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Christina Steinbrecher-Pfandt, Wien

Collector Stories

»Sich für ein Kunstwerk zu entscheiden kann manchmal bedeuten, sich gegen einen Urlaub zu entscheiden.«

In Christina Steinbrecher-Pfandts Leben gibt es fast keinen Tag ohne Kunst. Seit Jahren sammelt sie zeitgenössische Kunst und ist beruflich auf dem internationalen Kunstparkett zu Hause. Wir trafen die ehemalige künstlerische Leiterin der viennacontemporary und sprachen mit ihr darüber, was sie an Kunst und dem Sammeln von Kunst fasziniert, und welchen Einfluss Social Media im Kunstmarkt einnehmen.

Christina, wie wurde dein Interesse für Kunst geweckt?

Ich habe mich schon immer für Kunst interessiert. Dennoch gibt es ein ganz konkretes Ereignis. Ich habe früher direkt gegenüber dem Museum Ludwig in Köln gewohnt. Als Kasper König 2001 Direktor des Museums wurde, bin ich dort regelmäßig hingegangen. Ich hatte damals noch keine große Ahnung von Kunst. Ich war aber von der Mathew-Barney-Ausstellung, die König zeigte, sehr fasziniert. Seitdem bin ich fast nur noch in Museen anzutreffen.

Nun hast du irgendwann entschieden, deine Leidenschaft zur Kunst auch beruflich auszuüben.

Kunst war zwar immer meine Welt, nur kam mir irgendwie nicht in den Sinn, auch Kunst zu studieren. Da ich aus einer Wirtschaftsfamilie komme, habe ich Betriebswirtschaft studiert. Das hat mich schon sehr geprägt für meinen späteren Weg. Ich wollte das aber nicht als meinen Beruf ausüben und habe in London den Master of Contemporary Art gemacht. Das war noch vor der Krise 2008. Damals schrien alle nach „Emerging Artists“. Die Kunsthochschulen entwickelten sich zu Galerien, in deren Ausstellungen die Sammler die Arbeiten direkt von den Wänden kauften. Diese Zeit ist aber vorbei.

Du hast irgendwann begonnen, selbst Kunst zu sammeln. Wie kam es dazu?

Ich feiere gerne, das liegt, glaube ich, an meiner osteuropäischen Herkunft. (lacht) Zu Geburtstagen und Feiertagen schenke ich mir selbst gerne Kunst. Nach und nach ist so eine kleine Sammlung zusammengekommen. Viel davon haben wir hier gar nicht in der Wohnung, sondern im Lager. Da mein Mann und ich viel unterwegs sind, finden wir gar nicht die Zeit, alles aufzuhängen. Außerdem fehlt uns der Platz dazu. Mittlerweile habe ich mich auch von einer institutionellen Wohnidee verabschiedet.

Was reizt dich am Sammeln? Es gehört ja schon auch ein wenig das Leiden dazu.

Manche Entscheidungen für ein Kunstwerk sind eine Entscheidung gegen einen Urlaub. Das stimmt schon und muss wohlüberlegt sein. Wenn man Kunst kauft, dann steht man immer vor der Entscheidung: kaufen oder nicht kaufen. Kann ich mir das leisten? Es ist immer ein Prozess, den man mit sich selbst ausmachen muss. Dieser Aspekt gefällt mir sehr. Ich sehe mich beim Sammeln auch noch eher in der „Anhäufungsphase“ als in der „Trennungsphase“, so habe ich noch nie ein Kunstwerk weiterverkauft.

Sammeln liegt uns Menschen im Blut. Wieso sammelst du Kunst? Es könnten doch auch Uhren oder Schuhe sein.

Ich liebe Kunst einfach. Künstler sind für mich universell gebildete Menschen. Sie sind hervorragende Gesprächspartner für alle möglichen Themen, denn sie haben einen speziellen Blick auf die Welt. Sie stehen täglich vor neuen Entscheidungen, um sich ihren künstlerischen Kosmos zu schaffen. Ein Künstler wird nie wie ein Unternehmer zufrieden einschlafen, denn es treiben ihn immer viele offene Fragen um. Bildlich gesagt, sieht er sich täglich wieder konfrontiert mit einem neuen weißen Blatt, dem er mit seinem Kosmos trotzen muss.

Wie entdeckst du selbst Künstler, die dich dann so sehr interessieren, dass du eine Arbeit von ihnen kaufen möchtest?

Ich bin fast jedes Wochenende in einem Museum, egal, in welcher Stadt meine Familie und ich gerade sind. Es gibt fast kein Wochenende, an dem wir nicht ein Museum oder eine Galerie besuchen. Ansonsten lese ich sehr viel. Man kann, glaube ich, sagen, dass ich ein Internet-Junkie bin. (lacht) Ich bin fast immer online und speichere mir die Links alle, um sie dann nach und nach zu lesen oder zu teilen. 

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Social Media scheinen auch für den Kunstmarkt eine immer größere Rolle zu spielen. Ist das nur ein Hype?

Natürlich sind Facebook und Instagram auch für die Kunstwelt wichtig. Viele Sammler, vor allem jüngere, nutzen sie, um sich zu informieren. Auch wenn es, glaube ich, ein Mythos ist, dass Sammler vermehrt über Instagram Kunst kaufen, sehe ich darin schon auch eine Chance. Es bringt einem die Künstler etwas näher. Für viele kann es so das Interesse an der Kunstwelt wecken. Auch für die Künstler ist es eine Chance, dass Menschen auf ihre Arbeit aufmerksam werden. Gekauft wird Kunst aber noch immer hauptsächlich in den Galerien und auf den Messen.

Gibt es einen Künstler, von dem du gerne eine Arbeit besitzen würdest, oder gibt es jemanden, den du schon länger beobachtest?
Eric Fischl. Ich hätte gerne eine große Arbeit von Eric Fischl aus den 1980er Jahren. Am liebsten eine seiner Strandszenen. Das wird aber wohl ein Wunsch bleiben.

Hast du einen Tipp für jemanden, der sich für Kunst interessiert und überlegt, mit dem Sammeln zu beginnen?
Kunst zu sammeln ist etwas Wunderbares! Sich nicht nur mit Kunst zu beschäftigen, sondern mit Kunst zu leben. Da am Anfang oft die finanziellen Mittel fehlen, können Kunsteditionen ein guter Einstieg ins Sammeln sein. Ich bin großer Fan von Editionen – wir selbst haben auch ein paar. 

Vor fünf Jahren hast du die künstlerische Leitung der viennacontemporary übernommen. Bis vor Kurzem stand noch immer die Frage im Raum, ob man Wien als Fixpunkt der Kunstmessen überhaupt etablieren kann.

Jetzt im fünften Jahr gibt es daran keinen Zweifel mehr. Ganz im Gegenteil. Die Umbenennung zu viennacontemporary, der neue Standort und das fixe Datum haben uns nochmals sehr geholfen, einen entscheidenden Schritt in der Positionierung der Messe voranzukommen und Wien als Standort für zeitgenössische Kunst zu etablieren. Es ist schön, zu beobachten, dass Wien gerade eine Renaissance erfährt. Es gibt viele Künstler und Sammler, die Wien kennen und Jahre nicht hier waren. Viele sind von der Entwicklung der Stadt sehr überrascht. Und dann gibt es viele Jüngere, die mit Wien noch gar nichts verbinden, nicht einmal das imperiale Bild. Für sie existieren London, Paris und vielleicht noch Berlin auf der Landkarte. Es ist unsere Aufgabe, auch ihnen zu zeigen, dass Wien ein zeitgenössisches Gesicht hat. Wien hat einfach das Zeug zur Culture Capital schlechthin.

Was können wir von der zweiten Ausgabe der viennacontemporary erwarten?

Es wird die beste Kunstmesse sein, die Wien je gesehen hat. Es wird die beste Kunstmesse Österreichs, Osteuropas, weltweit sein, die international immer mehr Beachtung findet. Mit „Nordic Highlights“ setzen wir dieses Jahr einen weiteren Themenfokus mit einigen renommierten Ausstellern aus dem nordeuropäischen Raum.

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Interview: Michael Wuerges
Fotos: Maximilian Pramatarov

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