Collector Stories

Henrik Kanekrans

Stockholm, Schweden

»Kunst inspiriert mehr Diskussionen, Gefühle und Originalität als alles, was ich kenne.«

Die nordeuropäische Szene für zeitgenössische Kunst entwickelt neue Dynamiken und wird zunehmend von internationalen Sammlern beobachtet. Mit den Nordic Notes lenken wir regelmäßig den Blick auf die nordische Kunst- und Kulturszene und stellen ihre wichtigsten Akteure vor.

Henrik, wie hat sich deine Affinität zur Kunst eigentlich entwickelt?
Zu Hause war ich immer von Kunst umgeben, und wann immer wir Ausflüge unternahmen war Kunst Teil des Programms. Als Kind hat mich Kunst nicht sonderlich interessiert, aber es war auch nicht so, dass ich die Kunst bei uns zu Hause nicht mochte, ganz im Gegenteil. Ich habe sehr positive Erinnerungen und deswegen heute zu Kunst und Künstlern auch eine Beziehung. Mit achtzehn bin ich nach Großbritannien gezogen, wo sich mein Sinn für Kunst verfeinert hat. In Großbritannien ist Kunst ein wesentlicher Teil des täglichen Lebens, sowohl in der Schule als auch im professionellen Bereich.

Wenn man sich in eurer Wohnung umschaut, fällt einem auf, dass Malerei gegenüber anderen Medien überwiegt. Kannst du uns etwas darüber sagen, wie sich die Sammlung entwickelt hat und wo dein Fokus liegt?
Obwohl ich bis heute noch kein einziges Werk verkauft habe, haben sich meine Interessen und mein Geschmack schon mehrmals verändert. Vor kurzem habe ich einige Skulpturen und Videoarbeiten gekauft, hauptsächlich, weil ich keinen Platz mehr an den Wänden habe. (lacht) Im Allgemeinen verfolge ich eher Karrieren von Künstlern, deren Arbeit und Themen mich interessieren, und ich kaufe fast immer Werke von aufstrebenden Künstlern, manchmal sogar von Studenten.

Es fällt auf, dass viele Objekte und Kunstwerke etwas mit Pferden zu tun haben.
Das stimmt, einige Kunstwerke sorgen hier für einen Hauch von Reiterleben im Haus. Meine Frau ist Pferdeliebhaberin und hat die Reitbekleidungsplattform Getthegallop.com gegründet. Nach zwölf Jahren Zusammenleben ist es unvermeidlich, dass sich das auch irgendwann im Wohnraum widerspiegelt. Wenn du Pferdeliebhaber kennst, weißt du, wovon ich spreche. (lacht)

Was hat deinen Kunstgeschmack über die Jahre geformt?
Eigentlich das Leben. Alles, meine Frau, meine Eltern, meine Arbeit und die Orte, an denen ich gelebt habe.

Wie triffst du deine Entscheidungen beim Kauf oder Hängen von Kunst? 
Gewöhnlich entdecke ich die Kunstwerke, zeige sie dann meiner Frau und drücke mir selbst die Daumen. Wenn uns beide etwas begeistert, dann kaufen wir! Aber Caroline hat immer ein Vetorecht und entscheidet, ob wir kaufen oder nicht. Und ich entscheide dann, wo das Werk gehängt wird. Das hat sich bis jetzt immer bewährt.

Wann hört man auf zusammenzutragen und wann beginnt man wirklich zu sammeln?
Ich glaube, es passiert einfach – eines Tages stellst du fest, du hast eine Sammlung – wenn auch klein, aber eine Sammlung, die von etwas motiviert ist. Und an diesem Punkt beginnst du eine Sammlung aufzubauen! 

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Du hast zwei Kinder im Alter von sieben und drei Jahren. Reagieren sie schon auf die Kunst in eurem Haus?
Ich würde sagen, sie haben sich schon daran “gewöhnt”. Und sie haben ihre Lieblingsstücke. Manchmal fragen sie auch, was auf einem Gemälde dargestellt ist. Oder sie kommentieren das Gefühl, dass das Gemälde vermittelt. Letztendlich hoffe ich, dass die Kunst sie in irgendeiner Weise bereichern wird.

Wie wichtig ist dir, deine Kinder mit Kunst aufwachsen zu sehen?
Das ist mir wirklich wichtig. Ohne anmaßend sein zu wollen bin ich der Meinung, dass alle Kinder schon in der Schule alle möglichen Kunstformen kennenlernen sollten. Der Erkenntnisgewinn durch Kunst sollte nicht ignoriert werden. Kunst inspiriert mehr Diskussionen, Gefühle und Originalität als alles, was ich kenne. Kunst ist seltsam, fiktiv und obskur. Kunst ist nicht nur für Kinder, sondern für alle wichtig, denn sie entwickelt die Fähigkeit, kritisch und kreativ zu denken. Sie macht unseren Geist erst wirklich großartig!

Wodurch unterscheidet sich „gute“ Kunst von „schlechter“ Kunst?
Die meisten Menschen können nur schwer akzeptieren, dass Fragen der Kunst ebenso schwierig sind wie die Suche nach einem Heilmittel gegen Krebs. Man kann nicht einfach eine Buchseite aufschlagen und erwarten, dass man gleich alles verstanden hat. Menschen werden nicht als Experten geboren. Es ist das Ergebnis großer Bemühungen und harter Arbeit. Ich finde es immer noch schwierig, ein Werk von einem anderen zu unterscheiden und ein Urteil darüber zu fällen, ob es gut oder schlecht ist. Nichtsdestotrotz hängt die Wertschätzung der Arbeit eines Künstlers in gewissem Maße vom Konsens ab, der sich in der Kunstwelt zu einem bestimmten Zeitpunkt etabliert hat und diese reagiert wiederum auf Trends. Aber die Tatsache, dass es eine Übereinstimmung darüber gibt, dass ein Kunstwerk zu einer bestimmten Zeit als hervorragend beurteilt wird, heißt nicht, dass es auch in der Zukunft einen Platz in der Kunstgeschichte haben wird.

Gibt es in Stockholm, in Schweden oder im restlichen Skandinavien aufstrebende Galerien, die dich besonders beeindruckt haben? 
Ich bin nicht sicher, ob „aufstrebend“ der richtige Ausdruck ist, aber ich versuche Künstler im Auge zu behalten, die von folgenden Galerien vertreten werden: von der Skomakeriet in Stockholm, von Oscar Carlsons halb-permanenter Issues Gallery, der Galleri Mejan, dem Kunstraum des Royal Institute of Art Stockholm, der POM Gallery in Mariefred, der Galleri Ping-Pong und der Johan Berggren Gallery, beide in Malmö, sowie den in Stockholm ansässigen Galerien ANNAELLE, Steinsland Berliner und Belenius.

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Fallen dir schwedische oder skandinavische Künstler ein, von denen du dir vorstellen kannst, dass man in Zukunft noch mehr von ihnen hören wird?
Da gibt es viele. Ich kann eigentlich nur mit Mühe eine engere Auswahl treffen, aber mir scheinen, dass folgende Künstler gerade dabei sind, sich einen Namen zu machen: Ida Persson, Kristoffer Zetterstrand, Timothy Crisp und Emma Bjurström. Außerdem hoffe ich, dass die Arbeit von Emil Westman-Hertz trotz seines kürzlichen Ablebens weiterhin in der Diskussion bleibt.

Gibt es Künstler oder konkrete Kunstwerke, die vielleicht bald in deine Sammlung aufgenommen werden? 
Ich beobachte den dänisch-brasilianischen visuellen Künstler Rafaël Rozendaal nun schon eine Weile, ebenso seinen schwedischen Freund Jonas Lund. Und ich würde eines Tages gern eine Skulptur des schwedischen Künstlers Willem Andersson in meinem Garten aufstellen. Auch Patrik Andiné mit seiner Aufmerksamkeit fürs Detail hat mich schon seit vielen Jahren fasziniert.

Du hast lange in London gelebt, ehe du 2013 nach Stockholm zurückgekehrt bist. Lassen sich die Kunstszenen beider Städte vergleichen?
London ist natürlich einflussreicher, zieht eine globale Elite sowie die internationalen Stargalerien wie David Zwirner, Pace, Lisson, Skarstedt, Gagosian, White Cube, und Marian Goodman an. Und in den letzten 14 Jahren hat die Frieze London sich mit einer starken Position auf den Kunstmessen etabliert und die Kunstwelt in die britische Hauptstadt gebracht.

Beide Städte haben verglichen mit ihrer Größe eine eindrucksvolle Liste von Museen vorzuweisen. London mit Saatchi, der Tate, der Serpentine Gallery, der Royal Academy of Arts und der Whitechapel Gallery hat das reiche kulturelle Flair der Stadt have genutzt, um sich weltweit als Kunststadt zu profilieren. Stockholm tut das Gleiche mit etablierten Namen, aber auch mit einer erfrischenden Portion neuer Privatinitiativen wie Magasin III, Artipelag, Bonniers Konsthall und Sven-Harrys Konstmuseum. Persönlich finde ich, dass die Londoner Kunstevents mehr Spaß machen, verlockender und professioneller sind. 

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Nach deiner Rückkehr nach Stockholm hast du eine Online-Plattform mit damit verbundener App aufgebaut. Aus welcher Überzeugung ist Artworks entstanden?
Kunst ist heute zu einem Gesprächsthema am Esstisch geworden. Und trotzdem fühlen sich viele Menschen immer noch wie Idioten, wenn sie sich in der Kunstszene bewegen wollen. Wir glauben, dass die Menschen soviel hervorragende Kunst wie nur möglich sehen sollten, damit sie sich mehr an Kunst freuen und kompetenter in ihrer Beurteilung werden. Aber wie kannst du vor Kunstwerken stehen, die man gesehen haben sollte, wenn du nicht einmal weißt, dass es sie überhaupt gibt? Mit unserer Plattform wollten wir Leuten helfen, sich im Dschungel verfügbarer Kunst zurechtzufinden – eine Art Kunstführer im Taschenformat.

Decken bestehende Kunstplattformen dieses Bedürfnis nicht schon längst ab?
Viele der schon vorhandenen Plattformen bedienen eine Klientel, die schon kunstversiert ist und dem inneren Zirkel der Kunstwelt angehören. Natürlich bin ich voreingenommen, aber wir glauben, dass unser Ansatz inklusiv ist und von jedem verstanden werden kann. Der Kunstmarkt ist der größte noch nicht vollständig bediente Markt der Welt. Nur ein Bruchteil der Menschheit kann es sich leisten, Kunst zu kaufen. Alles, was die Barrieren für weniger versierte Kunstinteressierte verringert, wird erfolgreich sein und kann so auch Künstlerinnen und Künstlern helfen. 

Die Welt ist digitaler geworden. Heute gibt es für jeden Bereich des alltäglichen Lebens eine App. Ist die Zukunft des Kunsthandels eine digitale?
Das Internet hat ganz sicher unsere Erfahrung, unseren Gedankenaustausch und unsere Gespräche über Themen verändert. Besonders die junge Generation – die Sammler und Kunstliebhaber von morgen – sind zunehmend an Kunst interessiert, aber sie sind auch desorientiert. Ihr erster Ansatzpunkt ist immer digital. Digitale Anwendungen spielen eine immer wichtigere Rolle in der Kunstwelt. Kunst auf eine stationäre Position zu begrenzen, wäre ignorant und würde das volle Potential des Kunstmarkts nicht berücksichtigen. Heute ist der sekundäre Kunstmarkt beispielsweise vollkommen abhängig von einer erfolgreichen digitalen Strategie. Ich sage das Gleiche für den primären Kunstmarkt voraus. Aber solange wir in einer “realen”, also nicht rein virtuellen Welt leben, werden wir Kunst auch immer auf einer persönlichen Ebene schätzen und genießen. Aber beide Welten sind voneinander abhängig und diese Tendenz ist steigend.

Bisher konzentriert sich das Angebot von Artworks vorwiegend auf die nordische Kunstszene.
Ja, wir vertreten überwiegend schwedische Künstler und sind gerade dabei, unsere skandinavischen Nachbarn mit ins Boot zu holen. Aber dies ist nur der nächste Schritt bevor wir Artworks internationaler aufstellen.

Wie findest du selbst außergewöhnliche Kunst, außer natürlich über Artworks ...
Natürlich immer nur Artworks! (lacht) Nein im Ernst – oft ergibt sich das über Mundpropaganda oder rein zufällig. Wir fanden beispielsweise einen unserer Lieblingskünstler als wir ein schönes Gemälde an der Wand eines englischen Hauses entdeckten, das in einer Innenarchitektur-Zeitschrift abgebildet war.

Schweden ist eine sozial recht ausgeglichene Gesellschaft, wo materieller Wohlstand typischerweise eher untertrieben wurde. Beeinflusst das eure lokale Kunstszene, und die Art wie Menschen sammeln und ihre Sammlungen präsentieren?
Diese Kultur des Untertreibens kann tatsächlich ein Stück weit erklären, wie Sammler in Schweden ihre Sammlungen präsentieren. Aber ich bezweifle, dass es so weit geht, dass diese Kultur die Art und Weise des Sammelns bestimmt. In Schweden sehe ich dieses zurückhaltende Profil übrigens zunehmend verschwinden. Heute hat niemand mehr ein Problem damit, seinem Nachbarn zu zeigen, dass er von einem Chauffeur zur Arbeit gefahren wird, Wohnungen in der ganzen Welt unterhält oder gerne mit dem Privatjet reist. Und diese Haltung spiegelt sich auch im Sammeln und Präsentieren von Kunst wieder. Wenn schwedische Sammler sich nicht um die großen Werke der Starkünstler bemühen, hat das eher seinen Grund darin, dass diese Werke gewöhnlich von finanzkräftigen Sammlern aus dem Mittleren Osten, Asien oder den USA vom Markt gekauft werden bevor irgend ein Schwede überhaupt eine Chance erhält, sie zu sehen.

Außer ein paar großen Namen wie Ólafur Elíasson oder Nathalie Djurberg hört man nicht viel über Kunst aus Skandinavien.
Unsere Kunstszene ist wirklich vital und florierend, aber du hast Recht, wenn du sagst, dass sie international noch keinen Einfluss hat. Bisher haben unsere kreativen Industrien in den Bereichen Design, Mode, Spiele und natürlich Musik große Exportschlager produziert. Auch unser Technologiesektor wächst ständig. Und so finde ich es nur logisch, und eher eine Frage der Zeit, dass die Welt in Zukunft mehr über die Kunst der skandinavischen Länder hören wird.

Welchen Rat würdest du jungen Sammlern geben, die gerade den Grundstein für ihre eigene Sammlung legen?
Sich zum ersten Mal auf den Kauf eines Kunstwerks einzulassen ist immer eine gewaltige Herausforderung. Aber man sollte nicht soviel Zeit damit verbringen, immer nur zu zögern. Besser ist es neugierig zu bleiben und keine Angst haben zu fragen, wenn man etwas sieht, was einem gefällt. 

Interview: Florian Langhammer
Fotos: Florian Langhammer

Links:
Artworks

#loveart, @artworksapp_com

viennacontemporary

Jedes Jahr im September versammelt die viennacontemporary herausragende österreichische, osteuropäische und internationale Galerien. Mit dem Fokusprogramm Nordic Highlights entwickelt die Messe neuerdings auch ein gesteigertes Interesse für Kunst aus Europa’s Norden.

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