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Soli Kiani, Wien

In the Studio

»Es geht um das Einschnüren von Körper und Geist.«

Soli Kiani wurde im iranischen Shiraz geboren und lebt seit 2000 in Wien, wo sie an der Universität für Angewandte Kunst studierte. Sie arbeitet in den unterschiedlichsten Medien wie Fotografie, Malerei oder Skulptur. Gleich bleibt jedoch ihre Position, mit der die Künstlerin westlichen Betrachter:innen einen einzigartigen Blick in die patriarchalische Gesellschaft ihrer Herkunft gewährt. 

Soli, wie bist du zur Kunst gekommen?
Seit ich mich erinnern kann, zeichne ich. Aber als Jugendliche wagte ich nicht, meinen Berufswunsch Künstlerin zu äußern, da es für meine Eltern kein ernstzunehmender Beruf war. 

Wie kamst du nach Wien?
Erstmals mit 19; nach fünf Jahren ging ich nochmal in den Iran zurück. Schließlich entschied ich mich für ein Studium in Österreich und studierte an der Universität für angewandte Kunst in Wien. 

Womit hast du dich beworben?
Damals betrieb ich eigentlich viel gegenständliche, fast fotorealistische Malerei. Im dritten oder vierten Semester des Studiums landete ich jedoch im Abstrakten, malte mit Öl und Acryl, experimentierte auch mit Grafik…  Damals entstanden fast reliefartige Bilder.

Und heute?
Heute ist meine Arbeit konzeptueller; es geht mir mehr um die Message, um das Politisch-Kritische. 

1 Soli Kani Maximilian Pramatarov

Wann fingst du an, dich in deiner Arbeit politisch auszudrücken?
Bei uns zu Hause wurde viel politisiert. Allerdings wollte mein Vater, dass wir uns von der Politik fernhalten, da mein Onkel nach der Machtübernahme der Mullahs in den 1980er Jahren aus politischen Gründen hingerichtet wurde. Als Künstlerin habe ich diese Vorgänge erst viel später reflektiert. 

Wie kam das?
Nach meinem Abschluss 2012 und den ersten Ausstellungen hatte ich irgendwie das Gefühl, mich in einem Hamsterrad zu befinden. So pausierte ich handwerklich völlig während ein paar Monaten, um 2015, 2016. Dafür las ich sehr viele Bücher über die Geschichte des Irans.

War es eine schwierige Entscheidung, sich aus dem Arbeitsprozess rauszunehmen?
Ich hatte eben das Gefühl, künstlerisch nicht weiterzukommen, und das machte mich nicht glücklich. Ich brauchte räumliche und zeitliche Distanz für meine Entwicklung, um die Dinge kritischer sehen zu können; zu lange war ich einfach Teil des Systems im Iran gewesen. Heute bin ich froh, dass ich das mache, was ich mache, und weiß, wovon ich rede.

4 CA Soli Kani Maximilian Pramatarov

Der kritische Umgang mit der eigenen Heimat – und damit mit der eigenen Familie - ist sicher ein schwieriger Prozess…
Wenn du in einem isolierten Land aufwächst, in dem staatliche Gewalt ausgeübt wird und ein Klima der Angst herrscht, in einem Land, das Mitglieder deiner Familie hingerichtet hat - was macht das mit deiner Familie? Ich brauchte Zeit, um mir darüber klarzuwerden. Ich denke auch, dass ich mit Kritik in meinen Arbeiten und auch in Interviews mit der Zeit immer mutiger wurde. Aber es ist schwierig, denn wenn ich den Iran kritisiere, kritisiere ich damit auch irgendwie meine Wurzeln oder ein Teil von mir. Dafür brauche ich den Mut; denn in einem freien Land wie Österreich politisch kritisch zu arbeiten, ist leicht.

2018 warst du das letzte Mal im Iran, also lange vor den Protesten um Mahsa Amini vier Jahre später. Und doch hast du bereits 2017 folgendes Fotoportrait geschaffen: Um deinen Hals ist eine Kette aus Sicherheitsnadeln gewickelt, an der du mit einer Hand anziehst. Es ist fast unheimlich, wie die Realität deine Arbeit einholte…
Ja, das Motiv aus 2017 wiederholte ich nach dem Ausbrauch der „Woman Life Freedom“ Bewegung; es passte leider so gut. Aber in Wahrheit ist das ein Thema, das sich natürlich schon viel länger durchzieht, durch mein Land und durch meine Arbeit.

Wie ist dein Arbeitsprozess?
Ich bin sehr experimentell unterwegs: Ich habe eine Idee und probiere, sie umzusetzen. Manche Ideen funktionieren, manche nicht, manche entwickeln sich in eine andere Richtung - ich bin da offen. Ich habe eigentlich für bestimmte Medien bestimmte Ideen.

Zu den Skulpturen: Hier wickelst du Stoff um eine Struktur, versteifst ihn mit Leim und bemalst das Objekt. Geht es da auch um Malerei?
Manche Skulpturen bemale ich zwar zum Schluss mit dem Pinsel, aber es ist anders als Malerei, denn die Skulpturen sind physisch anstrengend! Auf einer Seite kann ich mit dem Material vieles machen, auf der anderen Seite jedoch nicht alle Formen verwirklichen. Übrigens verwende ich denselben Stoff auch für meine Leinwände. Manchmal verwende ich statt Stoff auch Seil, das der Skulptur einen dichteren, festeren Charakter gibt. 

Wie bist du auf die Verwendung von Seil gekommen?
Seile werden im Iran für Hinrichtungen verwendet.

Das Material kommt also aus deiner Geschichte?
Genau. Das erste Mal, als ich mit Seilen arbeitete, ließ ich sie in einer Installation von der Decke hängen. Später wollte ich, dass sie selbstständig stehen und kam so zu den Betonsockeln, um die sich die Seile winden. Die Unterkonstruktion der Sockel bestelle ich im Heimwerkermarkt und überziehe sie mit Beton - ich habe eine kleine Betonmischmaschine. 

Deine Stoff-und Seilskulpturen wirken fast menschlich, als verschleierten sie eine Person:  Haben deine Darstellungen etwas mit der Burka oder dem Tschador zu tun?
Ja natürlich! Es geht um das Gefühl des Eingesperrtseins, um das Einschnüren von Körper und Geist. Die Stoff- oder Seilelemente wirken aber gleichzeitig wie Haare, wie stilisierte Zöpfe. Im Iran werden Menschen, die ihre Haare zeigen, eingesperrt, ausgepeitscht oder Schlimmeres.  Dann verwende ich auch Gitterformen in den Skulpturen; denn Gitter symbolisiert wiederum Gefängnis, einsperren, isolieren. Die Skulpturen sollen natürlich auch abstrakt funktionieren, aber einschnüren, einengen ist ein wichtiges Thema. 

Auf manchen Skulpturen sieht man Zeichnungen auf dem Betonteil, wie kommt das?
Ich mag nicht in Schubladen gesteckt werden; ich bin Malerin /Fotografin/ Bildhauerin. Manche Fotos von mir wirken auf den ersten Blick wie Zeichnungen… Und so greift das eine in das andere über, und ich kann die Zeichnung mit der Skulptur vermischen. 

Von den Skulpturen zur Fotografie: Du fotografierst analog?
Ja; ich finde es spannend, wenn ich nicht gleich sehe, wie das Bild wird. Ich mag die Aufregung, bis ich die Negative habe (lacht)! Ich mag auch diese Punkte, die du beim Vergrößern siehst, damit spiele ich in einigen Fotografien. Ich beziehe mich oft auf den Piktorialismus, auf die weiche Linie; da beeindruckte mich eine Ausstellung von Francesca Woodman vor langer Zeit sehr. Gerade dieses nicht perfekte Fotografieren fand ich interessant.

Es geht dir mehr um den Inhalt als um die perfekte Form? 
Ich glaube, nichts ist perfekt. Ich bin es nicht und meine Kunstwerke auch nicht. Ich glaube generell, dass man in der Kunst an einem Werk immer weiterarbeiten kann aber als Künstler:in, sollte man wissen, wann man aufhört.

Musst du dich also zwingen, von deinen Arbeiten wegzugehen?
Wenn ich die Stoffskulpturen oben schließe, kann ich ohnehin nichts mehr ändern. Aber die Skulptur muss von allen Seiten für mich funktionieren. Ich möchte, dass sie eine abstrakte Form bilden, aber sie sollen gleichzeitig einen Wesenscharakter haben. Vor allem die Seilskulpturen! So fing ich vor ein paar Jahren an, sie nach den Vornamen den Menschen zu benennen, die sich im Iran für Menschenrechte einsetzten und deshalb hingerichtet oder eingesperrt wurden. Damit jemand nach ihren Geschichten fragt!

Diesen Gedanken führst du fort, oder?
Ja. In eine Skulptur, die ich 2023 fertigstellte, gravierte ich das Datum und die Zahl der bis dahin im Iran hingerichteten Menschen in den Betonsockel. Die Zahlen alleine wird niemand verstehen. Aber wenn Menschen fragen, was das bedeutet, ist es der Anfang eine Konversation. Und nicht mehr nur eine abstrakte Skulptur, die im Raum steht.

Siehst du dich damit als die Chronistin deines Landes im Ausland? 
Es ist interessant, dass du das ansprichst; bei gewissen Arbeiten habe ich das Gefühl, dass sie fast dokumentarisch sind. Aber der Grund, warum ich das mache, ist Sichtbarkeit und Aufklärung. Meine Kunst ist vielleicht mehr für Menschen in westlichen Ländern gemacht, weil die IranerInnen zu Hause Unterdrückung kennen, für sie ist das nichts Neues. Ich habe mittlerweile oft von Menschen im Iran gehört, dass sie wollen, dass man diese Dinge zeigt. Mir geht es um Menschenrechte. Aber für Menschen, die sich nicht mit der Geschichte des Irans oder der aktuellen Situation auseinandersetzen, sind diese Geschehnisse abstrakt. Man kennt leider nur Bilder aus den Nachrichten…

Oder Social Media?
Einer der wenigen Vorteile von Social Media ist die Propagierung des Protestes, der
zeitgleich sichtbar wird. Das ist der Grund, warum die Machthaber jedes Mal, wenn es größere Proteste gibt, das Internet abschalten. Damit sie Massaker begehen, mehr Menschen umbringen können; und sie glauben, dass das nicht rauskommt. 

Die Situation im Iran ist der Kontext für deine Arbeiten; findest du eigentlich generell Erklärungen zu Kunstwerken wichtig?
Ich glaube, die besten Arbeiten sind die, die auch ohne Text funktionieren. Aber mir ist bewusst, dass das nicht immer geht. Generell finde ich, dass man Kunst immer mit Kontext anschauen soll. Aber was zum Beispiel mein Foto mit den Sicherheitsnadeln betrifft: Da braucht es keinen Text dazu, oder? Für mich ist es eine Kampfansage. Das Bild ist selbsterklärend. 

Wir haben von der Künstlerin Francesca Woodman gesprochen, die dich beeinflusst hat. Welche anderen Künstler:innen haben dich inspiriert?
Ich bewundere zum Beispiel die Mexikanerin Teresa Margolles. Sie war Gerichtsmedizinerin; in ihrer Arbeit geht es um Gewalt in Mexiko. Sie arbeitet unter anderem mit Leichtentüchern und mit Leichenwasser, und mir gefällt, wie sie diese Themen künstlerisch umsetzt. Und Anselm Kiefer bewundere ich für seinen Umgang mit Materialien und Räume. Ich habe das Gefühl, dass er keine Angst vor Raumgröße hat.

Was sind deine neuen Projekte?
Im Juni 2026 eröffne ich die Rauminstallation „Hope moves History toward Freedom“ in der Dominikanerkirche Krems, kuratiert von Florian Steininger; fast alles, was dort sein wird, habe ich für diesen Ort gemacht. Ich überlege mir immer genau, wie die Werke im Raum funktionieren! Dazu gehören auch ein paar Skulpturen, auf deren Sockel ich die Namen von Menschen, die in der letzten Protestbewegung am 8. und 9. Januar auf der Straße erschossen wurden, eingraviert habe. Dann bin ich bei der Schau „Ikonische Frauenporträts von Matisse bis Alex Katz - Girl. Woman. Other” im Kunsthaus Gmünd vertreten, die bis Oktober 2026 läuft. Und Ende des Jahres sind Arbeiten von mir im Blevedere 21 ausgestellt, in der Ausstellung „Feminist Futures Forever“.

Wie findest du das Leben und Arbeiten in Wien? 
Also ich bin happy. Es ist nicht immer alles perfekt – wo ist das schon - aber ich bin gern in Wien. Neben meinem Atelier hier habe ich auch einen Raum in der Steiermark, wo ich bis zu einer Höhe von drei Metern arbeiten kann. Was die Unterstützung betrifft: Durch das Staatsstipendium 2023 konnte ich zwei Monate für research nach New York gehen, und jetzt wird meine Monografie von dem Bundesminiterium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport mitfinanziert.

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Text: Alexandra Markl 
Foto: Maximilian Pramatarov

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