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Marc Henry, Wien

In the Studio

»Ich will nicht zwingend meine Generation abbilden, aber doch mitverhandeln.«

Halluzinogen und rätselhaft sind Marc Hernys malerische Welten, die er auf grober Leinwand präsentiert. Digitale Bilder, auf dem Computer hergestellt, benutzt er als Skizzen für seine analogen Werke, mit denen er die Realität in einer postfaktischen Zeit erforscht. Der Künstler hat vor seinem Abschluss an der Wiener Akademie der Bildenden Künste VWL und Kuration studiert und bringt diese Backgrounds in seine Reflexionen über die Verschränkung von Gesellschaft und Wirtschaft ein. 

Marc, wie bist du zur Kunst gekommen? 
Im Rückblick betrachtet, war ich schon als Kind an handwerklichen Dingen interessiert. Ich strickte und stickte gerne, da war ich zumindest in meiner Klasse der einzige Typ. Später kam ich über den Umweg des Graffitis zur Malerei.

Wie fing das an? 
Ich komme aus München, und es war Mitte der 2000er und so wie im Film Mid90s hing man halt im Skatepark rum. Man hatte eigentlich nur die Wahl zu skaten oder zu sprayen. Und da ich ein miserabler Skater war, wurde ich Sprayer. Aufgrund dieser Schmach verachte ich noch heute Skater (lacht). Später nervte es mich jedenfalls, dass die Graffitis immer weggemacht wurden. Also hab ich ab einem Punkt dann auf Leinwand gesprayt, irgendwann verwendete ich Acryl, später Öl… Außerdem ging ich schon immer gerne ins Museum, meine Mutter nahm mich oft mit.

Was hast du gesprayt?
Das waren figurative Geschichten, kombiniert mit Schrift; dieses Element blieb immer wichtig. Zwischenzeitlich hatte ich Gemälde mit Untertiteln, so Jenny-Holzer-mäßige Truisms. Heute noch sind Bildtitel für mich essenziell.

Hast du nach dem Abi Kunst studiert? 
Nein, das stand gar nicht zur Debatte. Weder war es vorgelebte Realität, noch hätte ich mir vorstellen können, dass Kunst überhaupt eine Profession sein kann. Ich studierte VWL in München und in Stockholm: etwas „Anständiges“. Das war meinen Eltern wichtig, die selbst nicht studiert hatten. Es passte aber auch zu meinem Interesse an den Schnittmengen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Während des Studiums in Stockholm mietete ich mir aber ein Atelier und bereitete dort meine Mappe für die Akademie der Bildenden Künste in Wien vor.

Warum eigentlich Wien? 
Ich wollte unbedingt in Daniel Richters Klasse. Er war für mich schon als Teenager ein Hero, einerseits mit seinem Musikhintergrund, aber auch diese Post-Punk Schnauze und diese Ästhetik, die mich vom Graffiti her kommend abgeholt hat, das Knallig-Politische.

Wurdest du gleich aufgenommen?
Ja, wir hatten ein supergutes Aufnahmegespräch, daran erinnere ich mich. Im Nachhinein wundert es mich trotzdem ein bisschen, dass er mich genommen hat.

Vielleicht war deine Mappe ja so überzeugend?  
Sie war vor allem superpenibel gestaltet, sehr schön alles abgeklebt, mit Passepartouts für die Bilder (lacht).

Auch hier ist ja alles sehr geordnet, die Farbtuben liegen in Reih‘ und Glied…
Ja, das mir ist das wichtig. Ich kann nicht arbeiten, wenn das Werkzeug nicht bereitsteht (lacht).

Mit dieser ordentlichen Präsentation hast du dich vielleicht von vielen abgehoben…
Das auf jeden Fall, aber Richter fand das wahrscheinlich nicht unbedingt so sexy. Aber wir sprachen eigentlich gar nicht über meine Mappe, sondern über De Kooning. Dass er die besten Arbeiten malte, als er schon Alzheimer hatte. Und das fand Richter irgendwie kurios und nahm mich auf; meinen Abschluss machte ich 2023.

2 Marc Henry Christoph Liebentritt

Wie hast du danach eine Galerie gefunden? 
Ich nahm immer an den Ausstellungen bei den Rundgängen an der Akademie teil, und unsere Klasse hatte auf der Parallel Messe einen Stand; besonders wichtig waren aber auch eigene Ausstellungsprojekte abseits der Akademie. Ich war sehr glücklich, ein halbes Jahr vor meinem Abschluss bei der Galerie Kandlhofer reinzukommen.

Welchen Tipp würdest du anderen jüngeren Künstler:innen geben, um an eine Galerie zu kommen?
Das ist pauschal schwer zu sagen. Ich glaube, am wichtigsten ist, dass die Arbeit stimmt. Ich versuchte, das ganze Studium über etwas zu entwickeln, das für mich eine Tragfähigkeit hat. Und dann war wichtig, in den richtigen Momenten auch die richtigen Leute gehabt zu haben und gefördert zu werden. Und: Ich ging voll ins Risiko, setzte alles auf diese Karte, und hatte immer wieder Glück.

Inwiefern?
Dass in Momenten, wo das Konto dreimal überzogen war, auf einmal jemand zwei Bilder kaufte. Ich glaube aber schon, dass man eine eigene Position herausarbeiten muss, auch unabhängig von einem Feedback des Marktes. Ich hörte zum Beispiel am Anfang oft, meine Bilder seien zu düster. Aber man muss etwas entwickeln, das einen selbst interessiert und herausfordert.

Wie läuft dein Arbeitsprozess? 
Ein wichtiger Teil der Arbeit findet im Digitalen und am PC statt. Die Bildfindung funktioniert über digitale Bildwelten. Mich interessieren digitale Medienlandschaften, ich habe mir über die Jahre ein Archiv an Fotografien aufgebaut, aus denen ich Ideen speise. Es geht um die Rezeption von Medienbildern, wie Bilder manipuliert und zugeschnitten werden. Dann baue ich mir am Laptop Photoshop Collagen, auch aus eigenen Fotografien.

Wie verwendest du diese aus dem Internet generierten Collagen?
Eigentlich nur als Skizze. Ich drucke sie aus und hänge sie im Studio neben meinen Arbeitsplatz, sehe aber nur aus dem Augenwinkel drauf. Mir wird es immer wichtiger, in die Materialität reinzugehen. Ich will vom Digitalen weg in das Analoge, aber ich glaube, was sich in den Bildern vielleicht unterbewusst zeigt, ist, dass sie nach klassischen Malregeln konstruiert sind - und auch wieder bewusst damit brechen.

Denkst du, es ist der rote Faden deiner Arbeit, dass du althergebrachte Techniken respektierst und ins Heute mitnimmst?
Ja, absolut. Ich glaube, dass handwerkliches Bewusstsein sehr wichtig ist. 
Man muss Theorie und Praxis kennen, um damit zu brechen. Ich habe das Gefühl, dass in der Malerei oft Fehler gemacht werden. Beuys hat ja gesagt, „Der Fehler fängt schon an, wenn einer sich anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen“ (lacht). Er hat es natürlich anders gemeint, aber es stimmt schon ein bisschen.

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Apropos Handwerk: Malst du schnell? 
Der erste Wurf ist recht schnell - innerhalb eines zehnstündigen Arbeitstages - und dann entscheide ich, ob ich das Bild behalte oder wegschmeiße. Wenn ich es behalte, arbeite ich dann über Wochen an Details.

Was inspiriert dich?
Spannend finde ich vor allem Momente, in denen nicht mehr ganz klar ist, ob man etwas als Erinnerung, als Inszenierung oder als Realität liest. Daraus entwickelt sich für mich oft eine spekulative Narration, die viel mit fabrizierter Erinnerung und dem postfaktischen Zeitalter zu tun hat. Gleichzeitig fließen auch politische und gesellschaftliche Umstände in die Arbeit ein. Diese Hauptthemen versuche ich für jedes Ausstellungsprojekt neu aufzufächern.

Gib mir bitte ein Beispiel.
Im Herbst eröffne ich meine erste institutionelle Einzelausstellung im Neuen Aachener Kunstverein. Darin beschäftige ich mich mit der Frage, wie formbar Realität im postfaktischen Zeitalter geworden ist, und übersetze das in eine räumliche Dramaturgie. Ein wichtiger Ausgangspunkt ist für mich Johannes Keplers Somnium von 1609 —wo sich bereits zeigt, dass Fiktion nicht nur Erkenntnis ermöglichen kann, sondern auch als Projektionsfläche für Verschwörungen dient. Mich interessiert, wie sich diese historische Konstellation in unsere Gegenwart übersetzen lässt, also in Medienlandschaften, in denen Fakten, Spekulation, Emotion und Bildproduktion zunehmend ineinander übergehen und Verschwörungserzählungen oft mit einer Ästhetik von Evidenz und scheinbarer Logik arbeiten.

Und wie steht es mit der Technik?
Die emotionale Topographie des Film Noir beeinflusst meine Arbeit nicht nur in den Motiven, sondern auch in der Malweise. Ich arbeite auf extrem groben Leinen und dann kratze ich immer wieder die darunterliegenden Schichten hervor; die Struktur der Leinwand „brutzelt“ sich durch die Farbschichten… Dadurch entsteht, wie in einem Analogfilm, ein “Grain”.

Die Interieurs, die darauf entstehen, wirken manchmal wie aus den 1950ern?
Grundsätzlich finde ich es interessant, Bilder zu malen, die zeitgenössisch sind bzw sich als zeitgenössisch outen. Das will ich aber erreichen, ohne so Nicole Eisenman mäßig ein iPhone 16 in die Bilder reinzumalen. Ich möchte die Bilder im Jetzt verorten, aber auch diese Zeitachsen haben, die einen verunsichern, ob es nicht doch vor 50 Jahren war – oder in der Zukunft stattfindet. 

Von der Zeit zum Narrativ: Was erzählen deine Bilder? 
Für mich ist superwichtig, dass sich Betrachtende in einer Ausstellung selbst eine Geschichte überlegen. Ich finde, eine gute Schau gibt Eckpfeiler vor, und die Kapitel schreiben sich die Besucher:innen selbst. Ich will eine gewisse Narration reinbringen, aber ich glaube, dass diese nur ein Teil der Wahrheit ist.

Du sprachst von der Realität im postfaktischen Zeitalter: Was ist für dich Realität?
Gerade in der Malerei hat das Ölgemälde interessanterweise immer noch etwas Faktisches. Es hält etwas über die Zeit hinweg fest - das ist zumindest die Idee. Man kann eine Fiktion festhalten und damit validieren. Das finde ich an dem Medium so spannend. 

Weil wir dem Bild vertrauen?
Ja, auch in Zeiten von KI und Photoshop. Und auch davor gab es schon Methoden, Bilder zu manipulieren, etwa in der Dunkelkammer. Dass das Bild relativ wenig an seiner Wahrheitsbehauptung eingebüßt hat, ist erstaunlich.

Beobachtest du mit deinen Arbeiten deine eigene Generation?
Ich zeige eine gesellschaftliche Realität, die sich aus der Beobachtung meiner Generation speist. Ich werde bald 30, und bin Teil einer Generation, deren Jugend sehr politisiert war. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass ein Rückzug ins Private stattfindet.

Die domestizierte Generation? Das neue Biedermeier?
Ja, ich finde schon, dass es zum Teil stimmt.

Und du machst die Kunst dazu?
Es ist ein Teilaspekt, der mich irgendwie beschäftigt. Ich will nicht zwingend meine Generation abbilden, aber doch mitverhandeln.

Wie viel spielt eigentlich noch deine wirtschaftliche Ausbildung in deine Arbeit hinein?
Zum Beispiel hat sie in die Ausstellung Theorie der feinen Leute in Berlin letztes Jahr stark reingespielt. Meine Inspiration war das gleichnamige Buch von Thorstein Veblen, ein früher Soziologe und Ökonom, auf den ich während des Studiums gestoßen war. Da geht es um die prestigeerzeugende Funktion des Konsums; das in der Kunst neu zu deuten und zu denken war interessant.

Würdest du sagen, dass deine Arbeit generell konsumkritisch ist?
Nein, und ich mache sicher keine politische Kunst. Aber für mich verhandelt meine Arbeit einen gewissen eigenen Blick auf Gesellschaft, der wiederum durch einen gewissen Blick auf Wirtschaft geprägt ist. Wir leben gerade in vielerlei Hinsicht in einer sehr existenzialistischen Epoche. Mein Freund Timotheus Ueberall hat in seinem Buch Crazyland über einen Menschen den Satz geschrieben: „Als hätte der Herrgott ihn gerade eben erst in die Welt gewürfelt“. Das passt total zu meinen Protagonist:innen.

Apropos Schriftsteller: Auch deine Titel sind außergewöhnlich. 
Die Idee von Text ist wichtig, weil man eine Bedeutungsebene hinzufügen kann - oder in die Irre führen. Daher sind Bildtitel relevant, und ich finde es eher denkfaul, wenn sich Künstler:innen keine einfallen lassen.

Arbeitest du lange an deinen Bildtiteln?
Ja, manchmal gibt es die Titel, bevor es die Bilder gibt - dann muss ich das Bild nur noch malen (lacht). Auch das Gegenteil passiert: Bilder werden in Kürze abgeholt, und ich muss mir mal eben zehn Titel einfallen lassen. Aber ich habe eine stetige Liste, auf die ich mir Titel notiere, das hilft. 

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Ein Gemälde nanntest du „Looking for fun“ – es zeigte allerdings einen einsamen Wachmann im Schnee. Wo suchst du selbst nach Spaß? Wenn man von ihrer Grundstimmung ausgeht, doch eher nicht in deinen Bildern?
Doch, mir machen die Bilder wahnsinnig viel Spaß - also sie zu malen. Aber ich bin wahrscheinlich auch ein melancholischer Mensch – aber eher so im Dürer‘schen Sinne. Meine Bilder haben einen gewissen Twist, eine andere, lustvolle Ebene; schwermütig sind sie nur auf den ersten Blick. Ich empfinde sie nicht als düster; und verstehe gar nicht, warum Leute manchmal denken, es handle sich um Mordszenen.

Du zeigst Menschen, aber auch Natur. Ist die Romantik des 19. Jahrhunderts eine Inspiration? 
Die Natur ist in meinen Bildern der Gegensatz zu den sehr artifiziellen Welten bzw. Businesswelten, den Maschinenräumen des Kapitalismus. So stelle ich eine domestizierte Metapher von Natur, zum Beispiel Blumen in der Vase, in ein Business-Interieur. Oder eine Zypresse in ein Museumsdisplay…

Reizt dich der Gegensatz von Künstlichkeit und Natur?
Es interessiert mich, die Vorstellung der deutschen Romantik in der Malerei auf den Kopf zu stellen. Etwa bei Caspar David Friedrich, wo sich der Mensch die Natur unterjocht. Meine Naturarbeiten drehen diese Vorstellung um, im Sinne von: Du kannst eigentlich nicht einmal hinter den nächsten Baum schauen. Das ist eine Metapher für die Grenzen menschlicher Erkenntnis.

Was sind die nächsten Projekte?
Im April steht eine Residency im Palazzo Monti in Brescia an, danach präsentiere ich in Venedig meine erste Monografie. Dann kommt die Liste Art Basel mit der Berliner Galerie Anton Janizewski. Im September mache ich erst mit Lisa Kandlhofer eine Groupshow bei der Frieze Seoul und dann, wie bereits erwähnt, im Neuen Aachener Kunstverein meine erste institutionelle Ausstellung.

Das hört sich nach viel Arbeit an; kommst du noch zum Malen?
Zurzeit arbeite ich sechs Tage die Woche durch, von zehn bis Mitternacht…

Wie findest du das Leben und Arbeiten in Wien? 
Ich fühle mich super wohl, bin jetzt auch schon recht lange da. Es ist eine Stadt, die für Künstler:innen leistbar ist und mit der Akademie und der Angewandten ein fruchtbares Biotop zu Entwicklung und Etablierung der eigenen Position bietet. Das ist in dieser Kombination ziemlich einmalig.

Text: Alexandra Markl
Foto: Christoph Liebentritt

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