In the Studio

Marjatta Tapiola

Helsinki, Finnland

»Ich bin verdammt jung! Ich habe gerade erst angefangen, zu verstehen, was ich tue.«

Ein Besuch bei Marjatta Tapiola, eine der Hauptakteurinnen des finnischen Neoexpressionismus, in ihrer zwei Autostunden von Helsinki entfernt gelegenen Villa in Sysmä, ist eine Reise in die Vergangenheit. In ihrem Atelier, weit weg von der Außenwelt, in einem 400 Jahre alten Dreschhauskreiert Marjatta ihre monumentalen Gemälde, die von Grausamkeit und Fleischeslust erzählen und in jüngster Zeit zunehmend von biblischen Themen inspiriert sind. Trotz des luftigen Charakters und der leidenschaftlichen Farbwahl verleiht Tapiola ihren Arbeiten mit ihrem Pinselstrich und durch die meisterhafte Beherrschung der Linie den Hauch der alten Meister.

Marjatta, dein Studio sieht ziemlich kahl aus. Alles, was wir sehen können, sind weiße Wände und leere Leinwände.
Ich habe gerade eine Ausstellung in Helsinki beendet. Tatsächlich wurde sie erst letzten Sonntag abgebaut. Die Reaktionen waren gut, aber als alles vorbei war, habe ich mich extrem einsam und erschöpft gefühlt.

Deine erste Ausstellung war 1977, seitdem hast du eine etwa alle zwei Jahre. Du musst also zu einer bestimmten Routine in deiner Arbeitsweise gefunden haben?
Die Zeit vor einer Ausstellung ist für mich immer noch schrecklich. Ich arbeite direkt bis zur Ausstellung. Diesmal vergaß ich sogar ein Bild, das ich in letzter Minute im Studio fertiggestellt hatte, es war noch klatschnass, als es schließlich in der Galerie aufgehängt wurde. Glücklicherweise hatte ich nur zwei Nächte voller Alpträume kurz vor der Eröffnung. (lacht) Als ich jung war, hatte ich sie oft eine ganze Woche lang. Mittlerweile habe ich meine Routinen entwickelt. Ich schneide mir die Haare, reinige mein Gesicht, ziehe mir neue Kleider an. Ich kaufe mir sogar neue Stöckelschuhe. Es ist die komplette Arbeitsüberlastung! (lacht) Aber die Aufregung ist jedes Mal enorm.

Diesmal hast du neue Themen verarbeitet. Hat das deine Gedanken vor der ersten öffentlichen Präsentation deiner neuen Arbeiten beeinflusst?
Ich bin so schrecklich faul. Ich würde nie etwas malen, ohne dass es eine enorme Bedeutung für mich selbst hat. Ich würde nie einfach nur Gemälde produzieren, meine Bilder sind voll von großen, heiligen Ideen

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Wie würdest du die Entwicklung deiner künstlerischen Interessen beschreiben?
In den frühen Tagen - als du noch nicht einmal geboren wurdest - war ich fasziniert vom menschlichen Schädel. Eines Sommers brachte ich einen Haufen Schädelbilder in das Taidekeskus Salmela Art Center. Ich stand ganz allein da. Niemand wollte sich meine Bilder ansehen. Aber für ein paar Jahre habe ich sie noch gemalt. Du bleibst bei einem Thema und lebst eine Weile damit. Dann wechselte ich vom Malen der Lebenden zum Malen der Toten. Vor allem eine Arbeit, in dem ein Mädchen einen Mann umarmt, der sich erhängt hatte, war schwer zu malen. Ich wurde so deprimiert über die Dinge, die Menschen tun, dass ich begann stattdessen tote Tiere zu malen. Für mich fühlten sie sich menschlicher an als alles, wozu Menschen fähig waren.
Vor 30 Jahren fand ich den Schädel eines Hirsches, den mein Vater im Garten erschossen hatte. Seitdem habe ich viele Schädel als Geschenke erhalten. Ich habe Schädel von einem Pferd, einem Schwein, einer Kuh, einer Robbe, um nur einige zu nennen.

Du bist bekannt für deine mythologischen Kreaturen. Warum hast du sie in dein Repertoire aufgenommen?
Einige Kunstwerke entstehen aus wahnsinnigen Gründen oder aus bestimmten Situationen wie derjenigen, die ich um 2005 erlebte, als mir ein Kollege sagte, dass ich nicht von etwas anderem als einem Modell malen könne, was mich wirklich störte. Irgendwie wurde ich von dem Minotaurus und dem Zentaur aus der griechischen Mythologie inspiriert und fühlte ungeheure Freude daran, sie zu malen, eben weil sie mir klar machten, dass ich tatsächlich in der Lage bin, was auch immer ich möchte zu malen.

Welche Bedingungen schaffst du für dich selbst, wenn du malst?
Oftmals vertrödle ich Zeit, bis ich mit der Arbeit beginne, denn es braucht Zeit, um sich zu konzentrieren und alle Ablenkungen loszuwerden. Und es hilft, wenn meine finanzielle Situation stabil ist und ich nicht unerwartet in Schwierigkeiten gerate. Um mich zu konzentrieren, muss ich mir alles Schöne verkneifen, keine Partys! Es ist extrem schmerzhaft. Sechs Monate vor einer Ausstellung lebe ich in absoluter Einsamkeit.

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Niemand bekommt jemals einen Einblick?
Normalerweise lasse ich niemanden meine Arbeiten vor einer Ausstellung sehen, außer vielleicht einen sehr vertrauenswürdigen Kollegen oder einen Freund, was hilfreich sein kann, wenn ich mich irgendwann festgefahren fühle. Schon der Gedanke, jemanden zu bitten, einen Blick auf meine Arbeit zu werfen, kann mir die Augen öffnen, während es auf der anderen Seite auch verheerend sein kann, die Kunst mit jemandem zu teilen. Du bist so verletzlich, wenn du dir deiner Arbeit sicher bist, aber Kritik erhältst. Ich habe einmal ein Bild zerstört, weil ein Kollege es als rein ästhetisch kritisiert hat. Es war dumm, es zu zerstören, und schrecklich. Ich vermisse es. Alles, was ich noch habe, ist ein Foto davon. In diesem Sinne kann es gefährlich sein, jemanden von außen einen Blick auf deine entstehenden Arbeiten werfen zu lassen.

Du arbeitest nicht nur in einer ziemlich alten Umgebung, einem Dreschhaus aus dem 17. Jahrhundert, du malst auch mit Tempera, einer alten Farbmischung, die bis in die Antike zurückreicht.
Ich bin eine konservative Malerin. Niemand kann Plastik oder Kunststoffe in dieses Studio bringen. Ich vertraue den alten Meistern und mische meine Farbe genauso wie Caravaggio und Rembrandt ihre gemischt haben. Ich mische Öl, Ei, Harz und Wasser, um die Pigmente zu binden. Ich würde den jüngeren Künstlern die Temperamalerei empfehlen, um ihnen die Frustration über die technischen Grenzen synthetischer Farben zu ersparen. Sie erzeugen nicht den gleichen Schimmer, einen bestimmten Eindruck, bestimmte Farbtöne und Farbtiefen, wie sie mit der alten Technik erreicht werden können.

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Es gibt eine ganze Menge Blutspritzer, Tod und Brutalität in deinen neuen Arbeiten. Wie bist du dazu gekommen, biblische Themen zu verwenden?
In den letzten beiden Sommern bin ich nach Italien gereist. Dank meiner neuen Liebe wurde ich in die Kunst in Florenz, Rom, Venedig und Neapel eingeführt. Ich war tief berührt von den großen Meistern. Die wussten, was sie taten!  Der Anblick von Caravaggios Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus in Rom hat mich so tief beeindruckt, dass ich meine eigene Version davon gemalt habe. Dieses Bild markiert einen Neuanfang für mich. Ich interessiere mich sehr für religiöse Motive. Ich kann nicht sagen, was ich für die Zukunft im Kopf habe, aber die großen alten Meister haben mich definitiv inspiriert.

In diesen Bildern verwendest du leuchtendes Orange und Gelb, während du brutale Ereignisse aus der Bibel darstellen. Warum hast du dich für diesen Gegensatz entschieden?
Weißt du, Worte sind kein starkes Medium für jemanden, der sich für die visuelle Ausdrucksweise entschließen hat. Wenn du eine visuelle Person zwingst, sich mündlich auszudrücken, bekommst du eine schwerfällige, ungeschickte Antwort. Worte mindern manchmal die Dinge …

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Du folgst also deiner Intuition, wenn du arbeitest?
Ich folge dem Fluss. Wenn ich auf eine gute Arbeit aus bin, nehme ich instinktiv den richtigen Pinsel, wähle die richtige Farbe, das richtige Alles. Ich habe gelernt, mich, wenn ich einen Fehler gemacht habe, wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Aber wenn ich noch einen weiteren Fehler mache, dann ist es Zeit für eine Pause. Ich brauche wirklich die optimale Ausdauer, sowohl körperlich als auch geistig.

Welche Fehler können auftreten, wenn du nicht in der richtigen Verfassung zum Malen bist?
Ich kann eine falsche Linie erzeugen, eine Linie, die instabil oder zu locker ist, eine falsche Komposition, den falschen Rhythmus oder die falsche Art von Pinselstrich.

Was kann dich neben der Kunst begeistern?
Es gibt nur zwei Dinge, die mich wirklich begeistern: Arbeit und Leben. Im Moment bin ich sehr begierig darauf, neue Bilder zu machen. Zuletzt habe ich mich gefreut, in der Zeitung zu lesen, dass Sigrid Schauman (eine finnisch-schwedische Künstlerin des 20. Jahrhunderts) ihre erste Ausstellung im Alter von 86 Jahren hatte. Ich bin verdammt jung! Ich habe gerade erst angefangen, zu verstehen, was ich tue. Und ich habe das komische Gefühl, dass ich mir mit 67 endlich erlauben kann, alles zu malen.

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Ausstellungsansicht Galerie Forsblom Helsinki

Links: Johannes Edelläkävijän (Kastajan) mestaus II, Rechts: Johannes Edelläkävijän (Kastajan) mestaus I. Öl auf Leinwand

Ausstellungsansicht Galerie Forsblom Helsinki
Von links nach rechts: Damaskoksen tiellä, Judith ja Holofernes II, Judith ja Holofernes I, Öl auf Leinwand

Interview: Rasmus Kyllönen
Fotos: Paavo Lehtonen

Links:
Galerie Forsblom, Helsinki

#loveart, #marjattatapiola

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