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Soufiane Ababri, Paris

In the Studio

»Ich will über Dominanz sprechen, ohne die Mittel der vorherrschenden Gruppe zu nutzen.«

Für den Künstler Soufiane Ababri ist es keine Option, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen. Nachdem er mit achtzehn Jahren von Marokko nach Frankreich gezogen war, fing er an, ein persönliches visuelles Archiv über das queere Leben in der arabischen Welt und über schwule Einwanderer im Westen anzulegen – ein Archiv, das Autobiografie, politisches Bewusstsein und Homoerotik miteinander verbindet. Während manche seine Arbeit als frivol empfinden mögen, erobern seine mit Buntstiften und Pastellfarben gezeichneten Figuren Zärtlichkeit, Begierde und Trotz zurück. Ababri lehnt das traditionelle Künstleratelier ab und arbeitet in seinem Zimmer – meist im Bett –, wodurch Intimität sowohl zu seiner Methode als auch zu seinem Manifest wird.

Soufiane, wenn du dich einer fremden Person vorstellen müsstest, was würdest du von dir erzählen?
Ich bin bildender Künstler, schwul, Einwanderer und Teil einer postkolonialen Generation. Ich wurde 1985 in Nordafrika geboren, auf dem Höhepunkt der AIDS-Epidemie, in eine arabisch-muslimisch geprägte Familie, die tief in ihrem Glauben verwurzelt ist. Das ist meine Biografie.

Kannst du uns erzählen, wie dein Morgen beginnt?
Ich wache normalerweise ziemlich früh auf, und momentan (im Januar) ist es in Paris draußen noch dunkel. Ich wohne in der Nähe einer Ringstraße, die ich von meinem Fenster aus sehen kann, also schaue ich von meinem Bett aus den vorbeifahrenden Autos zu – Menschen, die zur Arbeit fahren oder nach Hause kommen. Dann gehe ich direkt in die Küche, um Kaffee zu kochen, obwohl ich manchmal, wenn ich gerade an einer Zeichnung arbeite, zuerst schaue, was ich am Vortag gemacht habe. Danach folgt ein langer, ruhiger Moment mit Kaffee und Lesen, bevor ich mit dem Zeichnen beginne oder mich in die Recherche stürze.

Du arbeitest im Bett. Fiel diese Entscheidung aus praktischen Gründen oder war es von Anfang an eine bewusste Abkehr vom traditionellen Atelier?
Für mich entstehen alle Überlegungen in meiner künstlerischen Praxis in erster Linie aus eigenen Erlebnissen. Ich treffe Entscheidungen nie ausschließlich auf der Grundlage von „Kunst um der Kunst willen“ oder theoretischen Positionen. Um es als Geschichte zu erzählen: Nach meinem Studium an der École nationale supérieure des arts décoratifs in Paris musste ich das Land ziemlich abrupt verlassen, da Frankreich mir damals die Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung verweigert hatte. Ich ließ mich für dieses eine Jahr in Tanger nieder – ein Jahr, das für mich entscheidend war.

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Wie kam es dazu?
Angesichts dieser ungeplanten Abreise tat ich zwei Dinge: Ich zeichnete in meinem Bett und ich trat auf den Straßen der Stadt performativ auf. Aus dieser Erfahrung heraus begann ich zu erkennen, dass es das Wesentliche meiner Arbeit ist, Situationen von Gewalt in Diskurse des Widerstands zu verwandeln: ein Prozess, bei dem Schwäche in Stärke umgewandelt wird. Im Bett zu liegen ist ein wirkungsvolles Protokoll, das mich von der Männlichkeit des Atelierraums trennt und mich mit der Passivität der Modelle in Gemälden in Einklang bringt, wie sie Eugène Delacroix beispielsweise in Tanger gemalt hat. Auch das Zeichnen selbst ist eine bewusste Entscheidung – es ist ein in der Kunstwelt und auf dem Kunstmarkt unterschätztes Medium. Ich versuche, die Erfahrung der Marginalisierung anzuprangern und über Dominanz zu sprechen, ohne die Mittel der vorherrschenden Gruppe zu nutzen. Ich fasse das hier sehr stark zusammen, aber es handelt sich um einen wichtigen Zusammenhang, den ich zu vereinfachen und in die zugänglichste Form zu bringen versuche. Diese Idee, Stigmatisierung in Stolz zu verwandeln, habe ich in vielen Projekten angewendet.

Erhalten in deinem Fall Buntstifte und Wachsmalkreiden – die oft als informelle oder „naive” Materialien angesehen werden – also eine ganz neue Art von Wirkungskraft?
Das sind in erster Linie nicht-akademische Werkzeuge; sie fallen nicht in eine Kategorie, die mit der Geschichte von künstlerischen Techniken verbunden ist, und erfordern keine besonderen Fachkenntnisse. Für mich ist es sehr wichtig, akademische Zwänge abzulegen, denn da ich mich mit Randgruppen befasse, müssen meine Werkzeuge und Arbeitsräume dies ebenfalls widerspiegeln. Die Themen meiner Zeichnungen und Projekte beschäftigen sich mit marginalisierten Communitys, aber auch die Vorgehensweise und die Werkzeuge sind ein wesentlicher Bestandteil. Ich möchte, dass die Besucher:innen, wenn sie meine Arbeiten betrachten, sich jemanden vorstellen, der von einem Bett aus in seinem privaten Raum arbeitet. Das ist eine Art zu sagen, dass es Delacroix' Modell von damals ist, das zu dir spricht und erzählt, was ihm gerade durch den Kopf ging, während es in die Kunstgeschichte einging.

Kannst du beschreiben, wie deine Kindheit und dein Hintergrund in Marokko deine künstlerischen Interessen geprägt haben – insbesondere in Bezug auf Queerness und Identität?
Es hat meine Beziehung zu queeren Themen total beeinflusst, da Homosexualität in Marokko verboten und strafbar ist. Mein Interesse an diesen Themen entstand aus einer Haltung des Widerstands und dem Wunsch nach Sichtbarkeit. Ich musste mich selbst Stück für Stück finden, ausgehend von sehr wenigen Referenzen innerhalb meiner Herkunftskultur in Bezug auf Sexualität. Was mir jetzt am wichtigsten ist, ist, Spuren zu hinterlassen und Wege für queere Menschen aus Marokko und der arabischen Welt zu schaffen, die nach mir kommen werden.

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Hat deine Familie dich dabei unterstützt? 
Ich habe keine solche Beziehung zu meiner leiblichen Familie, und sie bietet mir keine Unterstützung in queeren Fragen. Aber ich habe eine andere Familie, die ich mir ausgesucht habe – Freund:innen und eine große, globale Community –, die mir eine Freude bereitet, die absolut nichts mit dem geringen, narzisstischen Zusammenhalt der Kernfamilie zu tun hat.

Wie gehst du in einem Umfeld, in dem queere Ausdrucksformen erheblichen Einschränkungen unterliegen, an Ausstellungen in Marokko heran, und wie unterscheiden sich die Reaktionen des Publikums dort von denen im Ausland?
Natürlich muss man sehr vorsichtig sein. Das Ziel ist es, relationale Formen zu schaffen und sich nicht in eine gefährliche Situation zu begeben, da ich Künstler bin und kein Aktivist. Ich glaube daran, neue Strategien des Widerstands zu entwickeln, die es den Menschen ermöglichen, diese Themen zu verstehen und darüber nachzudenken – und ich verspreche, es funktioniert. Die Öffentlichkeit kann subtilere Nuancen erfassen; es ist nicht nur offensichtliche, direkte Subversion, die ihr hilft, queere Themen zu verstehen. Für mich ist es am wichtigsten, Kontexte zu schaffen, die so viele Formen wie möglich zeigen, zur Sichtbarkeit von Minderheiten beizutragen.

Wie wird deine Arbeit innerhalb der queeren Community in Marokko aufgenommen? Sehen die Menschen ihre eigenen Erfahrungen darin widergespiegelt?
Ich kann nicht für die ganze Community sprechen, aber das Feedback, das ich aus Marokko und der arabischen Welt bekommen habe, war ziemlich enthusiastisch.

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Hat die Tatsache, dass dein Instagram-Account privat ist, mit Fragen der Sicherheit oder der Kontrolle darüber zu tun, wie deine Arbeit verbreitet wird?
Da ich Dinge poste, die mit meinen Freundschaften, persönlichen Vorlieben und meinem Alltag zu tun haben, ziehe ich es vor, sie nur denen zugänglich zu machen, die sie sehen wollen, anstatt sie für alle sichtbar zu machen. Für meine Arbeit arbeite ich aber mit zwei Galerien zusammen – Dittrich & Schlechtriem in Berlin und The Pill in Paris und Istanbul –, die meine Arbeit weit verbreiten, ebenso wie die Kunsträume und Museen, die sie online zugänglich machen. Ich bin also nicht so schwer zu finden.

Dein Werk Bedwork / Yes I AM hat viel Aufmerksamkeit bekommen. Es zeigt eine Art queere Ahnenreihe historischer Persönlichkeiten. Viele der Figuren, die du einbeziehst, kommen aus unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten. Wie hast du sie ausgewählt und welche Verbindungen siehst du zwischen ihren Geschichten und deiner eigenen?
Ich sehe diese Serie als eine Art Pantheon queerer Persönlichkeiten, die zur Schönheit der Welt beigetragen oder den Lauf der Geschichte verändert haben. Es ist eine Familie von Vorbildern. Didier Eribon, der französische Autor und Philosoph, spricht über den Moment, in dem junge homosexuelle Menschen – allein und von ihren heterosexuellen Familien missverstanden – sich in Bibliotheken wiederfinden und beginnen, queere Persönlichkeiten wie sich selbst in der Geschichte zu entdecken, Menschen, die noch bemerkenswerter sind, als sie sich vorgestellt haben. Und die Frage bleibt: Wie können wir das Wort „Schwuchtel” immer noch als Beleidigung betrachten, wenn diese Gemeinschaft Menschen wie diese umfasst? Mit dieser Dynamik im Hinterkopf habe ich diese Serie gemacht.

Siehst du eine Erweiterung dieser Serie, zum Beispiel durch die Einbeziehung zeitgenössischer queerer Ikonen aus der Popkultur?
Ja, das Projekt lebt von der Quantität, wie eine Porträtgalerie von Ahnen in einem Schloss. Ich produziere dauernd Zeichnungen. Vor kurzem habe ich einige lebende Künstler:innen mit ihrer Erlaubnis hinzugefügt, was zu neuen Freundschaften und Begegnungen geführt hat. Außerdem habe ich ein Buch bei Triangle Books veröffentlicht. Ich hoffe, dass diese Serie noch lange weiter wachsen wird.

Einige Betrachter:innen konzentrieren sich vielleicht eher auf die erotischen oder visuellen Aspekte deiner Arbeit als auf die tieferen Fragen. Wie gehst du mit solchen Urteilen oder Vorurteilen um?
Das mag ich! Zumindest lasse ich so niemanden gleichgültig – ich weiß, das ist eine sehr affektierte Haltung und Reaktion. (lacht) Aber im Ernst, ich denke, es gibt viele Möglichkeiten, sich einem Kunstwerk zu nähern, und ich hoffe immer, dass die farbenfrohe und attraktive Form, die meiner Arbeit zugrunde liegt, die Leute dazu anregt, sich eingehender mit meiner Arbeit auseinanderzusetzen. Ich sehe es als eine Art visueller Falle: Sobald sie jemanden gefangen hat, kann sie zum Nachdenken über postkoloniale Themen, die Fetischisierung von Körpern, die Einsamkeit von Migrant:innen und Gewalt gegen Minderheiten anregen.

Performance scheint eine natürliche Erweiterung deiner Arbeit zu sein. Wie verändert deine Auseinandersetzung damit die Art und Weise, wie du deine Themen erschließt oder wie du mit dem Publikum in Kontakt trittst?
Ich habe dieses Medium schon immer geliebt. In Tanger habe ich Straßenkunst gemacht, stark beeinflusst von Künstler:innen, die ich sehr bewundere, wie David Hammons und William Pope.L. Mit der Zeit wurde Performance zu einer natürlichen Erweiterung meines künstlerischen Ausdrucks, da ich nie wollte, dass sich etwas in meiner Arbeit festgefahren anfühlt. Da ich Zeichnen mit Performance verbinde – was ja ein physischer, aussagekräftiger Vorgang ist –, wollte ich auch die Ausstellung selbst als Medium behandeln. Ausstellungsdesign und Performance ermöglichen es mir, während der gesamten Ausstellung Bewegung und Aktion aufrechtzuerhalten. Dieses Format kann jedoch recht kostspielig sein, daher beschränken wir Performances oft nur auf den Eröffnungstag.

Bei deiner Ausstellung Their mouths were full of bumblebees but it was me who was pollinated (Ihre Münder waren voller Hummeln, aber ich war es, der bestäubt wurde) 2024 in der Barbican’s Curve Gallery in London hast du die Performance aber mehrmals gezeigt. Wie hat die Choreografie mit dem Raum und dem Konzept der Arbeit interagiert?
Für dieses Projekt habe ich mit sechs Performer*innen zusammengearbeitet, die die Galerie – die in einen Indoor-/Outdoor-Club verwandelt wurde – horizontal durchkriechen. Durch die Choreografie haben wir die Idee vermittelt, dass sie so enttäuscht von der Menschheit und dem waren, was sie durchgemacht hatten, dass sie sich entschieden, das Zweibeinerdasein aufzugeben und die Welt anders zu erleben.

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Was sind deine Pläne für die nahe Zukunft? 
Ich bin Teil einer Gruppenausstellung, die im Mai 2026 im Moderna Museet in Stockholm eröffnet wird, wo ich eine Zeichnung zeige, die noch nie ausgestellt wurde. Es ist ein neues Format, das auf einer 4 Meter langen Zeichenrolle entstanden ist. Außerdem habe ich im September eine Einzelausstellung in Paris mit meiner Galerie The Pill.

Deine Arbeiten wurden schon überall in Europa gezeigt – von Paris, Antwerpen, Istanbul, London und Berlin bis hin zu deiner Heimatstadt. Hast du dir, als du in Rabat aufgewachsen bist, jemals solch eine internationale künstlerische Karriere vorgestellt?
Absolut nicht – vor allem, weil ich nicht aus einer Familie von Intellektuellen oder Künstler:innen komme und in meinem Umfeld keinerlei Vorbilder für eine künstlerische Karriere hatte. Ich muss wohl noch etwas tiefer graben, um zu verstehen, wie der soziale Determinismus mein Leben geprägt hat.

Text: Anton Isiukov
Fotos: Elise Toide

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