In the Studio

Clemens Krauss

Berlin, Deutschland

»Schlafende Hunde, die nicht geweckt werden sollen.«

Die Werke des in Graz geborenen und in Berlin lebenden Künstlers Clemens Krauss ergründen, was menschliche Identität eigentlich ausmacht, wobei Malerei und Performance, Skulptur, Psychoanalyse und Video miteinander verschmelzen und gegenwärtige soziale, politische, aber auch autobiografische Themen zum Tragen kommen.

Clemens, kannst du in wenigen Worten erklären, worum es in deiner Kunst geht?
Ich bringe Material, Raum und den (eigenen) Körper mit sozialen und politischen Beobachtungen zusammen und möchte Arbeiten machen, die etwas evozieren, uns nicht kalt lassen.

Welches persönliche Anliegen liegt deinem künstlerischen Schaffen zugrunde?
Meine Arbeit ist sehr geprägt von dem Grundmotiv jeden künstlerischen Handelns, nämlich dem, sich kritisch mit den Dingen auseinander zu setzen, die unsere Welt ausmachen. Wenn ich bestimmte Dinge einfach reproduziere, anstelle über sie zu reflektieren, dann bestätige ich diese ja nur. Künstlerische Interessen bieten unendliche Möglichkeiten der kritischen Auseinandersetzung, wie etwa die Übertreibung, die Ästhetisierung, oder der Humor. Schließlich erlaubt erst ein reflektiertes Wiederholen führt zu einem entsprechenden Erkenntnisgewinn oder dem Anerkennen auch unangenehmer Aspekte. Das ist vergleichbar mit einem körperlichen Verdauungs- und Wachstumsprozess und gilt sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft insgesamt.

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Unter anderem geht es bei dir ja immer wieder um Individuums und Gesellschaft, oder?
Genau. Die Rolle des Individuums in unserer Gesellschaft ist ein Thema, das mich momentan, vor allem auch aus analytischer Sicht, sehr interessiert. Es geht darum zu ergründen, was eine gesellschaftliche Ordnung eigentlich ausmacht, beginnend mit dem Individuum, dem einzelnen (menschlichen) Körper, und schließlich mit mehreren Körpern in Interaktion, also der Gesellschaft an sich. Es geht dabei um Fragen wie: Wer sind die Beobachter und wer die Beobachteten? Wer sind die Handelnden und wer die Behandelten? Und von welchen Handlungsspielräumen des Individuums in einer Gesellschaft sprechen wir?

Wo beginnt Interaktion für dich?
Die Interaktion beginnt mit mir selbst, mit dem Objekt und dem Betrachter. So gesehen entsteht hier bereits ein Mikroabbild der Gesellschaft. Idealerweise werden daraus gesellschaftliche Zusammenhänge ableitbar und vielleicht ein Stück weit auch verstehbar. Diese Dinge interessieren mich und ich finde sie wichtig in einer Zeit so widersprüchlicher politischer Prozesse. Denn es geht uns alle etwas an und wir sollten uns immer wieder die Fragen stellen: Wo ist man dabei selbst verortet, wo sind wir als Gemeinschaft zu verorten? Wo wird etwas kritisch verhandelt und verarbeitet? Wo wird nur reproduziert und eigentlich nur wiederholt?

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Du bist bekannt für deine strukturstarken Gemälde in Öl, die menschliche Körper von schräg oben darstellen. Sie sehen aus wie ihr eigener Schatten. Kannst du uns von ihrer Entstehung erzählen?
Ich habe in London und Sao Paulo jeweils längere Zeit gelebt. An beiden Orten habe ich diese Erfahrung von ständiger Überwachung gemacht. Man kennt ja diese Bildschirme im öffentlichen Raum, auf denen man sich oder andere Menschen aus diesem eigenartigen Blickwinkel betrachten kann. Durch diesen Perspektivenwechsel, sowohl im realen als auch im symbolischen Sinne, wird der Körper einerseits vollständiger, der Betrachter hingegen wird in eine bodenlose Situation gebracht. Das alles erfolgt durch eine bloße Reduktion von Material. Aus dieser Beobachtung sind meine Motive mit den „Draufsichten“ entstanden.

Durch die gewählte Perspektive scheinen die abgebildeten Personen an individueller Persönlichkeit zu verlieren. Ist das beabsichtigt?
Es geht mir um das prototypische Individuum. Dieses ist in meiner Darstellung – das behaupte ich zumindest – geschlechtslos, identitätslos, und alterslos. Schon gar nicht bin ich das selbst! Ich sage das so ausdrücklich, denn das wird oft vermutet. Obwohl ich zeitweise Modell für meine eigenen Arbeiten stehe, hat es mit einem Selbstportrait im klassischen Sinne nichts zu tun.

Du selbst fungierst also nur mehr als eine Art Stellvertreter?
Ja, das ist das richtige Wort! Anders ist das natürlich bei den Hautarbeiten. Hier diene ich ganz offensichtlich als Modell.

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Deine Arbeit „Selbstportrait als Kind“ zeigt dich im Alter von etwa dreizehn Jahren und löst starke Reaktionen aus. Auf der ARCO in Madrid in diesem Jahr war deine Arbeit das wahrscheinlich meist fotografierte Kunstwerk. Wie kamst du auf den Gedanken, dich mit Hauthülle im jungen Teenageralter selbst zu portraitieren?
Teenagerjahre sind die sensibelsten Phasen im Leben eines jeden Menschen. Jede Betrachterin, jeder Betrachter kann sich mit diesem Kind identifizieren. Ich selbst habe in diesem Alter begonnen, mich intensiver und ernsthafter mit Kunst zu beschäftigen und damals etwa meine ersten Videos gedreht. Mit dem Material dieser Videos arbeite ich heute noch. Das Selbstportrait als Kind ist also sowohl autobiographisch als auch ein Verweis auf meine eigene künstlerische Praxis.

„Selbstportrait als Kind“ wurde schon an verschiedenen Orten gezeigt. Es fällt auf, dass sie jedes Mal anders ausliegt. Ist das beabsichtigt?
Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, die Arbeit auszulegen und zu präsentieren. Es existiert eine grundsätzliche Aufbauanleitung zur Skulptur, so dass dies auch andere machen können. Im Prinzip geht es bei der Präsentation um einen Moment des „Hingeworfenseins“ der ausgezogenen Körperoberfläche. Eine sehr antiheroische und auch schutzlose Geste.

Bedeutet die „Haltung“ des Körpers und die Interaktion der beiden Körperhälften jedes Mal etwas Anderes?
Bei der Ausstellung Kunst und Scham im Museum Marta Herford 2017 war natürlich klar, dass ich das auch in die Körperlage übertrage. Das Thema Scham ist in der frühen Adoleszenz sehr präsent. Es ist ein verletzliches Alter, in dem man mit Selbstwerdung und Veränderung ringt. Das ist eine enorm konfliktbehaftete Zeit, wie man überhaupt Kindheit und Jugend als Konflikt begreifen muss. Deshalb hat mich dieses spezielle Alter so interessiert. Natürlich auch im Zusammenhang mit den Videos, die ich damals gedreht habe. Diese sind naturgemäß sehr spielerisch und auf eine gewisse Art auch unreif gewesen. Zwanzig Jahre später mache ich daraus Arbeiten, die im professionellen, künstlerischen Kontext gezeigt werden. Hier schließt sich der Kreis wieder ein bißchen.

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Kannst Du einen kleinen Ausblick geben, was du im Herbst bei deiner nächsten Ausstellung bei Galerie CRONE in Wien zeigen wirst?
Über die gesamte Ausstellungsdauer wird sich ein Display unterschiedlicher Medien und Formate entwickeln. Die aktuelle Serie Sleeping Dogs wird Thema sein. Es gibt in vielen Sprachen diese Redewendung mit „schlafenden Hunden“, die „nicht geweckt“ werden sollen – quasi eine Büchse der Pandora, die nicht geöffnet werden darf. Aber vor allem werden Besucherinnen und Besucher eingeladen sein, sich in einem abgetrennten Bereich des Ausstellungsraumes auf Einzelgespräche mit mir einzulassen.

Interview: Agnes Wartner
Photos: Kristin Loschert

Links:
Clemens Krauss Website
Galerie CRONE, Berlin/Wien

#loveart, #clemenskrauss

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