In the Studio

Regine Schumann

Köln, Deutschland

„Nichts, was wir haben oder machen, hat nur ein ‚Gesicht‘. Der Reichtum besteht gerade darin, dass es viele Facetten gibt, die es zu erkennen gilt.“

Die in Köln lebende Regine Schumann schafft Lichtobjekte aus Acrylglas, die leuchten, sobald ihnen Lichtenergie zugefügt wird. Bei ihr ist Kunst kein Spektakel. Es geht Schumann vielmehr um deren positive und meditative Wirkung auf den Menschen. Wir sprachen mit ihr über ihren verschlungenen Weg zur Kunst, ihre aktuellen Projekte und über die Notwendigkeit, künstlerisch immer bei sich zu bleiben.

Regine, wie bist du zur Lichtkunst gekommen?
Durch Zufall! Ich bin bei einem Besuch des Malers Ingo Meller auf das Material Acrylglas gestoßen. Er hatte eine Musterkette aus Plexiglas auf seinem Tisch liegen, die mich sofort interessiert hat. Ich habe damit gespielt, die Gläser hintereinandergereiht und gemerkt, was ich mit diesem Material erreichen kann. Ich habe gelernt, dass ich mit industriellem Material „malerisch“ arbeiten kann. Die ersten Werke hießen „Doppelblende“ (1998). Durch die Lochfräsungen in den Platten ergab sich eine dritte, manchmal vierte Farbigkeit. Es folgten weitere flächige Arbeiten mit mehreren aneinandergereihten Platten, die sich farblich je nach der Perspektive, aus der man sie wahrnimmt, verändern.

War für dich sofort klar, dass das Acrylglas „dein“ Material ist?
Ja, schon. Ich habe zwar gemerkt, dass ich den malerischen Prozess als Vorgang selbst vermisse, aber auch, dass ich mit solch einem Material auf ganz andere Ideen und Lösungen komme. Fluoreszierendes Acrylglas schafft eine magische Anziehungskraft, ich kann damit Farbe spüren.

Wusstest du schon immer, dass du Künstlerin werden wolltest?
Als Kind schon wollte ich unbedingt Künstlerin werden. Ich war sehr oft mit meinem Vater unterwegs, und wir haben uns die moderne Architektur der 60er-Jahre angeschaut. Von ihm habe ich gelernt, was es bedeutet, „in Räume hineinzugehen“. Aus reinen Vernunftgründen habe ich zunächst eine kaufmännische Ausbildung machen müssen. Nach der Ausbildung und mit dem frühen Tod meines Vaters wuchs der Wunsch, das zu machen, was ich wirklich wollte: Kunst studieren, egal, ob ich damit Geld verdiene oder nicht. Es ging darum, herauszufinden, was in mir ruht, aber unbedingt nach außen will. Ich habe angefangen, an der HBK Braunschweig zu studieren, eine sehr prägende Zeit

Du hast Malerei studiert, heute arbeitest du mit Licht. Wie kam es zu dem Wechsel?
Die Malerei stand am Anfang meiner künstlerischen Ausbildung im Vordergrund. An der HBK wurde eine Malerei gelehrt, die sehr figurativ und schwer war. Ich dagegen liebte Matisse und fand es faszinierend, wie einfach er eine Traumkomposition geschaffen hat, mit drei Farbflächen übereinander. Das entsprach nicht den Lehrvorgaben meiner Professoren, aber meinen eigenen. Ein „richtig“ oder „falsch“ war für mich nicht ausreichend. Mit des Professors: „Das muss so sein!“, wollte ich mich nicht zufriedengeben – ich finde, in der Kunst muss gar nichts „so sein“. Es ist alles offen, es hängt davon ab, was man will oder was die richtige Form für die richtige Idee ist. Dann entdeckte ich Rupprecht Geiger. Der hatte in meinen Augen etwas geschaffen, das meinem inneren Bedürfnis absolut entsprach: Farbe, die eine intensive und hohe Strahlkraft entwickelt und sich zugleich in einer ruhigen Formensprache bewegt. Da merkte ich, dass es nicht möglich war, dem noch etwas Ergänzendes hinzuzufügen. Das ist so gut, da brauchte ich nicht weiterzudenken. Über seine Kunst lernte ich dann die ganz großen Lichtkünstler kennen.

An wen denkst du da?
Da denke ich natürlich an James Turrell, aber auch an Keith Sonnier oder Robert Irwin. Diese Künstler lernte ich relativ früh über Michael Schwarz kennen, der Dekan der HBK war und auch Kunstgeschichte an der Hochschule unterrichtet hat.

Du bist 1989 mit einem DAAD-Stipendium nach Rom gegangen und hast dort die Freskotechnik erlernt. Was veränderte sich in deiner künstlerischen Arbeit nach deinem Italienaufenthalt?
Ich liebte meine Pinsel, die Ölfarben, den Geruch, einfach alles und hätte wirklich nicht geglaubt, dass ich je in der Form arbeiten würde, wie ich es heute tue. Aber ich suchte noch immer „meinen Weg“. Die Restauratorin Cinzia Milana, die am Vatikan gearbeitet hatte, brachte mir die Freskotechnik bei. Die Arbeit im Raum hat mich fasziniert, aber es fehlte etwas. Ich bin durch Rom gelaufen, durch die Straßen, wo es ganz viele Stoffläden gibt, und habe in einem Laden fluoreszierenden orangefarbenen Bikinistoff auf einer Rolle entdeckt. Ich war von dem Material begeistert und kaufte die ganze Rolle, ohne eine klare Vorstellung davon gehabt zu haben, was ich damit machen könnte.

Und wozu hast du dann den Bikinistoff verwendet?
Ich war zu einer Ausstellung in den Wasserturm in Vlissingen eingeladen, in dem es nur einen Raum zur Bespielung gab: Ich habe den Bikinistoff genommen, mit einem Reißverschluss versehen und ihn über die vorhandenen Säulenpaare im Raum gespannt. Mit einem weichen Material kann man Räume enorm verändern ebenso wie mit Farbe. Die Arbeit mit leuchtenden, elastischen Stoffen hat ganz viele elementare Fragen für mich beantwortet. Die Acrylglasmuster im Atelier von Ingo Meller waren der nächste Schritt.

Regine Schumann 06

Wie läuft dein Arbeitsprozess heute genau ab?
Meine Arbeit beginnt mit einem klassischen Skizzenbuch, mit ganz kleinen Zeichnungen, auf denen ich meine Ideen festhalte. Dann nehme ich mir Musterplatten und probiere aus, welche Konstellationen welche Lichtwirkung erzielen, passend zu meiner Skizze. Es folgt eine Auftragsskizze für die Produktion der Platten, und in einer Kunststoff verarbeitenden Firma werden dann die Farbplatten nach Vorgabe per Laser geschnitten, zusammengesetzt und poliert. Im Atelier werden sie gehängt, und ich prüfe unter verschiedenen Lichteinstrahlungen, ob sie die Farb- und Lichtwirkung haben, die ich erreichen wollte. Und obschon manche Arbeiten bis zu 140 Kilo wiegen können, ist es sehr wichtig, dass sie leicht wirken.

Du verwendest in deinen Werken farbiges und fluoreszierendes Acrylglas. Sobald man diesem Werkstoff Energie in Form von Licht zuführt, beginnt er zu leuchten. Wie genau funktioniert das?
Fluoreszierendes Pigment hat immer die Eigenschaft, aus sich selbst heraus zu leuchten. Es ist ein industriell hergestelltes Produkt, das in transparentes Acryl eingegossen wird. Die Acryl- und Pigmentkörner werden zusammengemischt und als zähe Flüssigkeit auf eine Metallplatte geschüttet. Durch den Sauerstoffanteil erhärtet das Material zu Platten. Die Fluoreszenz tritt dann, wie bei einer Glasplatte, insbesondere an den Kanten in Erscheinung. Je nachdem, wie viele Anteile an fluoreszierenden Elementen im Herstellungsprozess verwendet wurden, desto stärker leuchtet auch die Fläche der Platten. Je nach Lichtart strahlt die Fluoreszenz anders. Durch die blauen Lichtquellen von Schwarzlicht wird sie besonders intensiv aktiviert.

In welchem Licht magst du deine Arbeiten am liebsten?
Das hängt sehr vom Raum ab. Wenn es ein durch Tageslicht durchfluteter Raum ist, würde ich nicht auf die Idee kommen, diesen abzudunkeln, um meine Arbeiten mit Schwarzlicht zu zeigen. Am spannendsten ist für mich der Wandlungsprozess. Im Schwarzlicht wirken meine Werke natürlich ziemlich spektakulär. Das Besondere liegt auch in den vielen Ebenen, die sich in den Objekten widerspiegeln, ohne dass sie dabei eine Unruhe ausstrahlen, sondern ganz im Gegenteil eine gewisse Ruhe und Stabilität in den Raum hineinprojizieren.

Wie grenzt du dich von anderen Lichtkünstlern wie Jenny Holzer, James Turrell oder Ólafur Elíasson ab?
Bei einem Raum von James Turrell oder Keith Sonnier bleibt das Licht statisch. Man betritt einen Raum und die Wirkung ist, ähnlich wie bei Malerei, dass sich das Werk selbst nicht verändert. Es ist in dieser einen Situation erfasst. Jenny Holzer hat immer auch eine politische Botschaft, das ist bei meiner Arbeit nicht der Fall

Gibt es trotzdem etwas, das du mit deinen Werken vermitteln willst?
Durchaus. Nichts, was wir haben oder machen, hat nur ein Gesicht. Der Reichtum besteht gerade darin, dass es viele Facetten gibt, die es zu erkennen gilt. Ich möchte, dass man sich vor meinen Werken ein Stück weit selbst erkennt und frei fühlt. Wenn ich das Licht auf die Arbeit verändere, sodass der ganze Raum zum Beispiel von pinkfarbenem Licht durchflutet wird, dann macht das etwas mit mir als Betrachterin. Es ist eine faszinierende Erfahrung, zuzulassen, dass man selbst von äußerlichen Licht- und Farbeinwirkungen verändert wird. Das ist es, was ich erreichen möchte: der Realität Elemente der Schönheit und Reinheit gegenüberzusetzen. Viele Menschen, die meine Kunst besitzen, sagen auch noch nach Jahren: „Deine Kunst tut uns gut!“ Das finde ich einen sehr schönen Satz, und es ist für mich als Statement ganz wichtig und der rote Faden, der mein Werk durchzieht.

Ist es dir schwergefallen, dich mit deiner positiven und der Welt zugewandten künstlerischen Position gegenüber einer oft coolen und abweisenden Kunstszene zu behaupten?
Nein, es ist mir nicht schwergefallen, nur war ich damit ziemlich alleine. In den 80er-Jahren war alles, was Schönheit besaß oder vermittelte, ein „No-Go“. Ich habe mich immer gefragt, warum ich als ernstzunehmende Künstlerin nur so oder so zu sein hatte und arbeiten durfte und warum Kunst nicht schön sein darf? Ich habe es als eine meiner Aufgaben angesehen, diese Vorstellung zu durchbrechen. Heute ist das Kunstverständnis offener. Es darf in der Kunst nichts Eingrenzendes geben.

Es gibt ganz offenkundige Bezüge deiner Kunst zu Farbfeldmalern des Abstrakten Expressionismus wie Mark Rothko, Ad Reinhardt oder Barnett Newman. Wie würdest du deine Arbeit kunsthistorisch verorten?
Diese Maler und ihre Kunst haben mich sehr beeinflusst. Ihre Arbeiten waren für mich aufgrund ihrer Radikalität, ihrer Größe und ihrer Klarheit wichtig – die kommen meinem inneren Bedürfnis unglaublich nahe. Eine Klarheit der Form gibt der Farbe enormen Raum. Ich habe viele ihrer Originale gesehen, auch die Rothko Chapel in Houston, Texas. Als ich dort hineinging, empfand ich die Bilder zunächst als sehr dunkel. Erst mit der Zeit wurden sie immer farbiger. Das war ein unglaubliches und inspirierendes Erlebnis. Ich schätze Rothkos Kunst sehr, da gibt es etwas Metaphysisches, eine Atmosphäre, man steht vor dem Bild und sinkt in es hinein.

Du bist international sehr erfolgreich mit deiner Kunst, arbeitest mit internationalen Galerien zusammen. Beeinflusst dich der Kunstmarkt in deinem künstlerischen Schaffen?
Ich reagiere mehr als allergisch auf Kommentare wie: „Regine, diese oder jene Arbeit läuft im Verkauf gut, mach doch da mal noch fünf weitere davon!“ Ich verweigere mich solchen Anfragen. Ich experimentiere mit dem, was mich interessiert, und nicht, was der Markt möchte. Man muss als Künstler immer versuchen, bei sich zu bleiben. Die Gratwanderung ist nicht einfach, aber wenn man sich am Markt orientiert und im schlimmsten Fall nur noch auf Wunsch irgendetwas produziert, dann verliert man seinen inneren Faden, und meine Arbeit würde zu einem Designprodukt werden, das beliebig reproduzierbar ist.

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Wie verortest du deine Kunst in der Gegenwart?

Es ist für mich absolut wichtig, mit einem Material zu arbeiten, das mir meine Gegenwart anbietet. Jedes Zeitfenster bietet eine neue Perspektive. Wenn ich heute Kunst mache, bin ich „jetzt“ da. Ich empfinde das auch als meine Aufgabe. Was kann ich mit den Dingen „heute“ machen? Und wie wirkt sie auf die Menschen heute? Durch das malerische Gefühl und das Erlebnis werden die Betrachter zum Bestandteil meines Kunstwerks, ihre Wirklichkeit und ihre Gegenwart verändern sich.
 
An welchen aktuellen künstlerischen Fragestellungen arbeitest du gerade?
Ich habe begonnen, mit meinen Werken eine Art Lichtkomposition zu schaffen, wie sie z. B. in der Ausstellung Goethe. Verwandlung der Welt in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen war. Du sitzt vor meinen Arbeiten und siehst, dass das, was gerade noch Rot war, sich zu einem Orange-Rot und das, was Blau war, zu einem Violett verändert, fließend und ganz langsam. Bisher habe ich in den Ausstellungen das Schwarzlicht erst, wenn es dunkel wurde, zugeschaltet. In der Ausstellung bei Judith Andreae in Bonn bin ich einen Schritt weitergegangen und habe die Arbeiten einzeln, wie bei einem Musikstück, mit einem Mischpult beleuchtet. Das darf auch mal in den Augen wehtun, wenn das Licht ganz schnell hintereinandergeschaltet wechselt, fast wie bei einem Stroboskop. An diesem aktiven neuen Prozess werde ich weitermachen. Außerdem arbeite ich an der Kombination von Acrylglas mit Fell. Diese Werke zeige ich aber erst, wenn ich mit dem Ergebnis wirklich zufrieden bin.

Siehst du dich selbst als Bildhauerin oder als Lichtkünstlerin?
Ich habe Schwierigkeiten mit solchen eingrenzenden Schubladen. Immer dann, wenn ich mehr über eine Kategorie nachdenke, rutsche ich wieder in eine andere rein. So war das auch mit der Malerei: Über die Malerei bin ich zur Lichtkunst gekommen und durch meine Objekte zu Fragestellungen der klassischen Bildhauerei. Für mich gehört das alles zusammen. Meist sehen mich die Menschen als Lichtkünstlerin und stoßen damit aber an Grenzen. Ich selbst mag mich gar nicht in solche Kategorien einordnen. Das betrifft auch die Frage, wo ich mal hinwill. Ich bin jetzt 58 und eben nicht mehr 30 – ich habe viel gelöst, aber ich habe trotzdem immer noch das Gefühl, dass ich noch am Anfang bin!

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Installatiosansicht: Regine Schumann, colormirror, Dep Art Gallery, Milan 2018
Courtesy: Die Künstlerin und Dep Art Gallery, Milan Foto: Alessandra Ianniello

Installationsansicht: Studio Regine Schumann, Köln 2019; Courtesy: Die Künstlerin
Foto: Eberhard Weible

Installationsansicht: Regine Schumann, feel color, Galerie Judith Andreae, Bonn 2019
Courtesy: Die Künstlerin und Galerie Judith Andreae Foto: Ben Hermanni

Installationsansicht: Studio Regine Schumann, Köln 2019; Courtesy: Die Künstlerin
Foto: Eberhard Weibl

Installationsansicht: Vanhaerents Art Collection, Bruxelles 2019; Courtesy: Vanhaerents Art Collection, Bruxelles 2019
Foto: Joost Vanhaerents

Installationsansicht:¡DARK! + Dark II (two, too), Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna 2015
Courtesy: Die Künstlerin und Zentrum für Internationale Lichtkunst, Unna 2015
Foto: Frank Vinken

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