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Nuriel und Audrey Molcho, Wien

Collector Stories

»Man sollte mit Kunst leben, und auch den eigenen inneren Künstler oder die eigene innere Künstlerin entdecken.«

Diese Story ist in Kooperation mit PARNASS entstanden.

Diese Story ist in Kooperation mit PARNASS entstanden.

Die Wohnung von Audrey, Nuriel und Sohn Ilay Molcho ist voller Kostbarkeiten, dabei treffen große Namen auf Allerpersönlichstes. Es ist viel los – wie im Leben der beiden: ob Brand Management im Familienunternehmen NENI, Hutmacherei, Fotografie, Content Creation oder Alltag mit Kind. Audrey und Nuriel Molcho mögen es bunt. Ohne Hierarchien hängen im klassischen Stilaltbau entlang der herrschaftlichen Ganggalerie Instagram-Entdeckungen neben Street-Art-Größen. Im Wohnzimmer findet sich ein Klimt-Druck in Nachbarschaft zu Tribal Art aus Marokko. Was besonders ist, bekommt einen Rahmen – sei es ein Zeichenstift des Großvaters oder ein geschrumpfter Luftballon mit Geschichte. 

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Nuriel, auf deiner Webseite schreibst du: »Art is part of my life« – wie zeigt sich diese Tatsache bei euch? 
Nuriel: Alles kann Kunst sein, je nachdem, wie du es betrachtest. Du kannst dein Leben als ein Kunstwerk betrachten und einfach sagen, dass du immer an dir selbst arbeitest, dass es sich entwickelt, je nachdem, wer es wahrnimmt. Ein schöner Blumenstrauß kann Kunst sein. Für mich ist Kunst etwas, das Emotionen weckt. Es kann schön oder auch nicht schön sein, aber es muss eine Reaktion in dir hervorrufen. Menschen, die ein emotional aufgeladenes Leben leben – mit Höhen und Tiefen – umgeben sich meiner Erfahrung nach auch gerne mit Kunst.

Eure Sammlung ist sehr persönlich, wie ein Erinnerungsalbum. Kann man an ihr auch Wendungen in eurer Biografie nach­vollziehen?
Audrey Molcho: Ja, auf jeden Fall. Angefangen mit dem Kunstsammeln hat Nuriel. ­Früher war es viel verspielter, es war vieles kunterbunt, viel Street-Art – Kunst, die einen schnell in den Bann ziehen kann, weil sie eben auch ein bisschen lauter ist. Mit der Zeit hat sich das gewandelt. Wir müssen auch nichts unser Leben lang besitzen, wir verkaufen und kaufen mit dem Geld etwas Neues, das besser zu unserer aktuellen Situation passt.

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Haben sich eure Geschmäcker ähnlich ent­wickelt oder gibt es da größere Differenzen?
A: Ich war nie so ein Street-Art-Fan. Das war mir ein bisschen zu poppig. Als ich Nuriel kennengelernt habe, hat er nur Street-Art gekauft. Das war mir ein bisschen viel. Aber jetzt – mir gefällt diese Mischung. Ich bin eher eklektisch. Ich mag nicht eine Linie, sondern die Geschichten sind mir wichtig. Das spiegelt unsere Sammlung jetzt viel mehr wider. Ob es Zeichnungen von meinem Großvater sind oder ein Werbeposter für den ersten Auftritt von Nuriels Vater als Pantomime – wir haben schon absurde Sachen gerahmt und ­aufgehängt.

Was ist das Absurdeste? 
N: Ein Hundeluftballon! Ich wollte immer einen Dackel – in der Theorie, aber nicht in der Praxis. Zum 30. Geburtstag hat Audrey mir dann einen geschenkt. Keinen echten, sondern einen aufgeblasenen Ballon-Dackel. Der hat irgendwie ewig überlebt. Wurde langsam kleiner, immer trauriger, aber er war noch da. Nach drei, vier Jahren hab ich gesagt: Okay, der lebt jetzt so lange mit uns – wir lassen die Luft raus und rahmen ihn ein. Jetzt sieht er wirklich aus wie ein Kunstwerk – fast wie ein Jeff Koons.

In eurer neuen Wohnung hängt auch deine eigene Kunst. 
N: Ich habe meine eigene Kunst lange nicht aufgehängt – erst durch eine Ausstellung vor ein paar Jahren habe ich gesehen, wie die Bilder abseits vom Bildschirm wirken, wenn sie groß gedruckt sind. Viele meiner analog fotografierten Lieblingsbilder bekommen auf Instagram kaum Resonanz – aber bei der Ausstellung waren es genau diese Arbeiten, die die Menschen anzogen. Dieses Jahr habe ich wieder ausgestellt, in der Wohnung eines Freundes. Und da wurde mir bewusst: Ich will meine eigene Kunst auch bei mir zu Hause sehen. Ich habe viele Künstler:innen gefragt, ob sie mit ihren eigenen Werken leben – und fast alle haben gesagt: ja. Weil man dadurch spürt, wie sich ein Bild im Alltag verändert, wie es wirkt. Inzwischen hängen bei uns einige meiner Bilder. Oft sind das genau die, auf die Besucher:innen sofort reagieren – wie das Tokio-Bild. Auf Instagram ging das total unter. Aber im richtigen Kontext erzählt es plötzlich eine Geschichte. Mein aktuelles Lieblingsbild hängt in der Küche: ein langzeitbelichtetes Foto eines Royal Guards in Indien.

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Wenn du zurückblickst: Hast du dich zuerst als Künstler verstanden oder als Betrachter, Konsument von Kunst? 
N: Kunst hat mich eigentlich immer interessiert. Mein Vater ist Künstler – er hat mich früh gefördert und auch ermutigt, Kunst als Ausdrucksform zu nutzen. In der Schule habe ich Kunst als eines meiner Hauptfächer gewählt, aber meine abstrakten Werke stießen bei einem Prüfer, der auf alte Meister fixiert war, auf Ablehnung. Das hat mich lange verunsichert. Ich habe aufgehört, selbst Kunst zu machen, und mich eher als Betrachter gesehen. Ich wollte mich inspirieren lassen – aber nicht mehr selbst produzieren. Erst Jahre später habe ich wieder zu meiner Kunst zurückgefunden. Und erst jetzt, fast 20 Jahre später, hängt sie auch an der Wand.

Welche Rolle hat Kunst in deiner Kindheit gespielt, Audrey? 
A: Bei uns waren alle Künstler:innen. Meine Mutter war Opernsängerin, mein Vater Dirigent, meine Großmutter Stepptänzerin und Schauspielerin, mein Großvater hat Zeichentrickfilme für Walt Disney gezeichnet. Es gab bei uns eigentlich nur Kunst. Klassisches Bildungswissen wurde mir kaum mitgegeben, dafür war ich von Anfang an umzingelt von Kreativität. Mit sechs Jahren besuchte ich iranische Bauchtanzkurse, chinesische Malereiklassen – und war an Samstagen in einer chinesischen Oper. Es war fast absurd, wie viel Kunst ich aufgenommen habe.

Wie gebt ihr das an euren Sohn weiter? Hat er auch schon Kunst in seinem Zimmer?
A: Ja, in seinem Zimmer hängen Ani­mationszeichnungen von meinem Großvater. Und ich gehe sehr gerne mit ihm ins Museum. Das Kunsthistorische Museum ist perfekt, da gibt es überall Bilder mit Hunden und Löwen. Einfach den Spaß am Schauen lernen, das fördere ich. Vor ein paar Wochen habe ich ihn bei einer Freundin ganz still am Boden im Wohnzimmer gefunden und gefragt: Was machst du da? Vor ihm hingen zehn sehr bunte Kunstwerke von Musikern. Und er sagt einfach nur: I’m looking at the art.

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Geht ihr auch in Galerien und auf Kunstmessen und lasst euch beraten?
A: Gar nicht mehr. Früher haben wir das gemacht, aber inzwischen gehen wir nur noch in Ausstellungen und nicht mehr auf Messen. 
N: Auf Messen wird man überladen – it’s too much. Uns haben die Kunstwerke immer ­irgendwie gefunden.

Wie schaut’s mit Studio Visits aus? 
Beide: Das machen wir sehr gern. Direkter Austausch mit Künstler:innen ist uns ein Anliegen. Gerade planen wir auch zum ersten Mal ein Projekt mit TOMAK – wir werden Hüte mit ihm bemalen.

Wie steht ihr so zu der sogenannten Kunstwelt? 
A: Schwierig. Ich bin nicht wirklich Teil der Kunstwelt. Aber sie muss existieren – besonders für die Künstler:innen. Sie sind finanziell darauf angewiesen. Dieses ganze Business, das „dirty business“ dahinter, ist Teil davon. Doch als Konsument:in möchte man so tun, als gebe es das alles nicht. Man will romantisieren. Nur: Das ist nicht realistisch. 
N: Ich denke, man muss das Ganze auch mit einer Portion Humor nehmen – mit Leichtigkeit. Sonst wird’s schnell elitär. Dann geht’s plötzlich darum: Kennst du diesen Künstler? Und jenen? Es gibt so viele Namen – irgendwann blickst du nicht mehr durch und fühlst dich einfach nur verloren. Und dann denkst du dir: Ich will nicht belehrt werden. Kunst ist für mich etwas Emotionales, etwas Schönes, etwas, das etwas in dir auslöst. Sie soll ins Leben kommen und auch wieder gehen können – wie es eben passt. Aber ja, some people are too serious about it.

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Du sagst, Kunst darf auch wieder gehen. Ihr verkauft also auch immer wieder Arbeiten?
N: Ich bin jemand, der gerne Kunst verkauft und immer wieder umhängt. Man sieht sich sonst einfach satt – irgendwann wird ein Bild zur Tapete. Wenn man es neu platziert oder etwas austauscht, sieht man alles sofort in einem neuen Licht. Und manchmal geht’s auch darum, loszulassen. Vielleicht freut sich jemand anderer riesig darüber – für sie oder ihn ist das Werk neu, besonders, wird Teil des Lebens. Ich finde, Kunst soll wandern. Sie soll Freude machen. Ich verstehe es nicht, wenn Menschen Kunst nur bunkern und horten. Kunst muss ­gesehen und erlebt werden. 

Wie groß ist eure Sammlung aktuell?
A: Ich weiß es nicht genau – die Sammlung ist so sehr Teil unserer Wohnung! Vielleicht sind darunter 50 Bilder. Aber das ist schwer zu sagen. 
N: Hier ist nichts Standard. Die Lampen, der Tisch, alles ist ein Kunstwerk. Alles ist irgendwie gesammelt – oft auf Flohmärkten. Aber alles ist kuratiert.

Was habt ihr zuletzt gekauft? 
N: Einen Druck von Klimt in der Galerie Artziwna. Das war ein Geschenk, das wir uns selbst beim Einzug in die neue Wohnung gemacht haben. Auch das Motiv der drei Generationen – Kind, Mutter, Großmutter – hat gut gepasst, Ilay war gerade auf die Welt gekommen. In Wien mit einem Klimt zu wohnen, fühlt sich sehr besonders an, wir lieben es.

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Eigentlich hat die Sammlung ja einst mit Street-Art begonnen, die ist aber in der Wohnung kaum noch präsent.
N: Ich habe mit Street-Art angefangen, als ich in London studiert habe. Damals hast du Kunst auf der Straße gesehen – und konntest für umgerechnet 100 Euro einen Print kaufen. Das war mein Einstieg: Statt mein Geld beim Ausgehen auszugeben, habe ich mir Prints gekauft und rahmen lassen. Ich fand es spannend, wie sich manche dieser Künstler:innen weiterentwickelt haben – manche Arbeiten konnte ich später mit Gewinn verkaufen. Einmal hätte ich fast einen Banksy für 500 Pfund gekauft – das war mir aber damals doch zu viel. Heute ist das nicht mehr mein Thema und ich verkaufe die Werke an Sammler:innen, zu denen das besser passt.

Das ist ein gutes Beispiel, wie man als junge:r Sammler:in einen Entry Point ins Kunstkaufen finden kann – vor allem, wenn man das Thema der Wertentwicklungen noch nicht so nachvollziehen kann. 
N: Junge Käufer:innen sollten den Mut haben, einfach auf Instagram Künstler:innen zu suchen und auch auf die Kunstunis zu ­gehen. 

Audrey, du bist einfach mitgegangen mit Nuriel? 
A: Ja, die Welt der bildenden Kunst war mir überhaupt nicht bekannt. Nuriel hat mich überall hin mitgenommen, in Ausstellungen und Galerien. Anfangs war das überfordernd, es ist viel Input. Zuvor war die Kunst, die mich umgab, einfach meine Familien­geschichte – jedes Werk an unseren Wänden war von meinem Großvater oder Freund:innen meiner Großeltern. 
N: Meine Eltern zum Beispiel kaufen auch keine Kunst. Aber sie waren mit Arik Brauer, mit Hundertwasser, mit Fuchs befreundet und haben Bilder von ihnen zu Hause, die sie geschenkt bekamen. Sie haben nie etwas gekauft. Für uns war es eine große Ehre, als wir zur Hochzeit ein Werk von Arik Brauer geschenkt bekommen haben. Das hängt jetzt über unserem Bett.

Wenn ihr zurückreisen könntet: Welchen Rat würdet ihr eurem jüngeren Sammler-Ich ­geben?
A: Das ist schwierig – man könnte klüger investieren, wenn’s ums Finanzielle geht. Aber so ticken wir nicht. Für uns war immer klar: Es geht um Kunst, die uns glücklich macht. 

Gibt es ein Werk, das diese Einstellung für euch besonders gut widerspiegelt?
N: Das Bild von Wolfgang Grinschgl zum Beispiel – das war damals das teuerste, was ich je gekauft hatte. Aber ich war immer jemand, der Deals macht. Ich war schon immer ein guter Marketer, hatte ein starkes Netzwerk. Und ich liebe Tauschgeschäfte. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich aus der Gastronomie komme. Bei mir war es nie so: Das kostet es, also zahle ich das. Es muss immer eine Geschichte dahinter sein. Ich frage: Was für einen Deal können wir machen? Ich will, dass du bekommst, was du verdienst – aber vielleicht kann ich dir auch auf einem anderen Weg etwas Gutes tun. Dann lohnt es sich für alle.

Nuriel, du hast einmal gemeint, wenn du alles kaufen könntest, würdest du dich für einen Cy Twombly entscheiden – ist das noch aktuell? 
N: Ja, ich liebe Cy Twombly.

Und wofür würdest du dich entscheiden, Audrey? 
A: Bei mir wäre das wohl eher ein Monet. 

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Wenn man durch eure Wohnung blickt, fällt auch Tribal Art auf – habt ihr die afrikanischen Masken von Reisen mitgebracht? 
N: Eine stammt vom Wiener Naschmarkt, die andere aus Marokko, wo wir geheiratet haben. Mit so einer Mischung an Kunst zu leben, habe ich bei André Heller gesehen. Das hat mich sehr inspiriert. In seinem Haus in Marokko hat er viele Masken gemeinsam mit zeitgenössischer Kunst inszeniert – bei ihm hängt dann halt ein Basquiat dahinter.

Gibt es etwas, mit dem ihr dieses Gespräch gern beschließen möchtet? 
N: Man sollte Künstler:innen unter­stützen – ganz grundsätzlich. Weil sie etwas Wunderschönes zur Welt beitragen. Ich finde, man sollte mit Kunst leben. Und man sollte auch den eigenen inneren Künstler oder die eigene innere Künstlerin entdecken. Ich habe mal aufgeschnappt: „The artist is the child that never died.“ Dieses Kind sollte jede:r in sich bewahren. Jeder Mensch sollte irgendwie Kunst schaffen, Kunst leben, Kunst kaufen, Kunst fördern. Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so besonders sind wie Kunst. Also: Embrace it!

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Interview: Paula Watzl/PARNASS
Photos: Christoph Liebentritt

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