Die Arbeit von Florentina Holzinger verbindet Tanz, Theater und Performancekunst. Sie und ihr Team arbeiten mit dem nackten Körper, der nicht (nur) als Objekt dargestellt wird, sondern von der Verhandlung des Selbst erzählt. Durch ihre Arbeiten schafft Holzinger einen kollektiven Aspekt, der von der Bühne auf das Auditorium übergeht. Das Magazin Theater heute wählte sie 2023 zur Regisseurin des Jahres, für das Monopol Magazin war sie 2024 Künstlerin des Jahres. Holzinger vertritt Österreich 2026 mit Seaworld Venice bei der Biennale in Venedig.
Florentina, von der Ausbildung her bist du Choreografin – kamst du über den Tanz zur Kunst?
Ja. Ich kam allerdings erst spät, mit 15, 16, zum Tanz. Für die Aufnahmeprüfungen an einer Tanzakademie reichte mein technisches Level nicht aus, und so landete ich bei einer Choreografie Ausbildung in Amsterdam. Dort wurde es einem ziemlich selbst überlassen, wie man Tanz für sich definiert und interpretiert.
Ein sehr freies Studium also?
Anfangs fand ich es ziellos. Trotzdem war es ein Augenöffner, weil es darum ging, eigene Stücke und Arbeiten zu entwerfen; Inhalte mit dem Körper zu übersetzen. In der experimentellen Fringe erhielt ich dann viel Freiheit und Ermutigung. Und daraus ergab sich dann alles.
Deine Arbeit scheint früh einen Nerv getroffen zu haben. War es einfach der richtige Moment für Performance?
Ich weiß nicht, denn in der Tanzwelt selbst fühlte sich unsere Arbeit nicht extrem singulär an. Ich arbeitete viel mit Vincent Riebeek, und wir hatten wenig Grenzen, wollten alles ausprobieren. Gleichzeitig haben wir uns sehr als Teil einer langen Tradition gesehen, sowohl in der Performance Art, als auch im Tanz. Das alles wollten wir herausfordern!
SANCTA © Mathias Baus_courtesy Opera Stuttgart
Apropos Tradition herausfordern: War diese für dich eher tanzbasiert, oder hattest du auch Bereiche wie den Wiener Aktionismus oder die spanische avantgardistische Theater- und Performancegruppe la Fura dels Baus als Inspiration im Kopf?
All das waren Dinge, die mit denen wir uns beschäftigt haben. Kunst, Tanz, Film, Popkultur: Da gab es nie einen Unterschied. Beim Tanz ging es weniger um die schöne Form im Raum, sondern eher um die Offenheit. Der experimentelle Tanz ist viel offener als das Theater, wo es doch mehr um Inhaltliches geht.
Du sprichst von der Offenheit des Tanzes: Geht das mit einer starken Autonomie der Protagonist*innen einher?
Auf jeden Fall! In einem konventionellen Tanzkontext wird der Körper objektifiziert. Man ist ein Teil einer Kompanie, wo alle dieselbe Form erfüllen müssen. Aber von Anfang an hatte ich meine eigene Definition von Tanz und Tanztechnik, um dem Klischee von technischem Können, von Schönheit, von Ästhetik zu entgehen.
Apropos Objektifizierung: In deinen Performances gelingt es dir, das Subjektive in den Vordergrund zu stellen. Man hat das Gefühl, die Performer stellten sich selbst dar?
Mir ging es immer schon stark um die Verhandlung des Selbst. Echte Personen stehen auf der Bühne, das echte Leben wird verhandelt. Ich mache den Leuten in der Beziehung nichts vor.
Ophelia's Got Talent © Nicole Marianna Wytyczak
A Divine Comedy © Nicole Marianna Wytyczak
Apropos nichts vormachen: Wie ist es mit den Effekten?
Was das betrifft, schummeln wir natürlich gern, manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlich. Ich hätte ich mich nicht dem Theater verschrieben, wäre ich nicht von der Möglichkeit der Illusion fasziniert.
Wirst du nach deinen Performances oft gefragt, ob das jetzt echt war, beschäftigt das die Leute?
Es fällt ihnen schwer, zwischen echt und nicht echt zu unterscheiden. Die Menschen haben die absurdesten Thesen…
Was zum Beispiel?
Wenn wir uns im Rahmen einer Show an der Haut am Rücken aufhängen, wird oft angenommen, dass das gefaked ist - die Leute können sich nicht vorstellen, wie das möglich sein soll. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich das ohne ein riesiges Hollywood-Budget hinbekommen könnte!
Etude for Church © Mayra Wallraff
Alles scheint möglich...
Die Fragen von Echtheit und Fake sind sehr brisante Themen. Deswegen will ich es verhandeln - und den Leuten vor Augen führen, wie viel Manipulation oft involviert ist. Generell: Wie wir mit unseren Körpern umgehen, ist ein großes Thema.
Der Körper ist für dich ein politischer Körper. Geht es darum, durch das Zusammenkommen der nackten Körper der Performer etwas auszulösen - ein Gefühl der Gemeinsamkeit?
Ja, definitiv. Nach 15 Jahren Performance Tätigkeit mit dem Körper wird mir immer deutlicher, dass die wirkliche Stärke der Arbeit nicht am Inhaltlichen liegt. Es geht um die Gemeinschaft, die im Zuge jahrelanger Zusammenarbeit aufgebaut wurde, und die für sich und hinter etwas steht. Es ist der große kollektive Aspekt, der mir relevant erscheint.
Hast du das Gefühl, du könntest mit deiner Arbeit die Welt verändern?
Doch, ich glaube irgendwie schon, dass ich die Welt verändern kann. Step-by-Step, Piece-by-Piece. Ich selbst versuche, mit jeder neuen Arbeit ein bisschen mehr Verständnis für die Menschheit zu bekommen. Nach Shows kommen sehr oft Leute zu mir und erzählen mir, dass sie Dinge gesehen haben, die sie noch nie „so“ gesehen haben. Ich denke, das beschreibt doch eine Lernkurve, oder?
Ophelia's Got Talent © Bahar Kaygusuz
Ophelia's Got Talent © Bahar Kaygusuz
Das Kollektive, das du in deinen Arbeiten schaffst, ist etwas Einzigartiges - aber gleichzeitig etwas, das man nicht angreifen kann. Deine Kunst ist per Definition ephemer, was bleibt davon?
Das ist eine gute Frage - ich bin nachlässig, was die Konservierung der Arbeit betrifft. Videos gibt es zwar, aber es sind im Endeffekt schlechte Registrierungen, die wirklich nur dem Zweck dienen, dass wir noch mal kurz zurückschauen können.
Möchtest du das ändern?
Diesbezüglich habe ich wechselnde Gefühle. Manchmal ja, und manchmal ist es das Letzte, wofür ich Geld ausgeben will. In den Shows geht es um das gemeinsame Teilen dieses Moments, und der hat es nun mal an sich, dass er sich von Sekunde zu Sekunde verändert. Außerdem ist die Arbeit nicht für die Leinwand gemacht, sondern dafür, dass sie von echten Körpern für echte Körper erzählt.
Denkst du je dran, dir eine Legacy aufzubauen?
Es ist mir wichtig, dass sich die Arbeit weiterentwickeln kann. Und in terms of legacy: Vor sowas habe ich eher Angst. Das gibt es viel, Systeme, Methoden, Institute…
A Divine Comedy © Katja Illner
Das Marina Abramović Institute zum Beispiel!
Ehrlich gesagt: Ich habe kein System und bin da, wenn irgendwas, eher stolz drauf. Ich finde es cool, wenn sich Dinge verändern können, manches ergibt sich organisch. Aber: never say never. Denn mit der Biennale Venedig wird es zum ersten Mal einen Katalog zur Arbeit geben.
Und du wirst jetzt von der Galerie Ropac vertreten. Wie ist der Schritt vom Theaterperformancebereich in den Kunstbereich? Oder war das für dich immer alles eins?
Grundsätzlich liegt es mir fern, zu differenzieren; ich fühle mich jetzt nicht mehr oder weniger als Künstlerin als vorher. Jedes einzelne Projekt unterscheidet sich von dem vorhergegangenen. Für mich war das schon komplett etwas anderes, zuerst Tanz gemacht zu haben und dann etwas an einem Stadttheater wie der Volksbühne Berlin, und dann an einem Opernhaus wie dem Stuttgarter Opernhaus. Der Unterschied liegt für mich eher in den spezifischen Möglichkeiten unterschiedlicher Kontexte. Generell genieße ich es, wenn sich die Arbeit wieder für andere Leute öffnet, ihnen Zugang verschafft.
Wie wirst du institutionelle Ausstellungen gestalten, wo die Leute nicht sitzen, sondern in Bewegung sind?
Ich werde auch da sehr performativ an die Dinge heranangehen. Der Körper wird eine große Rolle spielen, alles wird von ihm abhängen.
A Year without Summer © Mayra Wallraff
Die Herangehensweise bleibt gleich, egal wo deine Arbeit stattfindet?
Ja, ich gehe an jede neue Show ähnlich heran. Ich schaue mir den Space an, lasse mich davon inspirieren und überlege, was cool wäre, dort auf die Beine zu stellen. Ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist: Was ist das visuelle Element, die Welt, die man im Raum kreiert. Und das ist für mich in einem Ausstellungskontext nicht anders. Wir planen auch, dass sich die Venedig-Installation auf Reise begibt, allerdings wird sie dann wieder stark von dem jeweiligen neuen Umfeld beeinflusst werden.
Das Objekt bleibt…
Aber der Körper verändert sich! Das Spannende an unserem Proposal für Venedig ist das für uns untypische Format; es hat nicht die Dynamik einer Show. Das erste Mal wird hier ein eher installatives Setup mit längerer Dauer am selben Platz stattfinden: sieben Monate, sechs Tage die Woche, acht Stunden am Tag. Es ist eine Übernahme dieses Pavillons auf Zeit.
Was war der Ausgangspunkt für Seaworld Venice? War es Wasser?
Definitiv: Wasser ist das wichtige Element in Venedig. Eine bedeutungsschwere Ressource, an der man nicht vorbeikommt.
TANZ © Nada Žgank_courtesy of City of Women
TANZ © Nada Žgank_courtesy of City of Women
Du sprachst von sieben Monaten, in denen du den Pavillon bespielst: Hat dich das gereizt, mal ein bisschen sesshafter zu werden?
Naja, wir haben noch drei Shows, die wir gleichzeitig touren! Zum Glück ist unser Team so groß, dass wir uns gegenseitig die Fackel in die Hand geben können.
Von wie vielen Personen sprechen wir?
Insgesamt sind es mehr als hundert Menschen, die an unterschiedlichsten Dingen arbeiten – und das noch ohne Orchester oder Chor! Es sind Leute, mit denen ich schon viel performt und getourt habe. Der Pavillon bleibt okkupiert, wenn die Shows auf Reise sind. Da ist ein großer Mechanismus dahinter.
Das klingt alles nach harter Arbeit, höchster Konzentration und Disziplin. Bist du eine sehr disziplinierte Person?
Ich bin wirklich genauso wie meine Arbeit: Das Produkt vieler Gegensätze: In gewissen Bereichen bin ich extrem diszipliniert und anderen eben gar nicht. Manche Szenen sind unglaublich präzise ausgeführt, in anderen herrscht komplette Anarchie. Daraus ergibt sich meiner Meinung nach die spannendste Dramaturgie. Ich habe mich viel mit dem Ballett beschäftigt und auch mit Sport. Ich weiß also was physische Disziplin ist. Diese Shows auf die Beine zu stellen - da steckt eine ordentliche Arbeit dahinter! Manche Leute sagen: “Eh, Florentina is a crazy bitch, because she is doing this crazy stuff.” Aber bin ich eben gar nicht, oder nicht nur. Unser Arbeitsalltag kann sehr eintönig und grau sein, viele von uns kommen vom Tanz und sind das Training gewohnt.
Etude for a Crane © Tammo Walter
Und du weißt, was harte Arbeit ist!
Ja. Es ist ein bekanntes Terrain, diese Disziplin. Mir ist es aber oft wichtiger, die Unterströmungen zu zeigen, das, was unter der Oberfläche verborgen ist. Also auch den chaotischen oder alternden Körper, den Körper, der krank ist oder den Körper, der scheitert.
Wie viel Improvisation lässt du in deinen Shows zu?
In den Proben ist viel Freiraum da. Ich arbeite sehr viel am Konzept, bevor Performerinnen in den Prozess kommen- und weiß dann schon einiges über das Stück. Die Performerinnen geben diesen Ideen dann Körper und Fleisch - und eine Million mehr Ideen! Je mehr ich mit gewissen Leuten arbeite, desto mehr individuelle Freiheit ist da, weil ich mich hundertprozentig auf sie verlasse und weil sie die Arbeit auch mitgestalten können. Es passiert häufig, dass ich einer Person sage, du bist dieser oder jener Charakter, now go and develop your material. Das ist ein wichtiger Bestandteil des Werks, es ist sehr kollektiv in dem Sinn.
Aber der Bühnenmoment selbst ist eine kontrollierte Situation?
Ja. Es geht um Sicherheit, aber auch darum, dass eine - manche Leute glauben es ja nicht - klare Dramaturgie da ist. Diese konstruieren wir aber auch so, dass sie uns manchmal vom Weg abbringt und Räume öffnet, wo komplette Anarchie passieren kann und auch das Publikum eingeladen ist, eine Rolle zu übernehmen, die wir nicht kontrollieren können. Freiheit für uns, Freiheit für das Publikum, das ist ein wichtiges Element.
Harbour Etude © Nayara Leite_courtesy of BergenKunsthall
In einem Podcast von Monopol ging es um deine Arbeit und deren Bezug zum Aktionismus, und die deutschen Journalistinnen meinten: “Mensch, die Österreicher sind schon recht krass.“ Stimmst du da zu?
Es ist ein bisschen das Klischee: „die Oargen, die sich nix scheissn“. Es mag daran liegen, dass Deutschland sich viel präziser an der eigenen Vergangenheit abgearbeitet hat. Daher gibt es mehr Skrupel, ein anderes Verantwortungsbewusstsein. In Österreich sind wir halt gut im Vertuschen und uns ein bisschen so aus der Affäre ziehen, aber andererseits…
… sind wir eben doch „krasser“??
... ist da mehr Rotzfreiheit! Es gibt eine gewisse Kultur. So war es nicht schwierig, meine Eltern anfangs in meine Shows zu bringen. Dass Leute Kacke ins Museum stellen, kannten die schon aus der Kulturgeschichte Österreichs.
Weil du gerade deine Eltern angesprochen hast, wie viel fließt aus deiner eigenen Biografie in dein Werk ein?
Vieles hat anekdotische und biografische Elemente, das ist essenziell für die Arbeit. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, Themen meiner Arbeit nahe an mich und die anderen Performerinnen heranzubringen, damit es sich für uns authentisch und essenziell anfühlt. Nur dann erfüllt die Arbeit für mich den Anspruch, wirklich politisch zu sein. Uns werden unendlich viele Geschichten erzählt über unsere Körper, Narrative, die uns stark beeinflusst haben, und das auch weiter tun. Und wir haben mindestens genauso viele neue Geschichten zu erzählen - und solange wir eine Bühne dafür bekommen, nutzen wir sie gerne und kompromisslos.
DISAPPEARING BERLIN, Étude for Disappearing © Silke Briel_courtesy Schinkel Pavillon
Du kommst rüber als jemand, der sehr bei sich ist. Ist das angelernt oder war das immer so?
Nein, das ist auch für mich ein on-going struggle. Aber ich versuche, sehr bewusst Entscheidungen zu treffen und mich nicht beeinflussen zu lassen. Wenn ich aber das Gefühl habe, dass durch die öffentliche Aufmerksamkeit eine Erwartungshaltung entsteht … Dann sind das Themen, die ich dann in der Arbeit selbst auch verarbeite.
Gibt es eigentlich ein Thema, das für dich tabu ist?
Meine Tabus beschränken sich eher auf hygienische Tabus, denke ich. Zum Beispiel auf die Bühne kacken und dann die Scheiße da länger liegen lassen.
Aber keine inhaltlichen? Die Gedanken müssen frei bleiben?
Ja, die Gedanken müssen frei sein, können frei sein. Alles ist möglich, wenn man sich genug Gedanken dazu macht, finde ich. Und wenn man gut vorbereitet ist.
Was für Pläne hast du für die Zukunft?
Gerade bin ich sehr mit Venedig beschäftigt. Aber für 2027 haben wir ein großes Bühnenprojekt geplant.
Worum wird es da gehen? Kannst du schon etwas sagen?
Es ist ein aufgeladenes Thema, wir schreiben derzeit an einem „War Requiem“. Nachdem die kulturellen Kürzungen, wie sie in Deutschland und Österreich passieren, im Zusammenhang mit einer gewissen Militarisierung stehen, blieb mir keine andere Wahl, als auch hier mal mit der Arbeit Stellung zu beziehen.
Text: Alexandra Markl