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Pamela Rosenkranz, Zürich

In the Studio

»Kunst ist der Ort, an dem Denken und Fühlen zusammenkommen wie nirgendwo anders für mich.«

Die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz vereint in ihrem Werk Biologie, Technik und Kultur. Mit Skulpturen, Installationen oder Bildern geht sie Fragen wie dem Konflikt zwischen wissenschaftlicher Beschreibung und subjektivem Erleben oder der Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit nach. Rosenkranz bespielte etwa 2015 den Schweizer Pavillon bei der Biennale Venedig und die New Yorker High Line mit einer Baumskulptur im Jahr 2023.

Wie kamst du zur Kunst?
Ich habe schon immer sehr viel gezeichnet und gelesen. Zeichnen war für mich eine natürliche Tätigkeit, fast wie eine Form des Denkens. Gleichzeitig wusste ich lange gar nicht genau, was Kunst eigentlich ist: Das war kein klarer Beruf in meiner Vorstellung. Erst spät wurde mir bewusst, dass das, was ich mache, vielleicht eine Begabung ist.

Wie hast du die Kunstschule erlebt?
Ich habe mit dem Kunststudium sehr jung angefangen, gleich nach der Mittelschule. Es war großartig, plötzlich konnte man den ganzen Tag kreativ arbeiten und all das, was ich früher am Rande gemacht habe, war im Zentrum. Man konnte alle möglichen Materialien und Disziplinen ausprobieren. Das war eine wunderschöne Zeit. 

Was bedeutet deine Arbeit für dich?
Ich empfinde die Beschäftigung mit Kunst wie einen Fluss, ohne den ich stehen bleiben würde, der immer mehr zunimmt und auch weiterhin einfach immer nur wächst. Kunst ist für mich ein Feld, in dem man sehr grundlegende Fragen stellen kann: über den Menschen, seine Wahrnehmung, über unseren Körper, über Natur, über Technologie, die Zukunft. Ich bin wirklich zutiefst dankbar, dass ich Künstlerin sein darf.

Wie beginnst du eine Arbeit?
Ich tauche in die Themen meist aus den unterschiedlichsten Richtungen ein - sozial, wissenschaftlich, historisch, materiell, kulturell, oft im Ansatz aber auch sehr intuitiv. So verknüpft sich das Projekt immer mehr mit den zeitgenössischen menschlichen Fragen.

Ist Research essenziell für dich?
Ja, aber ich suche dort eigentlich keine Antworten - eher noch mehr Fragen. Ich mag Fragen sehr. Ich lese vieles online, wissenschaftliche Texte, Studien, spreche mit Forschenden. Das Internet ist eine unglaubliche Ressource von Erkenntnis. Gleichzeitig interessiert mich auch, was die digitale Welt physisch mit uns macht.

Du sagtest, dass du Fragen magst – welche interessieren dich besonders?
Ich mag sehr gerne spekulative und grosse, grundsätzliche Fragen. Wie in der Philosophie geht es in der Kunst nicht darum, recht zu haben und Beweise zu erstellen, sondern Möglichkeiten zu öffnen und Spannungen zu finden; zum Beispiel den Konflikt zwischen wissenschaftlicher Beschreibung und subjektivem Erleben. Wissenschaft kann unser Selbstverständnis nämlich auch erschüttern. Wenn die Neurowissenschaft zeigt, dass Identität kein fixer Kern, sondern ein Prozess ist, kann das befreiend, aber auch verstörend wirken.

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Worüber machst du dir noch Gedanken?
Über die Frage nach einer Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit. Ich bezweifle, dass diese Grenze so existiert. Eher ist alles eigentlich natürlich - auch das, was wir künstlich oder synthetisch nennen. Heute verstehen wir allmählich viel mehr, wie unsere “natürlichen” Körper schon durchdrungen von hormonaktiven Bestandteilen der synthetischen Chemie sind, die wir seit rund einem Jahrhundert in uns aufnehmen. In meinen Arbeiten versuche ich, solche Widersprüche sinnlich erfahrbar zu machen, etwa durch Pigmente, die an menschliche Haut erinnern, durch Flüssigkeiten, Gerüche, Licht oder AI-Technologie. 

Flüssigkeiten und Gerüche - das bringt uns zu deiner Arbeit Our Product, die du 2015 bei der Biennale Venedig präsentiertest. Damals fülltest du den Schweizer Pavillon mit einer hautfarbenen Flüssigkeit. Ging es um die Beschaffenheit dieses Organs?
Mich interessiert die Oberfläche des Menschen - die Haut als Membran zwischen Innen und Außen. Im Pavillon habe ich deshalb mit einer Flüssigkeit gearbeitet, deren Farbton an eine monochrome menschliche Haut erinnert, sowie mit einem Duft, der Vorstellungen von Unversehrtheit und Neubeginn hervorrufen sollte - konkret die Vorstellung eines unmittelbar geborenen Menschen, also eines Zustands, der noch nicht gezeichnet ist.

Wie kann man sich die Installation vorstellen?
Der Geruch strömte durch die Kanalisation in den Raum und verteilte sich je nach Temperatur und Luftbewegung unterschiedlich. Die Visitors begaben sich auf die Suche danach. Generell interessiert mich in solchen Arbeiten eine Gesamterfahrung von Umgebung, in die man unmerklich eintaucht. Geruch, Licht, Material und Farbe sprechen unterschiedliche Ebenen unserer Wahrnehmung an. Gerade Gerüche wirken neurologisch sehr stark, auch wenn wir sie sprachlich kaum fassen können.

Andererseits verwendetest du auch Wasserflaschen wie jene der Marke Fiji - was hat es damit auf sich?
Darin steckt ein ähnliches Interesse an Körpervorstellungen. Marken wie Fiji werben mit Ideen von Reinheit und Unberührtheit - „Untouched by Man“ oder „Uncompromised by the Air of the 21st Century“ sind ihre Slogans. Gleichzeitig wird das Wasser in Plastik abgefüllt, das wiederum doch bedenkliche Stoffe abgeben wird. In meinen Arbeiten ersetzte ich das Wasser durch eine Silikonmischung mit Pigmenten, deren Farbe an verschiedenste Töne der menschlichen Haut erinnert. Die monochrome Farbe wird zum quasi menschlichen Volumen, das die Flasche füllt und sich als Produkt kurzschließt.

Neben der Hautfarbe spielt bei dir auch die Farbe Blau immer wieder eine Rolle - ist es eine Reverenz an Yves Klein?
Blau interessiert mich weniger symbolisch als physikalisch und neurologisch. Unsere Augen sind evolutionär auf bestimmte Frequenzen eingestellt, und das blaue Licht von Screens beeinflusst unseren Hormonhaushalt und unseren Schlafrhythmus. Diese Wirkung habe ich etwa in dem Werk Alien Blue thematisiert. Meine Auseinandersetzung mit Yves Klein war dabei weniger mystisch als materiell - es ging mir um die Spannung, die eine Farbe als Medium biologisch erzeugen kann und auch die chemischen Stoffe im Zusammenhang mit seinem frühen Tod.

Eine andere Art der Spannung erzeugtest du mit der Schlange Healer - worum ging es da?
Die Schlange Healer ist eine andere Form, über die Beziehungen zwischen Natur und Technologie nachzudenken. Sie liest elektromagnetische Signale, die ihr Bewegungsmuster beeinflussen. Auch Besucherinnen und Besucher steuern beispielsweise mit ihren Mobiltelefonen gewissermaßen unbewusst mit. Mich interessiert dabei, wie Erwartungen im Kunstraum entstehen und wie Technologie und Instinkt ineinandergreifen.

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Auf den ersten Blick sehr künstlich schien auch die Skulptur Old Tree, ein riesiger pinkfarbener Baum, der 2023 auf der High Line in New York zu sehen war. Bei näherem Hinsehen stellte man jedoch fasziniert fest, dass er auch etwas sehr Natürliches hatte…
Auch hier setzt sich diese Ambivalenz fort. Old Tree fluoresziert pink-rot, und seine Äste erinnern an Blutbahnen oder Nerven, als wäre der Baum aus einem menschlichen Organismus gewachsen. 

Der Baum zog die Blicke auf sich, hatte etwas sehr Ästhetisches: Spielt Schönheit in deiner Arbeit eine Rolle?
Mich interessiert Schönheit sehr. Schönheit in Form der Reinheit ist aber eine sehr fragile und fragwürdige Konstellation. Ich glaube, dass Schönheit erst dann wirklich interessant wird, wenn sie nicht nur anzieht, sondern gleichzeitig auch etwas Irritierendes enthält. In dieser Spannung entsteht Distanz - und Reflexion.

Apropos Reflexion: Du interessierst dich für die Theorie des spekulativen Realismus, die vereinfacht besagt, dass die Realität unabhängig vom menschlichen Denken existiert. Was zieht dich an dem Gedanken an?
Ich beschäftige mich allgemein gerne mit spekulativem Wissen und interessiere mich für Theorien, die zeitgenössisches Denken miteinbeziehen. Mich beschäftigt dabei vor allem die Frage, was uns eigentlich menschlich macht - und wie Kunst uns dabei helfen kann, darüber nachzudenken.

Soll Kunst diese Fragen stellen?
Ja. Kunst sollte für mich große Fragen stellen, ohne vorschnelle Urteile zu fällen. Sie ist für mich der Ort, an dem Denken und Fühlen zusammenkommen wie nirgendwo anders.

Was inspiriert dich?
Meine Inspirationen sind für mich weniger einzelne Bilder oder „Vorlagen“, sondern eher Begegnungen und Spannungen - mit Menschen, mit Materialien, Begriffen, manchmal auch mit sehr konkreten Situationen, in denen plötzlich etwas kippt und sich ein Gefühl oder Gedanke zeigt, der mir noch unbekannt schient.

Du hast in New York Louise Bourgeois getroffen, wie war diese Begegnung?
Das war eine unglaubliche Begegnung. Sie war schon sehr alt, ich glaube 95. Ich hatte das Gefühl, dass sie geradezu oszillierte, weil sie geistig noch so angeregt und präsent war, ihr Körper aber schon so zart und gebrechlich schien und gefühlsmässig der Generation von Picasso angehörte. Ich war so dankbar, sie kennen zu lernen, hatte gerade mein Studium beendet und sie war schon lange eine meiner Heldinnen. Als sie meine Arbeiten anschaute, sagte sie zu mir, immer wieder, ich solle mich nicht so ernst nehmen, war aber gleichzeitig beeindruckt, dass ich mich so ernst zu nehmen schien. Sie war so aufmerksam und irgendwie liebevoll, auch wenn sie gleichzeitig fordernd war. Es war so intensiv und erschien mir wie nochmal ein ganzes Kunststudium, obschon es nur etwa drei Stunden dauerte. 

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Was hast du aus daraus gelernt?
Diese Mischung aus Intimität und harter Klarheit habe ich durch Louise auch in mir selbst entdeckt. Es braucht viel Mut, sich seiner eigenen Verletzlichkeit zu stellen. Dies macht uns aber auch zutiefst menschlich und das ist, was Kunst für mich schlussendlich ist: Sie ist zutiefst menschlich und kann uns zeigen, wer wir sind. Sehr wichtig war für mich natürlich auch Meret Oppenheim. Ihre Kunst, und da allen voran natürlich die Pelztasse, ist ein Werk, das sich unmittelbar einschreibt - bevor man es überhaupt „verstanden“ hat. Es ist sinnlich, komisch, irritierend, und es erzeugt sofort eine Spannung zwischen Anziehung und Abwehr, zwischen Objekt und Körper, zwischen Einverleibung und Ekel. Diese Art von sensibler Störung interessiert mich sehr, gerade weil sie nicht laut sein muss, um stark zu wirken.

Braucht es diese „Störung“ in der Kunst?
Ich frage mich, warum Kunst uns überhaupt bewegt - nicht nur kunsthistorisch, sondern auch neurologisch. Mich fasziniert, was „unter die Haut“ geht: Gerüche, Oberflächen, Licht, Bilderkennung, kleine molekulare Prozesse, die wir kaum bewusst wahrnehmen, die aber Verhalten und Empfinden stark beeinflussen können. In frühen Arbeiten bin ich sehr körperlich mit Material umgegangen, weil mich genau diese Schnittstelle zwischen Innen und Außen interessiert: Was bleibt sichtbar, wenn etwas den Körper durchläuft oder wenn ein Stoff zum Träger von Bedeutung wird?

Apropos Stoff: Welche Materialien schätzt du?
Oft inspirieren mich alltägliche Materialien und Gegenstände: Kunststoffe, synthetische Pigmente, Silikon, Gerüche, Konsumprodukte. Nicht, weil ich sie einfach kommentieren möchte, sondern weil sie unsere Lebenswelt tatsächlich formen - atmosphärisch, aber auch biologisch, körperlich. Vielleicht könnte man sagen: Ich versuche, einen dringlicheren Blick auf Dinge zu werfen, die wir längst als neutral akzeptiert haben.

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Was sind deine aktuellen Projekte?
Im Moment arbeite ich an mehreren Werken, die mein Interesse an künstlichem Leben und emotionaler Simulation weiterführen. Dazu gehören neue robotische Arbeiten ebenso wie großformatige skulpturale Installationen. Parallel dazu entwickle ich Werke für kommende Ausstellungen und forsche weiter an Materialien, die körperliche Prozesse wie Tränen, Hormone oder hautähnliche Oberflächen evozieren können. Auch Arbeiten mit KI-generierter Bildproduktion, Animation und reaktiven Umgebungen spielen dabei eine zunehmende Rolle.

Wie kann man sich das vorstellen?
Ein Schwerpunkt ist eine neue Generation der Healer Scrolls. In diesen Arbeiten verbinde ich Formen der AI-Bildgenerierung mit einem sehr physischen, scheinbar alchemistischen Malprozess. Die Bilder beginnen häufig mit Prompting von traumartigen Szenen - etwa nur scheinbar real wirkender, aber vermenschlichter Tiere, die mit Nahrung oder Sprache interagieren - und werden anschließend in membranartige Gemälde übersetzt, die ich dann bemale. Die Oberflächen sind wie Hautzellen oder Codes strukturiert. Mich interessiert dabei, wie algorithmische Bildproduktion, archaische Symbolik und eine sehr materielle Malerei in einem einzigen Objekt zusammenkommen können.

Denkst du auch Werke weiter, die du schon präsentiert hast?
Ja, ich setze auch meine Arbeit mit der Roboterschlange Healer fort. Für New Humans: Memories oft the Future, die Show zur Neueröffnung des New Museum in New York, wurde eine neue Version mit dem Titel Healer (Skies) entwickelt. Die Schlange besitzt eine schimmernd blaue Haut, die diesmal von Hand bemalt ist, und ihr Verhalten wird von elektrischem Rauschen beeinflusst.

Wie bewegt sie sich?
Die Signale modulieren ihre Bewegungen subtil und erzeugen eine Form von Verhalten, die zwischen Instinkt und Technologie oszilliert. Die Arbeit knüpft an meine langjährige Auseinandersetzung mit der Schlange als einem der ältesten Symbole der Menschheit an. In der robotischen Form treffen biologische Archetypen, mythologische Bedeutungen und zeitgenössische Technologie aufeinander und erzeugen ein Objekt, das gleichzeitig archaisch und futuristisch wirkt.

Arbeitest du auch an größeren Installationen?
Ich arbeite seit Old Tree an Außen-Skulpturen. Eine weitere Baumarbeit entsteht derzeit für die Insel San Giacomo in Venedig für die Fondazione Sandretto Re Rebaudengo. Wie ein hybrider Körper - zugleich natürlich gewachsen und technisch produziert - scheint der Baum über die die Insel umgebende Mauer steigen zu wollen und leuchtet aus der Ferne über die Lagune.

Text: Alexandra Markl
Photo: Théa Giglio

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