalismus und Konzeptkunst für mich waren, schaffte ich es doch auszubrechen, um relativ unbelastet und frei zu arbeiten.
Wie das?
Ich bin immer wieder mal auf der Bremse gestanden, wenn es um Karriere ging. Ich bin relativ langsam in meinem Prozess, und brauche die Freiheit, ohne Druck und ohne Erwartungshaltung von außen arbeiten zu können. Es ist so wichtig, dass man so lange wie möglich Zeit hat die Arbeit zu entwickeln und sich nicht aufgrund von Nachfrage zu wiederholen.
Wie empfindest du das Arbeiten und Leben in Wien?
Chillig (lacht). Ich denke, es ist einfacher, in der Stadt zu arbeiten, in der man geboren wurde, weil man bessere Zugänge hat. Es gibt gute Förderungen, und eine spannende Szene; es fehlt nicht an Inspiration. Das große Geld ist hier allerdings nicht…
Fehlen die Sammler?
Generell mangelt es an finanzieller Power, um lokale Künstlerpositionen auf die internationale Bühne zu heben.
Was sind deine aktuellen Projekte?
Ich arbeite gerade an einer Schau mit Daniel Domig, die im Februar in der Galerie 3 eröffnet. Da zeige ich kleine skulpturale Arbeiten und Malerei. Dann gibt es im März eine Soloausstellung im Klubhaus von Alexander Giese, eine Einladung, eine Vitrine am Karlsplatz zu bespielen; und weitere Projekte, die noch nicht spruchreif sind.
Text: Alexandra Markl
Foto: Christoph Liebentritt