Elisabeth von Samsonow ist Philosophin, Künstlerin, Autorin und emeritierte Professorin für Philosophische und Historische Anthropologie an der Akademie der bildenden Künste Wien. In ihrer Arbeit verbindet sie Kunst, ökologische Fragen und feministische Theorie. Sie ist Gründerin des Dissident Goddesses Network, das unser Verhältnis zur Erde, zur Natur und zum Weiblichen untersucht.
Elisabeth, wie kamst du zur Kunst?
Schon als Kind zeichnete und malte ich. In unserem Dorf hatte ich so etwas wie einen Status: Wenn es darum ging, irgendetwas zu dekorieren, z.B. die Farbe für Fahnenmasten festzulegen, wurde ich mit dazugebeten. Von den Nachbarn und Bauern der Gegend bekam ich Aufträge, sie zu zeichnen.
Und doch hast du nicht Kunst studiert?
Eigentlich wollte ich Tierärztin werden. Und Lesen interessierte mich sehr; Sartre, Durrell…
Richtung Literatur hätte es also auch gehen können?
Ja! Ich begann in München zu studieren: Philosophie, neuere deutsche Literatur – Germanistik – und Theologie. Mich faszinierten die Übergänge, das Musterwissen, die Überschneidungen: Diese Disziplinen sind sehr eng miteinander verschränkt. Mich interessierte dieses Wissen, das die Welt zu regieren schien. Mein Vater, der eigentlich kein Intellektueller war, sondern ein fantastischer Handwerker, liebte Wissen. Der sagte immer: „Lern, so viel du kannst – es kann dir keiner nehmen.“
Wie kam dann die Kunst ins Spiel?
Über die Bekanntschaft mit Daniel Spoerri in München. Ich studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität, in der Nähe der Akademie der bildenden Künste. Alle gingen dorthin in die Mensa – die hatte die besten sizilianischen Köche! So kam ich mit Spoerri in Kontakt und wurde Gasthörerin an der Akademie. Damals malte ich.
Das klingt fast ein wenig autodidaktisch?
Nein, dazu war ich nicht genug allein. 1987 erhielt ich den Förderpreis des Bayerischen Kulturministeriums für meine Debütausstellung „Vorstellungszauber“ bei der AK 68 Künstlergemeinschaft Wasserburg/Inn. Ich war damals 31 Jahre alt. Es war toll: Es gab eine Ausstellung mit Katalog, das bewirkte eine große Sichtbarkeit. Sophia Süßmilch hat übrigens 2018 denselben Preis bekommen – sie wurde quasi meine Nachfolgerin im Geiste, worüber wir sehr gelacht haben!
Was für eine Art von Kunst hast du damals gemacht?
Malerei! Organisiert rund um das Konzept des Selbstporträts. Das war nicht aus Eitelkeit so, sondern aus Ratlosigkeit. Im Übrigen wirkte, dass ich als Kind sehr viel deutschen Expressionismus gesehen hatte: Blauer Reiter, Die Brücke, Ernst Ludwig Kirchner, die Werke von Kandinsky bis zu Gabriele Münter und Marianne Werefkin. Lovis Corinth ist mir bis heute wichtig. Diese „Zahnpastamalerei“, wie ich sie nenne, mit ganz viel Deckweiß… Und Oskar Kokoschka… Ich kann mich da nicht satt sehen.
Wie kam der Übergang zur Bildhauerei?
In der AK 68 Künstlergemeinschaft gab es zwei anbetungswürdige Wesen, Bildhauerinnen, damals schon über 90: Luise Stomps und Lidy von Lüttwitz. Beide arbeiteten mit Lindenholz. Eines Tages fiel ganz in der Nähe meines Hauses die berühmte tausendjährige Linde von Heitzenberg bei einem Sturm um. Ich musste sie einfach kaufen! So hatte ich plötzlich viel Lindenholz. Ich gab Stämme ab, zum Beispiel an die Bildhauerin Ute Lechner. Und dann fuhren sie mit diesen schönen Stämmen ab, jedes Mal starb ich ein wenig… Schließlich sagte ich: Jetzt mache ich die Bildhauerei selbst!
Kann man das einfach so entscheiden – ich bin jetzt Bildhauerin? Braucht es nicht eine technische Kenntnis?
Es gab in der Nähe einen Schnitzer, der mir das beibrachte, nämlich das Schleifen, also wie man die Eisen herrichtet. Dann sagte er: „Jetzt lasse ich dich allein, denn wenn du nicht selbst kapierst, wie die Faser verläuft, kann ich dir das auch nicht beibringen.“ Und so lernte ich. Ich wollte sofort ganz große Sachen machen, weil ich dachte, dass nur groß toll ist.
So wie Baselitz etwa?
Genau! Allerdings hatte ich totale Angst vor der Motorsäge (lacht). Bis heute arbeite ich nicht damit!
Wie ging es weiter? Woher kommt das, was du zeigen möchtest?
Das ist eine gute Frage! Eigentlich wollte ich aus diesem ersten, riesigen Baum eine Art Geschichte der Welt machen – so, dass der Stamm selbst die älteste Schicht ist, in die ich den babylonischen Mythos schnitze. Danach sollte es in der Geschichte weitergehen, wie eine Emanation: man sieht den Stamm und seine Verzweigung, ein Bild der Welt.
Wann hast du deine ersten Skulpturen gemacht?
1990 machte ich das Gründerpaar der babylonischen Geschichte, Apsu und Tiamat, im Grossformat. Und dann kamen in der nächsten Etage Kybele und der mithräische Chronos.
Wenn du vor einem Stück Lindenholz stehst, was passiert da?
Es gibt einen Weg. Ich zeichne viel. Was die tausendjährige Linde von Heitzenberg betrifft: Zuerst arbeitete ich mich an der Zeitalterabfolge im Baum ab. Aber gegen 2010 gab es eine totale Veränderung: Ich merkte, dass der Baum selbst stärker mitredete. Ich glaube, das ist etwas, das ganz viele Künstlerinnen und Künstler im Atelier erleben – so etwas wie eine Schubumkehr. Der Baum war das Zentrum, ich war nur mehr eine Art Appendix, eine Ausführende. Der Baum sagte mir ganz neue Dinge, die zum Inhalt der Skulptur wurden. Und so verbanden wir uns miteinander. Ich bin auch im Baum, so wie meine Figuren.
Natur ist also ein wichtiges Thema für dich; du bezeichnest dich als Vertreterin des Ökofeminismus. Könntest du den Begriff erklären?
Ökofeminismus war für mich die wichtigste Episode innerhalb des Feminismus. In den 1970er und 80er Jahren entwickelten Vandana Shiva und Maria Mies eine interessante Gleichung: Das Patriarchat hat mehrere Effektebenen – die Ausbeutung der Natur ist mit der Unterdrückung von Frauen verbunden. Das spürte ich, als ich selbst Land zum Ort der Begegnung von Menschen und anderen Wesen machen wollte.
Du sprichst jetzt von Eurem Land, dem Göttinnenland. Wie kam das zustande?
Ich habe diese ökofeministische Seite und hatte bereits feministische, theoretische und künstlerische Arbeit geleistet – aber eher aus einer psychoanalytischen Konstellation heraus. Das reichte mir nicht. Irgendwie musste ich ein neues Kapitel aufschlagen, und so…
… erdachtest du eine eigene Theorie?
Unbedingt! Ich stieß das Dissident Goddesses Network an. Ich erkläre es so: Die Venus von Willendorf kommt aus Niederösterreich. Aber warum bewirkt das nichts? Ich sehe die Subalternität weiblicher Positionen sehr deutlich; Frauen sind kaum in der Politik vertreten, sie arbeiten den Männern zu. Wie könnte man das neu artikulieren? Wir entwarfen ein anspruchsvolles Forschungsprojekt, bekamen einen Zuschuss… und fingen z.B. an, die Bäuerinnen zu interviewen. Das war Romana Schulers Aufgabe. Laut Statistik gehören 96 Prozent des Agrar-Landes in Niederösterreich Männern und 4 Prozent Frauen. Irgendetwas stimmte da nicht! Eigentlich müsste man den Frauen Landbesitz vorschreiben.
Das ist dann schnell gesagt!
Richtig. Aber dann erschien tatsächlich bald darauf eine Annonce im Pulkautaler Anzeiger: Land zu kaufen. Ich besichtigte es und dachte, ich flippe aus, so schön war es. Ich wollte es kaufen – und hatte überhaupt kein Geld! Und doch: Innerhalb einer Woche war das Geld beisammen. Das war 2020. Viele Leute haben eingezahlt. Wir kauften das Land.
Und wie kamst du auf den Namen Dissident Goddesses?
Wir denken, dass die Goddesses die intensiven Punkte in der Erde sind, die weltweit miteinander verbunden sind und den Körper der Erde definieren.
Also als Energie und nicht als Gestalt?
Ja. Und dafür muss man erst die entsprechenden Bilder erfinden.
Sind das die Bilder, die du mit deinen Skulpturen erfunden hast?
Ja.
Du sagst in einem Interview: „Feministische Aktivität ist zum Scheitern verurteilt, solange es nicht gelingt, die Figur des Weiblichen mit einer Funktion zu verbinden.“ Welche Funktion gibst du ihr?
Landbesitz. Territorialmacht. So fängt alles an. Es sind die Produktionsmittel, von denen Frauen ausgeschlossen waren. Was in der gegenwärtigen Debatte völlig unter den Tisch fällt – die ja auf Energie fixiert ist – ist die Bedeutung der Agrikultur, der Ernährungssicherheit. Wenn Frauen – Mütter – die Produktionsmittel hielten: Wie würde das aussehen?
Da sind wir beim Thema Matriarchat. Wie würdest du das definieren?
Das Matriarchat ist für mich die einzige avancierte Idee zur Organisation einer Gesellschaft. Was wir jetzt haben, ist barbarisch und unterentwickelt. Aber das Matriarchat ist nicht die Spiegelfunktion des Patriarchats – das verstehen die meisten Leute nicht.
Es sollen also nicht die Frauen an der Macht sein und alle anderen unterdrücken, nehme ich an?
Nein! Die Idee des Matriarchats ist deswegen so gut, weil alle Menschen eine Mutter haben. Es ist die Mutter als Konzept, als symbolische Funktion. Männer und Frauen haben denselben Abstand zu ihr und zueinander – eine egalitäre Organisation. Aus dem Geschlechtsbesitz würde kein Ranking entstehen: Denn Männer sind wichtig und Frauen sind wichtig, und alle verteidigen die gemeinsamen Werte. Wir brauchen Männer unbedingt!
Und doch denken sie: „Uh, das Matriarchat ist nur für die Frauen, da dürfen wir nicht mitmachen.“
Und sie haben Angst. Angst, dass die Frauen sadistisch und gemein sein werden. Ich sage dann immer: Genauso gemein wie die Männer? Aber ich rede von einer symbolischen Ordnung. Und dazu dient die Dissident Goddess – das ist Netzwerkarbeit. Was das Land angeht, hat sich für mich ein breites Aufgabenspektrum herausgebildet. Ich bin jetzt eine Bäuerin.
Nehmen die praktischen Aufgaben manchmal überhand?
Es ist wirklich viel zu tun. Einige Leute im Projekt wollten gerne das Land der Göttin schenken, aber können sich nicht einbringen. Aber ganz so einfach ist es nicht! Wir müssen zum Beispiel Stellen, die schon erodiert sind, wieder fit machen – das versuche ich mit Quitten- und Mandelpflanzungen. Und ich muss das Land gegen Zugriffe verteidigen! Da gibt es etwa die Idee, direkt an der Grenze unseres Göttinnenlandes einen Windpark zu bauen. Wir sind mittlerweile 3.000 Leute in der Bürgerinitiative, die dagegen vorgeht. Rechtlich hatten wir keine Chance – außer, ein Tier aus der Roten Liste würde mitten auf unserem Land brüten. Und was passiert? Eine Kaiseradlerin brütet mitten im Gebiet! Wir werden also gewinnen. Aber nicht, weil wir so schlau sind, sondern weil die Adlerin das Land liebt. Ist das nicht irre!
Hast du das Gefühl, dass du durch deine Arbeit enger an die Natur gebunden bist – dass es da sogar einen Austausch gibt?
Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich nicht mehr nur „verbunden“ sagen, sondern: Was du vor dir siehst, ist gar nicht mehr die Elisabeth, sondern ein halber Berg, ein Viertel Adler und ein Rest Mensch. So ist die Aufteilung. Ich weiß nicht, wie man so wird, aber es ist wirklich so. Ich verstehe jetzt viele Dinge anders. Wenn ich auf den Berg gehe, erscheinen mir die Adler sofort. Die wissen, wenn ich aus dem Haus gehe.
Bist du also eine Symbiose mit der Natur eingegangen?
Total. Ich habe meine Aggregation von Subjektivität in diesem stolzen Menschsein aufgegeben. Drei Viertel meiner Herrlichkeit sind bereits neu verstreut!
Wie lebt es sich damit? Wie kannst du das in eine Welt integrieren, die auch einen Kunstbetrieb hat, in dem du dich um Ausstellungen kümmern musst?
Aha, was ich dir erzähle, klingt total gaga – nicht wahr? Aber die Kunst kann etwas ganz Wichtiges – das habe ich gelernt. Die Kunst kann avancierte Hypothesen formulieren, sie in die Zukunft projizieren und sie so zeigen, dass die Leute spüren: Das ist ein Weg. Schon lange gab es keine Zeit mehr, in der in der Kunst so viel von Natur die Rede ist. 90 Prozent der Ausstellungen sind doch irgendwelche Naturverherrlichungen!
Um einen kritischen Einwand zu bringen: Das kommt mir aber oft aufgesetzt vor…
Ja, ich spür's auch. Ich habe im Moment viele Ausstellungseinladungen, weil die Leute merken, dass das Göttinnenland einen sehr ernsthaften und ehrlichen Kern hat. Den Unterschied macht unser Land. Ich spreche nicht von Natur, weil es hip ist.
Was sind deine nächsten Projekte?
Eine Ausstellung in der Heidi Horten Collection im Herbst, dann eine Schau beim Rotor Zentrum für zeitgenössische Kunst in Graz, wo ich als Adlerin eingeladen bin, den Hauptraum zu bespielen. Als einzige Österreicherin nehme ich an einer Ausstellung in Ostrava teil, in der Stadtgalerie, „Soil and Friends“. Ich bin 2027 beteiligt an der Ausstellung des neuen Direktors der Landesgalerie NÖ in Krems Nikolaus Kratzer und habe eine Einzelausstellung in der Akademie Graz mit Astrid Kury. Ja, und das Projekt „Die Sprache der Göttinnen“, das derzeit im MAMUZ in Asparn zu sehen ist, wandert nach New York in das Österreichische Kulturforum.
Und dann gibt es noch die Pulkautal Biennale?
Sie entstand aus der Energie der Bürgerinitiative – viele sind aufgewacht in Bezug auf unser Land! Ich dachte mir: wir planen ein Fest für das Land. Nennen wir es Biennale! Wir müssen große Worte wählen! Wir haben dreizehn Pavillons und das Arsenale ist das Feuerwehrhaus in Hadres. Die Biennale findet vom 11. bis 19. Juli 2026 statt. Die erste Edition hat das Thema „Eine Sprache für das Land“. Wir haben über 50 Künstlerinnen und Künstler, eine internationale Jury und eine großartige Intendantin, Romana Schuler, die bereits Teil der Forschungsprojektes The Dissident Goddesses‘ Network war.
Wie stehst du zum Leben und Arbeiten in Wien – ist Wien überhaupt noch ein Thema?
Ich könnte das hier nicht so machen ohne Wien. Ich brauche auch die Stadt. Ich muss diese Wahrheiten als Adlerin in die Stadt einspeisen – hier wissen es die Leute ja schon.
Text: Alexandra Markl
Fotos: Christoph Liebentritt